Nach der Weltnaturkonferenz im kanadischen Montreal geht die Arbeit erst richtig los. "Die Umsetzung ist immer das schwierigste", sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke im ARD-Interview. Die Hausaufgaben würden jetzt alle Minister aus Montreal mit nach Hause nehmen. Das gilt auch für sie.
Landschaften oft in keinem guten Zustand
Denn Deutschland steht bisher nicht gut da, heißt es aus der Wissenschaft. Wolfgang Lucht, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgen-Forschung mahnt: "80 Prozent der Landschaften sind in einem ökologisch schlechten Zustand." Das betreffe die Wälder, die Gewässer und auch die agrarisch stark genutzte Landschaft.
Von dem in Montreal vereinbarten Ziel, 30 Prozent der Landes- und 30 Prozent der Wasserflächen unter Schutz zu stellen, sei Deutschland weit entfernt, erklärt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: "Wir haben erst 17 bis 18 Prozent Naturschutzgebietsflächen ganz grob." Deutschland müsse in den nächsten Jahren deutlich mehr Flächen unter Schutz stellen – und zwar mit strengen Schutzkriterien. "Um wirklich Artenvielfalt zu schützen oder sogar zu fördern, braucht es einen effektiven Schutz und nicht nur oberflächliche Maßnahmen", berichtet Lucht. Die Bundesregierung kommt bei den Schutzgebieten auf deutlich höhere Prozentwerte.
Wissenschaftler fordern strengeren Schutz
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums hat Deutschland das 30-Prozent-Ziel schon erreicht. Das Ministerium bezieht sämtliche, auch weniger geschützte Gebiete mit ein. Wissenschaftler betonen aber: Das Label "Schutzgebiet" sage noch nichts über die Qualität des Schutzes aus, so Forscher Wolfgang Lucht. Deutschland müsse viel stärker auf eine bessere Schutzqualität achten. Lucht mahnt: "Was wir nicht brauchen, sind statistisch schöngerechnete Zahlen."
Deutschland erreiche seine Ziele auch bei den "Wildnis-Gebieten" nicht. Zwei Prozent aller Flächen sollten für Gebiete, in denen sich die Natur frei und ohne Einschränkungen entwickeln kann, zur Verfügung stehen. Tatsächlich sind es nur 0,6 Prozent, sagt Lucht. Nach seinen Beobachtungen gibt es keine politischen Anstrengungen, diese Gebiete ausweiten zu wollen. Auch Josef Settele, der im Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen sitzt, fordert: mehr Flächen unter einen hohen Schutz zu stellen.
Einsatz von Spritzmitteln soll halbiert werden
Mehr Schutzflächen allein werden den Artenschutz jedoch nicht retten. Auch alle anderen Gebiete wie landwirtschaftliche Nutzflächen müssen besser geschützt werden, fordern die Wissenschaftler.
Auf der Weltnaturkonferenz wurde beschlossen, den Einsatz von Spritzmitteln bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren. In Deutschland stagniert laut dem Pestizid-Atlas 2022 der Einsatz chemischer Spritzmittel seit Jahren auf hohem Niveau. Settele vom Helmholz-Zentrum fordert deshalb, Pestizide in der Landwirtschaft "gravierend zurückzufahren". "Über die Maße" würden die Stoffe nach wie vor ausgebracht, kritisiert er. Er verweist auf Studien, die belegen würden, dass weniger Spritzmittel nicht unbedingt weniger Ernte zur Folge hätten.
Deutschland für Artensterben verantwortlich
Die hiesige Landwirtschaft muss viel stärker umgebaut werden, fordert Josef Settele. Denn: "Wir importieren zu viel Futtermittel für die Tiere bzw. für den Fleischkonsum". Neben dem Artensterben hierzulande sei Deutschland in der Folge auch für das Artensterben im Globalen Süden mitverantwortlich. Es wäre sinnvoller, auf den Flächen im Ausland Nahrungsmittel für die Menschen vor Ort anzubauen als Futtermittel für unsere Tierhaltung, sagt Settele.
Abbau umweltschädlicher Subventionen
Eine weitere wichtige Hausaufgabe für Deutschland: der Abbau von Subventionen, die im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimaschäden stehen. Weltweit sollen nach dem Abkommen der Weltnaturkonferenz in Montreal Fördermittel von 500 Milliarden US-Dollar gestrichen werden. Auch in Deutschland gebe es eine lange Liste mit Subventionen beispielsweise im Agrar-, Energie- und Verkehrsbereich, die umweltschädliches Verhalten fördern, sagen Umweltschützer wie Jannes Stoppel von Greenpeace. Es gebe insbesondere für die Landwirtschaft große Töpfe, aus denen zu viel Geld in die konventionelle und zu wenig Geld in die ökologische Landwirtschaft fließe. "Da muss dringend nachgebessert und umgewidmet werden", so Stoppel. Er fordert: "Dass diese Gelder, die vom Staat, von uns Steuerzahlern ausgegeben werden, stärker den Biodiversitätsschutz einfordern." Kein staatliches Geld mehr, wenn die unterstützenden Maßnahmen nicht wenigstens umwelt- und klimaneutral sind.
Ministerin will eine andere Agrarpolitik
Umweltministerin Steffi Lemke hat ähnliche Pläne. Gemeinsam mit ihrem Kabinettskollegen und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir arbeite sie an einer Änderung der EU-Agrarpolitik.
Für Deutschland kündigt die Grünen-Politikerin eine überarbeitete Biodiversitätsstrategie sowie einen Aktionsplan Schutzgebiete an. Vor allem bestehende Schutzgebiete sollen fortentwickelt werden. Lemke spricht aber auch von neuen Kriterien und Überprüfungen, ob das Artensterben gestoppt wird. Ob die Maßnahmen ausreichen, muss sich zeigen.
Herausforderung für Deutschland
"Es gibt jetzt einen großen Fortschritt für den Artenschutz", sagt Lemke mit Blick auf das Abkommen der Weltnaturkonferenz, das sie vor Ort mitverhandelt hat. Es gebe Rückenwind im Kampf gegen das Artensterben.
Die Vereinbarungen der Staatengemeinschaft sind eine Herausforderung – nicht nur für ferne Länder, sondern auch für die Bundesrepublik. Die Grünen-Politikerin wird sich daran messen lassen müssen, ob und wie erfolgreich sie die Ziele von Montreal hierzulande umsetzt.
Zähes Ringen um Abkommen
Etwa zwei Wochen haben rund 5.000 Vertreter aus fast 200 Staaten um ein neues, weltweites Artenschutzabkommen gerungen. Politiker loben die Beschlüsse. Umweltschützer ziehen eine gemischte Bilanz und fordern konkretere und strengere Regeln, Umwelt und Artenvielfalt zu schützen. Von den schätzungsweise acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde sind laut Wissenschaftlern eine Million vom Aussterben bedroht.
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