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Bildrechte: picture alliance/dpa | Carmen Jaspersen

Die Kluft zwischen der Lebenserwartung im deutschen Süden und der im Norden ist dramatisch: Männer sterben in Bremerhaven durchschnittlich 6 Jahre früher als in München. Ausschlaggebend sind sozioökonomische Faktoren wie Armut und Bildungsniveau.

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Armut und Lebenserwartung: Früher Tod in Bremerhaven

Die Kluft zwischen der Lebenserwartung im deutschen Süden und im Norden ist dramatisch: Männer sterben in Bremerhaven durchschnittlich sechs Jahre früher als in München. Ausschlaggebend sind sozioökonomische Faktoren wie Armut und Bildungsniveau.

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Von
  • Mirjam Steger
  • Susanne Betz

Die Kapelle des Friedhofs Geestemünde in Bremerhaven ist so gut wie leer, dabei findet an einem Wintertag die Trauerfeier gleich für drei verstorbene Menschen statt. Der Grund liegt aber nicht an Corona-Schutzmaßnahmen, sondern es handelt sich um eine anonyme Bestattung. Es gibt keine Verwandte, keine Freunde.

Alle drei Verstorbenen wurden keine 80 Jahre alt. Die Zahl der anonymen Bestattungen hat in der Hafenstadt im Nordwesten Deutschlands in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Meist stecken dahinter tragische Lebensgeschichten, bei denen Schulden, Armut und Sucht die Gesundheit belasteten, erklärt Pastorin Susanne Wendorf-von Blumröder von lutherisch-evangelischen Kirchenkreis, die die anonymen Bestattungen betreut und versucht, auch diesen Menschen Respekt zu zollen. Sie forscht auch nach, welche Probleme die Verstorbenen hatten:

"Bei den Männern spielen Alkohol und Drogen eine Rolle. Bei den Frauen ist es mehr die Einsamkeit." Pastorin Susanne Wendorf-von Blumröder, lutherisch-evangelischer Kirchenkreis

Bremerhaven: Die höchste Kinderarmut in Deutschland

Bremerhaven, das zum Bundesland Bremen gehört, hat 113.000 Einwohner und die höchste Kinderarmut in ganz Deutschland. Über 14 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Besonders prekär ist die Situation im Stadtteil Bremerhaven-Lehe: hier ist jeder Dritte ohne Arbeit und jedes zweite Kind wächst in Armut auf. Viele Häuser sind heruntergekommen, die Spielplätze oft verschmutzt. Zufällige Befragungen vor einem großen Discounter ergeben: es werden viele Fertiggerichte gekauft, aber so gut wie kein Obst oder Gemüse.

Professor René Böhme arbeitet als Armutsforscher am Institut für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen. Er weiß durch viele Untersuchungen, auf welche Art und Weise Armut zu Erkrankungen führt.

"Kinder mit niedrigerem Sozialstatus bewegen sich seltener, auch Erwachsene sind weniger draußen. Sowohl bei den Kindern als auch den Jugendlichen können Sie feststellen, dass sie einen höheren Zuckerkonsum haben." René Böhme, Sozialwissenschaftler am Institut für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen

Arme Menschen sterben nach Böhmes Erkenntnissen häufiger an Herzinfarkten, Schlaganfällen, Magen-, Darm-und Lungenkrebs. Und sie sterben früher. Der Lehrstuhl für Demografie der Universität Rostock hat festgestellt, dass die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung am meisten zwischen Ost-und Westdeutschland auseinanderklaffte.

In München werden die Männer am ältesten

Dieser Unterschied ist heute so gut wie ausgeglichen, dafür gibt es ein Nord-Südgefälle: Erreicht ein Mann in München ein durchschnittliches Alter von 81,2 Jahren, so stirbt er in Bremerhaven bereits im Schnitt mit 75,8 Jahren. Bremerhaven ist trauriger Rekordhalter: Dort kommt der Tod am frühsten.

Ist das aber in Beton gegossen? Werden tragische Biografien automatisch vererbt? Müssen Kinder von Eltern, die rauchen, keinen Sport betreiben, adipös sind und oder sich schlecht ernähren, ein ähnliches Leben führen mit allen nachteiligen Folgen für ihre Gesundheit? Nein, meint Anna Werft. Sie ist Gesundheitsfachkraft im Dienst der Bremer Gesundheitsbehörde und arbeitet an der Lutherschule in Bremerhaven-Lehe. Die Schule befindet sich in einem sozialen Brennpunkt.

Kinder sollen ein Gefühl für ihren Körper bekommen

Anna Werft versucht, die Grundschulkinder zu einem gesünderen Leben zu animieren. Sie checkt mit ihnen zusammen ihre Pausenbrot-Boxen, spricht über Obst und Gemüse, lässt sie andere Nahrungsmittel kosten. Sie ermöglicht den Kindern auch, ein neues Gefühl für ihren Körper zu entwickeln. Massagen, Yoga, Sport sollen ihnen Freude machen und eine glücksverheißende Alternative zu Zocken, Tablet und Herumhängen bieten. Anna Werft ist optimistisch:

"Die Kinder sind sehr wissbegierig, und das ist ein großer Pluspunkt für meine Arbeit." Anna Werft, Gesundheitsfachkraft, Bremer Gesundheitsbehörde

Mittlerweile sind an zehn Grundschulen in Bremen und Bremerhaven Gesundheitsfachkräfte tätig, besonders in Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit. Die Kinder sollen ihr neues Wissen dann nach Hause in die Familien tragen, das ist das Ziel.

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