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AOK fördert Apps und Apple Watch | BR24

© pa / dpa

Apple-Watch

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    AOK fördert Apps und Apple Watch

    Krankenversicherungen bieten Apps an, die Daten wie Herzfrequenz oder gar die ganze Krankengeschichte erheben können. Bayerns Datenschutzbeauftragter Thomas Petri aber warnt vor leichtfertigem Umgang mit Gesundheitsdaten. Von Nadine Bader, Berlin

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    Schritte zählen, Blutdruck messen und die Schlafdauer dokumentieren. Die eigene Selbstvermessung und Sammlung von medizinischen Daten hat Hochkonjunktur.

    Krankenkassen wittern das Geschäft

    Ein Trend, den Krankenkassen unterstützen. Schon heute bieten viele ihren Versicherten spezielle Apps an, um die Gesundheit zu fördern. Einige Kassen zahlen im Rahmen von Bonusprogrammen sogar einen Zuschuss für sogenannte Fitness-Tracker, also zum Beispiel Hightech-Armbänder mit Bewegungssensoren. Die AOK Nordost etwa bezuschusst den Kauf einer Apple Watch mit 50 Euro.

    Neue Zielgruppen

    Die AOK bietet derzeit beispielsweise etwa 30 gesundheitsbezogene Apps an. Der Leiter der Abteilung Prävention vom AOK-Bundesverband, Kai Kolpatzik, ist überzeugt von deren Nutzen. Es gehe vor allem darum, neue Menschengruppen zu erreichen, die bisher wenig mit Gesundheitsförderung und gegebenenfalls Lebensstiländerung zu tun gehabt hätten. Zum Beispiel technikaffine Männer. Er selbst nutze eine Lauf-App, um seine Vitaldaten zu erfassen, und um festzuhalten, wie sich sein Gesundheits- und Leistungsverhalten entwickeln. Das Angebot bei den gesetzlichen Krankenversicherungen geht von speziellen Schwangeren-Apps, Apps zur Abnehmhilfe bis hin zu Diabetes-Tagebüchern.

    Hochsensible Daten

    Das Interesse der Krankenkassen, ihren Mitgliedern mit dem Angebot zu einem gesünderen Leben zu verhelfen – und selbst langfristig Kosten einzusparen, ist nachvollziehbar. Aber Daten- und Verbraucherschützer sind skeptisch: Mit der Nutzung von Gesundheits-Apps und von Fitness-Trackern geben die Versicherten persönliche Informationen weiter, die ausgewertet werden könnten. Der bayerische Datenschutzbeauftragte, Thomas Petri, warnt vor einem leichtfertigen Umgang mit den eigenen Gesundheitsdaten. Die Mitglieder gesetzlicher Kassen seien zwar per Gesetz vor der unbedachten Preisgabe sensibler Daten geschützt. Und Krankenkassen dürften personenbezogene Daten ihrer Versicherten nur insoweit sammeln, als dies für ihre Aufgabenerfüllung erforderlich sei. Trotzdem hat Thomas Petri datenschutzrechtliche Bedenken.

    "Das Problem bei den gesetzlichen Krankenversicherungen ist: Wenn sie Apps anbieten, die nicht von ihnen selber entwickelt worden sind, dann stellt sich die Frage: Wer bekommt denn eigentlich die Daten, die diese App erhebt, wo gehen diese Daten hin? Gehen sie an die Krankenkasse zurück? Dann stellt sich die Frage: Was macht die Krankenkasse mit solchen Daten? Wenn die Daten nicht an die Krankenkasse fließen, sondern an andere, zum Beispiel den App-Entwickler oder einen Anbieter, stellt sich die Frage: Was macht der denn mit den Daten?" Thomas Petri

    Solche Anbieter seien nicht wie die Krankenkasse an eine besondere gesetzliche Schweigepflicht gebunden. Solche Anbieter würden tätig, wenn sich das wirtschaftlich lohnt - und "Gesundheitsdaten lohnen sich wirtschaftlich, damit kann man richtig viel Geld verdienen, diese Daten kommerziell zu verwerten". Dabei gehe es nicht nur um die Frage von Werbung, sondern auch um Fragen, wie versicherungswürdig ein Versicherter sei und welche Krankendienstleistungen nötig seien. "Das sind also auch Daten, die für solche Dienstleister wirtschaftlich interessant sein können", betont Thomas Petri. Auch beim Leiter der Abteilung Gesundheit vom Verbraucherzentrale Bundesverband, Kai Vogel, überwiegen die Bedenken.

