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Atommüll: Wie Finnland und Schweden Endlager planen | BR24

© pa/dpa

Das finnische Endlager Onaklo

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    Atommüll: Wie Finnland und Schweden Endlager planen

    Nicht überall auf der Welt sind die Vorbehalte gegen ein Atommüllendlager so groß wie in Deutschland. In Schweden und Finnland gestaltet sich die Standortfrage einfacher. Das hat auch mit Wohltaten zu tun, die der Staat gewährt.

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    Von
    • Carsten Schmiester

    Für Finnland und Schweden bleibt die Nutzung der Kernenergie auch in Zukunft wichtig. In Schweden liegt der Anteil von Atomstrom heute bei etwa 40 Prozent, in Finnland bei rund 30 Prozent, könnte aber laut Planung sogar verdoppelt werden. Nur wenige Finnen und Schweden sind dagegen und sie akzeptieren auch Verantwortung für die Endlagerung radioaktiver Abfälle. Finnland sieht sich da weltweit vorn und hat bereits mit dem Bau begonnen.

    Das Problem mit der Ewigkeit

    Doch es gibt auch Kritiker. Was werden Erdbewohner tun, wenn es sie in ferner Zukunft noch gibt und wenn sie plötzlich über dem dann lange versiegelten finnischen Endlager für Atommüll stehen? Werden sie die Gefahr erkennen und weggehen oder graben und bohren und vielleicht sterben als Spätfolge finnischer Atompolitik? Diese Fragen wirft die preisgekrönte Dokumentation "Into Eternity" auf, zu Deutsch "in alle Ewigkeit".

    Der Film ist eine der wenigen kritischen Äußerungen, während sonst in Finnland – mit Ausnahme von Teilen der Grünen - fast alle quer durch die Parteien auf Atomstrom setzen.

    Der Staat versprach den Bürgern Jobs und Wohlstand

    Die Suche nach einem Endlager hat in Finnland Mitte der 1980er Jahre begonnen. Etwa 20 Jahre später stimmte der Gemeinderat im westfinnischen Eurajoki mit 20 zu sieben Stimmen dem Plan zu, in der Nähe des lange bestehenden Kraftwerkkomplexes Olkiluoto dieses Lager zu bauen: Es heißt "Onkalo", auf Deutsch "Höhle", aber auch "Versteck".

    Jobs, Steuereinnahmen - 60 Prozent der lokalen Bevölkerung waren dafür. Im finnischen Parlament gab es sogar eine nahezu einstimmige Mehrheit. Entsprechend selbstsicher feierte der damalige Wirtschaftsminister Olli Rehn das "Go" für dieses nach Schätzungen dreieinhalb Milliarden Euro teure Projekt, nachdem die Baugenehmigung für das weltweit erste Endlager erteilt war.

    "Finnland ist damit bei der Behandlung von Atommüll weltweit ganz vorn dabei. Was Finnland aber auch dazu verpflichtet, diese Dinge in Zukunft verantwortungsvoll und vor allem sicher zu behandeln." Olli Rehn, ehemaliger finnischer Wirtschaftsminister

    Bald werden die ersten Atommüllbehälter versenkt

    Bis zu einer Tiefe von fast 500 Metern werden Tunnelröhren in den Granit gesprengt. Das Gestein ist lange untersucht worden und viele Experten gehen davon aus, dass dort hochradioaktive Abfälle aus Finnlands Kraftwerken für mindestens 100.000 Jahre gelagert werden können.

    Das Atommüllendlager "Onkalo" gilt als erdbebensicher, es gibt wenig Grundwasser und in Modellen hat das Lager selbst eine neue Eiszeit überstanden. Die ersten kupferumhüllten Atommüllbehälter sollen nun ab 2023 in Löcher versenkt und dann versiegelt werden. Nach etwa einhundert Jahren wird "Onkalo" voll sein und "für alle Zeiten" geschlossen.

    Nur, wie sollen Menschen weit in der Zukunft wissen, was da im Granit liegt und wie gefährlich es ist? Soll man sie mit steinernen Säulen warnen oder soll es einen völligen Rückbau an der Oberfläche geben, waldüberwuchert, unauffindbar? Eine von vielen offenen Fragen in Finnland. Die Mehrheit sieht "Onkalo" dennoch als die zurzeit beste Lösung des Endlagerproblems.

    Schweden: Sicherheit für 100.000 Jahre

    Auch in Schweden zeichnet sich ein Endlagerstandort ab. Es könnte Forsmark in der Gemeinde Östhammar etwa 140 Kilometer nördlich von Stockholm werden. Seit den 1980er Jahren wird im dortigen Kernkraftwerk ein Sechstel des schwedisches Stromes erzeugt und wenn es nach den örtlichen Politikern geht, soll dort auch Schwedens Endlager für hochradioaktiven Atommüll gebaut werden.

    Wie in Onkalo liegt es etwa 500 Meter tief im Gestein und ist angeblich auch sicher für 100.000 Jahre. Erst vor wenigen Tagen hat der Rat der wegen des Kraftwerks und eines großen Maschinenherstellers wohlhabenden Gemeinde mit gut 20.000 Einwohnern das "Okay" gegeben. Um Geld und Jobs ging es dabei wohl nicht in allererster Linie, alles schon da. Obwohl ein bisschen mehr auch in Östhammar immer willkommen ist.

    Viele Bürger vertrauen Staat und Behörden

    Vielleicht ist das Vertrauen, das Schweden traditionell in Behörden und Staat haben, der Hauptgrund dafür, dass sich kaum jemand daran stört; Vertrauen in Leute wie Gemeinderat Jacob Spangenberg, der die Anlage für sicher hält. "Wir sind der Meinung, dass alle Anforderungen laut Analysen der Strahlensicherheitsbehörde und des Umweltgerichts erfüllt sind. Soweit wir das als Laien beurteilen können, ist damit langfristige Sicherheit gegeben."

    Die Mehrheit der Menschen denkt so, aber nicht alle. Tora Degelid hat ihre Zweifel. Sie fragt sich, ob die Bürger in Schweden vielleicht nicht alle Informationen über Risiken bekommen haben. "Die Leute in Östhammar kümmert es nicht besonders. Da frage ich mich aber, warum man sich anderswo auf der Welt Sorgen macht?"

    Ein kleiner Trost für Tora: Noch kann der Bau des schwedischen Endlagers nicht beginnen. Die abschließende Entscheidung liegt bei der rot-grünen Minderheitsregierung in Stockholm und die prüft noch. Rot-Grün will langfristig eher aus der Kernenergie aussteigen. Doch die bürgerliche Opposition in Schweden sieht das anders, hält Atomkraft für sicher und vor allem "klimafreundlich". Die Opposition könnte die nächste Wahl in zwei Jahren durchaus gewinnen.

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