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Kirche und Missbrauch: Das große Mea Culpa | BR24

© dpa-Bildfunk/Alessandra Tarantino

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch mit Papst Franziskus

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Kirche und Missbrauch: Das große Mea Culpa

Der deutsche Kardinal Reinhard Marx hat beim Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan Vertuschung und Machtmissbrauch angeprangert. In den drei Tagen Konferenz gab es viele Schuldeingeständnisse, es stehen Vorschläge im Raum. Doch greifbar ist wenig.

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Eine Kirche in Sack und Asche. Der Papst und die Bischöfe bitten um Vergebung für die Verbrechen, die Geistliche begangen haben.

Buße ohne Begegnung

"Wir bekennen, dass Bischöfe, Priester, Diakone und Ordensleute Kindern und Jugendlichen Gewalt angetan haben." Dieser in der Geschichte der katholischen Kirche einmalige Bußritus ist notwendig, so Papst Franziskus, damit die Kirche sich erneuern kann.

"Wir haben drei Tage lang miteinander gesprochen, wir haben die Stimmen der Überlebenden gehört über die Verbrechen, die Kinder und Jugendliche in unserer Kirche erlitten haben. [..] Um mit neuem Mut in die Zukunft gehen zu können, müssen wir, wie der verlorene Sohn, sagen: 'Vater, ich habe gesündigt'." Papst Franziskus

Am vorletzten Tag der Bischofskonferenz in Rom zelebrierte die Kirche das Große "Mea Culpa". Unter Ausschluss der Betroffenen. Daran krankte diese Konferenz, dass zumindest der Eindruck entstand, als spielten die Opfer von Missbrauch nur eine Nebenrolle.

Opferverbände fordern: Null Toleranz für Täter

Freitagnachmittag, vor einem Hotel in Vatikannähe, in dem die Opferverbände ihr Quartier eingerichtet haben. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx nutzt eine Konferenzpause, um ihnen zuzuhören. Eine Begegnung mit Symbolcharakter.

"Das Zeichen zu setzen, dass wir zuhören wollen und dass auch diese Opferverbände, dass sie einen Dienst leisten und uns helfen, an dem Thema dran zu bleiben, ehrlich hinzuschauen und zuzuhören, deshalb bin ich für diese Begegnung dankbar." Kardinal Reinhard Marx

Es sind unangenehme Botschaften, die der Kardinal hört. Überlebende berichten, wie sie in ihrer Kindheit missbraucht, vergewaltigt wurden, wie die Kirche sie nicht geschützt hat und vor allem: Was sie heute von dieser Kirche erwarten. Matthias Katsch, der als Schüler im Berliner Canisius Kolleg von Patres missbraucht wurde, ist in diesen Tagen so etwas wie der Sprecher der deutschen Missbrauchsopfer.

"Wer als Priester Kinder missbraucht hat, darf und kann nicht länger Priester dieser Kirche sein. Und vielleicht noch wichtiger: Wer als Bischof, als Provinzial oder Ordensgeneral Missbrauch vertuscht hat, der darf nicht länger Leitungsperson in dieser Kirche sein. Das ist Null Toleranz und darum geht es." Matthias Katsch, Aktivist für die Missbrauchsopfer

Die Bischöfe, die der Papst für dreieinhalb Tage nach Rom geholt hat, interpretieren Null Toleranz anders. Einen wie von den Opferverbänden geforderten Automatismus wollen sie nicht: Die Strafe muss der Schuld angemessen sein, heißt es in einem 21 Punkte Plan, den Papst Franziskus zu Beginn der Konferenz vorgelegt hat. Aber ungestraft davonkommen soll niemand mehr. Kardinal Blace Cupich, Erzbischof von Chicago, plädiert dafür, Bischöfe, die Verbrechen vertuscht haben, konsequent zur Rechenschaft zu ziehen: "Jeder Bischof, jeder Ordensobere kann entlassen werden, wenn er seine Sorgfaltspflicht grob vernachlässigt hat, selbst wenn es nicht absichtlich geschah."

Bisher keine bindenden Beschlüsse

Kirchenrechtlich ist das bereits möglich. Doch ein von Papst Franziskus vor zweieinhalb Jahren erlassenes Gesetz ist bis heute noch nicht in die Praxis umgesetzt. Kardinal Marx hat Verständnis, wenn Opferverbände deshalb die Kirche kritisieren: "Sie haben gesagt, es wird in der Kirche viel geredet, aber was wird umgesetzt? Und da muss ich leider sagen, da haben diese Verbände Recht."

Nun ist der Papst gefordert

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche. Vor Beginn der Konferenz in Rom gab es die Sorge, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Kontinenten allzu groß sein könnten. Dass Bischöfe aus Europa, Amerika oder Australien sensibler beim Thema Missbrauch sind als ihre Kollegen in Asien und Afrika. "Das Denken hat sich bei einigen nicht verändert", berichtet ein Konferenzteilnehmer. Aber das habe nichts mit der geographischen Herkunft zu tun. Im Gegenteil: Von einem afrikanischen Bischof kommt der Vorschlag ein drittes Vatikanisches Konzil einzuberufen, ein anderer spricht von einem "point of no return".

Ob diese Konferenz tatsächlich zu dem Punkt wird, hinter den es kein Zurück gibt, liegt nun am Papst. Er muss aus den Vorschlägen der Bischöfe und Ordensoberen konkrete Maßnahmen ableiten.

© BR

Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan