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Anschlag in Halle: "Er wollte ein öffentliches Spektakel" | BR24

© pa/dpa

Mordprozess um Anschlag in Halle beginnt

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    Anschlag in Halle: "Er wollte ein öffentliches Spektakel"

    In Magdeburg hat der Mordprozess gegen den 28-jährigen Rechtsextremisten begonnen, der im vergangenen Jahr am höchsten jüdischen Feiertag ein Massaker in der Synagoge von Halle anrichten wollte.

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    Der Anschlag von Halle hat international für Aufsehen gesorgt. Und auch der Prozess, den der 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts Naumburg ab heute in Magdeburg führt, findet weltweite Beachtung. Medien aus den Niederlanden, der Schweiz, Israel und auch die New York Times schicken ihre Reporter nach Sachsen-Anhalt.

    Wegen des großen Interesses und des in Corona-Zeiten eingeschränkten Platzangebots im Gerichtssaal hat der Strafsenat eine Tonübertragung der Verhandlung in einem eigens eingerichtete Medienraum genehmigt.

    "Antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Gesinnung"

    Für die Bundesanwaltschaft ist klar: Der Angeklagte handelte "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus". Die Beweislage gegen den 28-Jährigen ist ziemlich eindeutig, wofür er selbst gesorgt hat. Nicht nur, weil er unmittelbar vor dem Anschlag ein Bekennerschreiben im Internet veröffentlichte, in dem er seine Tat angekündigt und gerechtfertigt hat, sondern auch, weil er seine Tat live im Internet streamte. Sein Smartphone hatte er dafür an seinem Helm befestigt.

    Die Tat ereignete sich am 9. Oktober 2019. An diesem Tag begingen jüdische Gemeinden in aller Welt ihren heiligsten Feiertag, Jom Kippur. Auch in der historischen Synagoge von Halle hatten sich die Gläubigen versammelt. Insgesamt 52 Frauen und Männer befanden sich in dem Gotteshaus, als der Angeklagte um 12 Uhr mittags versuchte, in die Synagoge einzudringen – mithilfe von selbstgebauten Waffen und Sprengkörpern. Das Gebäude war zu diesem Zeitpunkt unbewacht, obwohl die jüdische Gemeinde im Vorfeld mehrfach um Polizeischutz gebeten hatte. Einzig die massive Holztür der Synagoge verhinderte schließlich ein Massaker. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte "möglichst viele der dort Anwesenden töten" wollte.

    Mordwaffen aus dem 3D-Drucker

    Noch während er versuchte, in die Synagoge einzudringen, erschoss er eine zufällig vorbeikommende 40-jährige Passantin. Nachdem all seine Bemühungen, die Synagoge zu stürmen, gescheitert waren, stieg er in sein Auto und fuhr davon. Vermutlich kam er dabei zufällig an einem nahegelegenen Döner-Imbiss vorbei. Dort stoppte er seinen Wagen, schleuderte einen Sprengkörper auf das Restaurant und drang dann bewaffnet in das Gebäude ein. Den meisten Angestellten und Gästen gelang es zu fliehen – bis auf Kevin S. Der 20-Jährige versuchte, hinter einem Getränkeautomaten Deckung zu finden, wurde jedoch vom Täter entdeckt und getötet. Anschließend flüchtete der Täter, wurde jedoch schließlich von der Polizei gestellt und überwältigt.

    Dass er nicht noch viel mehr Menschen ermordet hat, lag daran, dass seine selbst gebauten Schusswaffen, die er per 3D-Drucker hergestellt hatte, teilweise den Dienst versagten. Die Anklage lautet deshalb auf zweifachen Mord und 68-fachen Mordversuch.

    Parallelen zum OEZ-Attentat

    Der Attentäter bezeichnet sich in seinem Bekennerschreiben selbst als Neonazi, er war jedoch weder in die extrem rechte Szene eingebunden noch Mitglied irgendeiner Organisation. Radikalisiert hat er sich vermutlich in der internationalen Gamer-Community, denn er war regelmäßig auf Plattformen wie 4chain oder Steam aktiv, die auch von anderen extrem rechten Tätern genutzt wird, so etwa auch von dem rassistischen Attentäter, der vor vier Jahren am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordete, bevor er sich selbst richtete.

    Der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Florian Hartleb sieht denn auch klare Parallelen zwischen den Attentätern von Halle und München. Beide hätten sich im Internet radikalisiert, insbesondere auf Spielplattformen, wo rechtsextreme Symbole und Ideologie verbreitet würden: "Hass auf andere ethnische Gruppen, Antisemitismus, Hass auf Muslime, Fremdenfeindlichkeit und auch Frauenhass als Projektion eigener persönlicher Frustrationen."

    Vorbild Christchurch

    Der Täter von Halle richtete sich mit seinem Anschlag ganz offensichtlich eher an eine internationale, denn an die deutsche extrem rechte Szene. Er streamte die Tat weltweit im Netz, sprach dabei englisch und verfasste auch sein Bekennerschreiben auf englisch. Als Vorbild diente ihm insbesondere der Attentäter, der wenige Monate zuvor im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen muslimischen Glaubens ermordet hatte. Zugleich wollte er offenbar auch andere zu ähnlichen Taten inspirieren, indem er etwa Bauanleitungen für seine selbst hergestellten Waffen im Netz veröffentlichte.

    Er wollte ein öffentliches Spektakel veranstalten und anderen mit ähnlichen Ideologien beweisen, dass Taten wie die seine durchführbar sind", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von mehreren Betroffenen des Anschlags von Halle. Sie treten beim Prozess in Magdeburg als Nebenkläger auf, "um sicherzustellen, dass die rassistische Ideologie des Angeklagten und seine Integration in militante rechte Strukturen nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch von den Strafverfolgungsbehörden und der Öffentlichkeit wahrgenommen wird."

    Für den Prozess sind vorerst 18 Verhandlungstage angesetzt.

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