Der 15. April 2023 ist ein historischer Tag: Deutschland vollzieht den Atomausstieg.
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Der 15. April 2023 ist ein historischer Tag: Deutschland vollzieht den Atomausstieg.

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Atomausstieg: Was Sie zur AKW-Abschaltung wissen müssen

Mehr als 60 Jahre lang wurde in Deutschland Strom aus Atomenergie gewonnen. Ab heute ist damit Schluss. Die letzten drei AKWs gehen vom Netz. Wie läuft das genau ab? Was passiert mit den Strompreisen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Der 15. April 2023 ist ein historischer Tag: Deutschland vollzieht den Atomausstieg. Mit Isar 2 und Neckarwestheim 2 sowie Emsland gehen die letzten drei von insgesamt 35 Reaktoren vom Netz, die in Deutschland zur Stromproduktion gebaut wurden. Eigentlich hätte der Atomausstieg schon zum Jahreswechsel erfolgen sollen; wegen der Energiekrise beschloss die Bundesregierung aber eine Verschiebung der Abschaltung um dreieinhalb Monate.

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Mit Isar 2 und Neckarwestheim 2 sowie Emsland gehen die letzten drei Reaktoren vom Netz.

Warum werden die AKWs abgeschaltet?

Die Abschaltung der Atomkraftwerke erfolgt auf Grundlage des Ausstiegsbeschlusses der damaligen rot-grünen Bundesregierung von 2002 beziehungsweise dessen Neuauflage 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima durch die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Im Atomgesetz ist seither auch ein Neubau von Atomkraftwerken untersagt. Begründet wird das mit den Sicherheitsrisiken der Atomkraft-Nutzung, schlechter Kompatibilität mit erneuerbaren Energien sowie dem Problem der Atommüll-Endlagerung.

Wie läuft die Abschaltung ab?

Mit dem 15.04.2023 endet für die Atomkraftwerke die sogenannte Berechtigung zum Leistungsbetrieb. Das heißt: Die Anlagen müssen abgeschaltet werden. Dazu wird die Leistung der Reaktoren kontinuierlich abgesenkt. Das geschieht durch das schrittweise Einfahren von sogenannten Steuerstäben in den Reaktorkernen – diese dienen der Regelung und Abschaltung eines Kernreaktors. Danach wird der Generator vom Stromnetz genommen und der Reaktor komplett abgeschaltet.

Nach der Abschaltung müssen die Atomkraftwerke unter hohen Sicherheitsstandards zurückgebaut werden. Dazu gehört beispielsweise die Abkühlung der hochradioaktiven Brennelemente in sogenannten Abklingbecken. Der Abkühlungsprozess dauert mehrere Jahre, dann erst können die Brennelemente in sogenannten Castorbehältern in Zwischenlagern auf dem jeweiligen Kraftwerksgelände aufbewahrt werden.

Gibt es ein Endlager für Atommüll?

Nein. Es wird immer noch nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle gesucht. In den 1970er-Jahren hatten die politischen Entscheidungsträger das niedersächsische Bergwerk Gorleben ohne Mitbestimmung der Bevölkerung als Endlager-Standort festgelegt – und damit große Proteste ausgelöst. 2017 wurde ein neues Verfahren dafür gestartet, um die Öffentlichkeit einzubeziehen. Eine Karte mit möglichen Endlagerstandorten finden Sie hier. Doch es bleibt eine Mammutaufgabe, denn wer möchte schon Tür an Tür mit einem Lager für Atommüll wohnen? Die Suche nach einem Atommüll-Endlager sorgt in vielen Regionen Deutschlands für Unruhe – auch in Niederbayern, wo der Saldenburger Granit im Bayerischen Wald zur Diskussion steht.

Per Gesetz verankert ist, dass der Müll in Deutschland unterirdisch für mindestens eine Million Jahre sicher gelagert werden muss – aber jederzeit auch wieder an die Oberfläche zu holen sein soll.

Immerhin: für schwach- und mittelradioaktive Abfälle ist ein Endlager bereits gefunden. Das ehemalige Eisenerzbergwerk in Salzgitter, Schacht Konrad, ist dem Bundesamt für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE) zufolge das erste nach Atomrecht genehmigte Endlager für diesen Zweck. Es soll 2027 in Betrieb gehen.

Ist das Abschalten gefährlich?

Jein. Kernkraftwerke wurden in der Vergangenheit immer mal wieder heruntergefahren und vom Netz genommen – etwa für Wartungsarbeiten. Die Betreiber des Kraftwerks Isar 2 sprechen deshalb von einem Routineprozess, der aber trotzdem höchste Konzentration erfordert. Denn Atomkraft ist und bleibt eine Hochrisikotechnologie. "Ein folgenschwerer Unfall mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt durch Verlust von Kontrolle über das Kraftwerk kann nie komplett ausgeschlossen werden", schreibt das BASE auf seiner Homepage.

Aber: Sobald ein Kraftwerk abgeschaltet ist, sinkt die Gefahr eines Unfalls dramatisch, erklärt Joachim Knebel, wissenschaftlicher Leiter am Karlsruher Institut für Technologie KIT, im Interview mit der Deutschen Welle (DW): "Ein Kernkraftwerk abschalten heißt, die nukleare Kettenreaktion zu stoppen. Und die ist das potenziell Gefährliche an einem Kernkraftwerk."

Eine Risikoquelle bleiben die Brennelemente. Denn der natürliche Zerfall der darin enthaltenen radioaktiven Stoffe läuft auch nach dem Abschalten noch weiter. Diese sogenannte Nachzerfallswärme reicht aus, um die Brennstäbe so hoch zu erhitzen, dass sie schmelzen, wenn sie nicht gekühlt werden. Deshalb muss die Kühlkette ständig aufrechterhalten werden – und das für die nächsten Jahre.

Was passiert nach der Abschaltung mit dem Gelände eines AKWs?

Erst einmal nichts. Atomkraftgegner fordern zwar immer wieder "blühende Wiesen", die nach dem Abbau eines Kernkraftwerks das Land wieder in seinen natürlichen Zustand zurückbringen sollen. Doch das ist nicht so leicht. Denn die Gebäude können nicht einfach abgerissen werden, solange sich radioaktive Elemente darin befinden.

Wurden die Brennelemente entfernt, sind die Aktivitätsmengen jedoch nur noch gering – beispielsweise, wenn der Reaktordruckbehälter selbst radioaktiv geworden ist. Das BASE rechnet mit rund 15 Jahren für den Abbau eines Meilers, bis er aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen werden kann. Hinzu kommen noch etwa zwei Jahre für den Abriss der Gebäude. Nach der Planung des Betreibers RWE wird die Anlage Emsland beispielsweise im Jahr 2037 nachweislich frei von jeder Radioaktivität sein.

  • Zum Artikel: "AKW Gundremmingen: Kann man alte Kühltürme neu nutzen?"

Wie viel Strom haben die AKWs erzeugt?

Nach Angaben des Vereins Kerntechnik Deutschland haben deutsche Atomkraftwerke zwischen 1961 und Ende 2021 rund 5.560 Milliarden Kilowattstunden Strom brutto erzeugt. Mit einer Kilowattstunde Strom kann man zum Beispiel eine Stunde staubsaugen.

Der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix lag viele Jahre bei rund einem Drittel. Der schrittweise deutsche Atomausstieg führte dazu, dass er 2022 nur noch 6,4 Prozent ausmachte. Zum Vergleich: Grüne Energie brachte es im vergangenen Jahr auf einen Anteil von 46,3 Prozent, Kohle lag bei 33,3 und Erdgas bei 11,4 Prozent.

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Der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix hat 2022 nur noch 6,4 Prozent ausgemacht.

Hat die Abschaltung Auswirkungen auf die Stromversorgungssicherheit?

Dazu gehen die Einschätzungen auseinander. Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian, hat vor Engpässen gewarnt. "Beim Thema Versorgungssicherheit sind wir noch nicht über den Berg", sagte er der "Rheinischen Post". Das gelte auch langfristig. Ähnlich argumentieren Politiker von CDU und FDP.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hingegen hatte in einem Interview eine sichere Energieversorgung nach dem Ausstieg aus der Atomkraft garantiert. "Die Energieversorgungssicherheit in Deutschland wurde in diesem schwierigen Winter gewährleistet und wird auch weiter gewährleistet sein", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Lage sei durch die hohen Füllstände in den Gasspeichern, die neuen Flüssiggasterminals an den norddeutschen Küsten und durch mehr erneuerbare Energien gut. Habeck prognostizierte einen Anteil von 80 Prozent erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030.