    "Wenn man solche Angebote nutzt, werden die Daten irgendwo gespeichert. Wenn es nicht bei der Versicherung ist, kann es an anderer Stelle sein, möglicherweise in den USA. Und da sollte man sich natürlich schon fragen: Möchte ich das überhaupt, und wo genau werden die Daten denn gespeichert?" Kai Vogel

    Noch größere Einwände haben Datenschützer bei privaten Krankenversicherungen. Sie dürfen über die Einwilligung ihrer Versicherten ihren Handlungsspielraum erweitern und können so auch mehr Daten sammeln als sie eigentlich für die Vertragserfüllung benötigen. Für Aufregung in den Medien sorgte beispielsweise die Ankündigung der Generali-Versicherungsgruppe, dass Versicherte, die selbst Gesundheitsdaten über sich sammeln und an die Generali Versicherungs-AG weiterleiten, eine Gratifikation wie Gutscheine, Geschenke oder Rabatte erhalten sollen. Ein solches Angebot soll bis zum kommenden Jahr zu Verfügung stehen.

    Profilgenaue Angebote mittels Datensammlung

    Die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff fordert deshalb vor allem von Versicherten privater Kassen, nicht unbedacht mit ihren Gesundheitsdaten umzugehen. Die Offenlegung könnte zu Prognosen über die künftige gesundheitliche Entwicklung der Versicherten führen und dazu genutzt werden, profilgenaue Angebote zu unterbreiten, das Leistungsspektrum entsprechend anzupassen oder künftige Risikozuschläge zu berechnen. Sie sieht auch den Gesetzgeber in der Pflicht, den Schutz der Versicherten auszuweiten.

    "Die Mitglieder gesetzlicher Kassen sind durch Gesetz vor der unbedachten Preisgabe sensibler Daten und den damit verbundenen unabsehbaren Folgen geschützt. Der Gesetzgeber sollte erwägen, diesen Schutz auch den Versicherten privater Kassen zu gewähren." Andrea Voßhoff

    Die Bundesregierung sieht bisher keinen Handlungsbedarf. In ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linkspartei zu Datensammlungen über Versicherte in der privaten Krankenversicherung heißt es: "Die Bundesregierung geht davon aus, dass Versicherte sich der besonderen Bedeutung ihrer Daten zum persönlichen Lebenswandel und ihrem Gesundheitsverhalten bewusst sind und daher sorgsam und zurückhaltend mit der Weitergabe entsprechender Informationen umgehen."

    Sorgfältiger Umgang mit Daten

    Zudem sei anzunehmen, dass die Versicherungsunternehmen, die erwägen, entsprechende Tarife anzubieten, selbstverständlich nicht nur die Vorgaben des Datenschutzes vollständig befolgen werden, sondern darüber hinaus mit der notwendigen Sorgfalt und Verantwortung mit diesen zur Verfügung gestellten Informationen umgehen werden. 

    Aber auch der Leiter der Abteilung Prävention vom AOK-Bundesverband, Kai Kolpatzik, hat gegenüber bestimmten Angeboten, die derzeit bei privaten Krankenversicherungen in Planung sind, Vorbehalte.

    "Bei den privaten Krankenversicherungen ist derzeit eine Tracking-App geplant, um damit einen günstigeren Tarif zu verbinden. Das würden wir als gesetzliche Krankenkasse auf keinen Fall machen, das widerspricht dem Solidarprinzip. Was vorstellbar ist und was wir bereits auch schon machen, ist, gesundheitsförderliches Verhalten auch über die Nutzung von Apps entsprechend zu bonifizieren." Kai Kolpatzik

    Mit bestimmten Gesundheitsdaten würde auch Kai Kolpatzik grundsätzlich vorsichtig umgehen. Zum Beispiel würde er mittels App keine Diagnosen festhalten und kein Symptom-Tagebuch führen, wenn er nicht sicher sein könne, dass die Daten an einem vertrauenswürdigen Ort gespeichert würden. Und wenn sensible Gesundheitsdaten in die Hände von beispielsweise App-Store-Betreibern gelangen - was auch die gesetzlichen Krankenkassen nicht für all ihre Apps ausschließen können - haben Datenschützer große Bedenken, dass es sich um vertrauenswürdige Speicherorte handelt.