Was bedeutet der Atomausstieg für den Strompreis?

Laut Experten erst einmal nichts. "Die Marktakteure haben sich bereits auf die neue Situation eingestellt. Strom wird bereits jetzt für die kommenden Wochen und Monate gehandelt, und es sind keine Preisanstiege an den Märkten erkennbar", sagt Christina Wallraf von der Verbraucherzentrale NRW.

Auch das Vergleichsportal Verivox erwartet kurzfristig keine konkreten Auswirkungen auf die Strompreise für Haushaltskunden. "Mittel- bis langfristig könnte die Abschaltung schon Auswirkungen haben, da mit der Kernkraft günstige Stromkapazitäten aus dem Markt genommen werden, die vor allem in Zeiten hoher Nachfrage ersetzt werden müssen", sagt Energieexperte Thorsten Storck. "Hier wird es darauf ankommen, wie schnell der Ausbau der Erneuerbaren voranschreitet und wie gut die fehlenden Kapazitäten ausgeglichen werden können."

Übrigens: Atomkraft hat zwar einen "günstigen" Ruf, wird dem in Wirklichkeit aber nicht gerecht. Für 2021 hatten die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags die gesamtgesellschaftlichen Stromkosten verglichen – darin sind beispielsweise Subventionen und Umweltschäden enthalten. Mit 37,8 Cent pro Kilowattstunde war Atomstrom demnach mit Abstand am teuersten. Kohle liegt nach dieser Berechnung zwischen 23,3 und 25,6 Cent, Solar bei 22,8 Cent und Wind zwischen 8,8 und 18,5 Cent pro Kilowattstunde.

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Mit 37,8 Cent pro Kilowattstunde war Atomstrom 2021 mit Abstand am teuersten.

Wie wirkt sich der Atomausstieg auf die CO2-Bilanz aus?

Kurzfristig betrachtet werden die CO2-Emissionen wegen des Atomausstiegs wohl steigen. Denn der Atomstrom, der nicht durch erneuerbare Energien gedeckt werde, müsse durch Strom aus Kohle und Gas kompensiert werden, sagt Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbands.

Angesichts der Klimakrise gibt es deshalb immer wieder Forderungen nach einer weiteren Nutzung der Atomkraft in Deutschland. Häufig wird behauptet, die Atomkraft sei CO2-frei. Dem widerspricht das Umweltbundesamt: Unter anderem beim Uranabbau, dem Betrieb der Kraftwerke und der Endlagerung würden Treibhausgasemissionen anfallen. Der CO2-Einspareffekt durch einen Weiterbetrieb der AKWs wäre deshalb nur gering, sagen die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags. Das sieht auch das Ifo-Institut so: "Laufzeitverlängerte Atomkraftwerke in Deutschland sparen nur geringe Mengen an Erdgas ein und behindern im Gegenzug mittelfristig den Ausbau der Erneuerbaren Energien."

Wer trägt die Verantwortung – und die Kosten?

Der Atomausstieg wird kostspielig – so viel steht fest. Eine Kommission hat die Gesamtkosten unter anderem für Stilllegung und Rückbau der Meiler sowie die Transporte und die Lagerung der Abfälle auf 48,8 Milliarden Euro geschätzt. Daraufhin wurde ein Fonds eingerichtet, in den die Betreiber der Atomkraftwerke einzahlen mussten. Aus diesem Betrag soll die Zwischen- und Endlagerung bezahlt werden.

Die Energieversorger sind nach dem Verursacherprinzip auch für die Kosten von Stilllegung und Rückbau der Meiler verantwortlich. RWE zufolge schwanken die Kosten für den Nachbetrieb und Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Größe, Alter und Betriebsstunden der Anlagen zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Euro.

Mit Informationen von dpa, AFP, Reuters und ots

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