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Angst vor Chaos-Sommer: Zweifel am "Urlaub daheim" | BR24

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Am Pfingstmontag haben Ausflügler das Allgäu und andere Naherholgungsgebiete geradezu überrannt. Auch im Naturpark Nagelfluhkette standen sie die Erholungssuchenden geradezu gegenseitig auf den Füßen.

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Angst vor Chaos-Sommer: Zweifel am "Urlaub daheim"

Ausnahmezustand im Allgäu, Chaos an den Küsten im Norden: Beliebte deutsche Urlaubsregionen ächzen unter dem Besucher-Ansturm. Die Zweifel an der Forderung von CSU-Chef Söder nach "Urlaub daheim" wachsen. Auch aus der eigenen Partei kommt Kritik.

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Heillos überlaufende Ausflugs- und Urlaubsregionen im Norden wie im Süden: Im Allgäu sprach die Polizei an Pfingsten von einem "Ausnahmezustand" und verteilte Hunderte Strafzettel an Wildparker, an der Ostseeküste schickten einzelne Orte Tagestouristen wieder weg, auf der Nordseeinsel Sylt wurde ein Strandabschnitt gesperrt. Während es in vielen Regionen Deutschlands über Pfingsten ruhig blieb, fühlen sich einige Ausflugs- und Urlaubs-Hotspots im Süden wie im Norden dem Besucheransturm an sonnigen Tagen nicht mehr gewachsen.

Das nährt auch Zweifel am Appell von Politikern, Urlaub in Deutschland zu machen. Der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig, warnte zuletzt mehrfach davor, Deutschlandtourismus gegen Auslandsreisen auszuspielen: Die deutschen Urlaubsregionen hätten überhaupt nicht die Kapazitäten, um allen Bundesbürgern einen Urlaub ermöglichen zu können.

Insbesondere der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Markus Söder hatte die Bevölkerung mehrfach aufgerufen, Urlaub in Deutschland zu machen. Mit Blick auf baldige Reisen nach Italien, Spanien oder Frankreich zeigte er sich wegen Corona skeptisch.

Hilferufe der Besuchermagnete

Mehr als 900 Kilometer liegen zwischen Kochel am See und Cuxhaven - die Sorgen der Gemeinden aber ähneln sich. Beide waren an den Wochenenden und Feiertagen zuletzt völlig überlaufen und fürchten für den Hochsommer einen noch größeren Ansturm.

Der Oberbürgermeister von Cuxhaven, Uwe Santjer (SPD), hatte vor Pfingsten sogar an Tagestouristen appelliert, an den Feiertagen auf Ausflüge in die Küstenstadt zu verzichten: "All diejenigen, die es sich auch zu Hause schön machen können, mögen dies tun und ein bisschen Cuxhaven-Pause machen", sagte er in einem Interview. Dennoch wurde es wieder voll: "Trotz der Bitte des Oberbürgermeisters sind viele gekommen", zitiert "Focus Online" einen Polizeisprecher.

In Kochel am See war es am Pfingstmontag "richtig heftig", wie Bürgermeister Thomas Holz (CSU) sagte. Die Polizei war einmal mehr im Dauereinsatz. Wie schon mehrfach in den vergangenen beiden Wochen beklagte der Bürgermeister die Rücksichtslosigkeit von Tagesausflüglern, denen Parkverbotsschilder und Rettungswege offensichtlich egal seien.

Während sein Parteichef Söder Gutscheine für Urlaub in Deutschland fordert, verlangt Holz stattdessen, Tagestouristen sollten zur Kasse gebeten werden - mit einer "Maut", "einem Tagesticket" oder einem Tageskurbeitrag. Besucherbeschränkungen sind laut dem Landrat von Bad Tölz-Wolfratshausen, Josef Niedermaier (Freie Wähler), indessen rechtlich nicht machbar. Es könnte also ein turbulenter Sommer werden.

Polizei warnt vor Strafen

Auch aus dem Bayerischen Wald berichtete die Polizei von einem Ansturm und Verstößen gegen die Abstandsregeln. Besonders krass ging es insbesondere am Montag im Allgäu zu. Ein Polizeisprecher in Kempten sagte: "Das komplette Allgäu ist voll, übervoll, von Füssen bis Lindau." Es gab Hunderte Strafzettel für Falschparker. Manche Ausflügler stellten ihre Autos sogar ins Naturschutzgebiet, auf Wiesen und in den Wald. Dazu kamen Wildcamper in den Bergen.

In diesem Zusammenhang mahnte die Polizei, Parkverbote einzuhalten und auf keinen Fall in geschützten Gebieten zu parken - und drohte mit Strafen: Bei Verstößen gegen das Naturschutzrecht drohten Verwarnungsgelder ab 40 Euro. Wildes Campieren mit Zelt, Wohnwagen oder -mobil wird mit einem dreistelligen Betrag geahndet.

Betretungsverbot für Tagesgäste

Im Norden durften Tagesgäste am Pfingstwochenende mehrere Orte und Inseln überhaupt nicht ansteuern: So galt zum Beispiel für St. Peter-Ording und Büsum sowie die nordfriesischen Inseln und die meisten Halligen der Nordsee ein Betretungsverbot für Tagesgäste. Auf Sylt war trotzdem jede Menge los. Die Bürgermeisterin von Kampen, Stefanie Böhm, sagte: "Es waren einfach zu viele Menschen." Laut Medienberichten wurden große Strandpartys aufgelöst. Der Zugang zu einem Strandabschnitt wurde daraufhin gesperrt.

An der schleswig-holsteinischen Ostseeküste durften am Montagnachmittag keine Besucher mehr in die Küstenorte Scharbeutz und Haffkrug - sie hätten die Kapazitätsgrenze erreicht, betonte Bürgermeisterin Bettina Schäfer. Auf Facebook schrieb sie: "Bitte reisen Sie nicht mehr an. Wir werden die Orte sperren und nur noch den Verkehr ableiten."

Warnung vor Überlastung

Auf die vollen Strände verweist auch Reiseverbands-Chef Fiebig, wenn er vor einer Überlastung der deutschen Tourismus-Hotspots warnt. "70 Prozent der Urlauber sind in der Vergangenheit ins Ausland gereist, und 30 haben ihren Urlaub in Deutschland verbracht", sagte er kürzlich der "Bild"-Zeitung. Die Kapazitäten in Deutschland, "insbesondere in der Hauptreisezeit", würden "bei Weitem nicht ausreichen".

Verband poltert gegen Söder

Am Wochenende veröffentlichte der Reiseverband auf Youtube ein Video, das die einseitige Werbung für Urlaub in Bayern durch die Politik verurteilt: "Urlaub in Bayern ist zwar schön", heißt es darin, "aber Tourismus ist viel mehr!" Das Video schließt mit dem Text: "Wir lieben das Reisen. Wir lieben die Vielfalt. Wir lieben die Welt." Söder hatte nicht nur für Urlaub in Bayern und Deutschland geworben, sondern gefordert, diesen auch finanziell zu fördern - beispielsweise mit Urlaubsgutscheinen oder einer steuerlichen Absetzbarkeit.

Der DRV kritisiert, Söder promote Urlaub im Freistaat auf Kosten der Reisebranche: "Die pauschal und öffentlich vertretene 'Skepsis' gegenüber Auslandsreisen von Markus Söder ist unredlich und macht unser Geschäft kaputt." Verbandspräsident Fiebig sagte, wenn Söder vor erhöhten Infektionszahlen durch Auslandsreisen warne, tue er dies aus innenpolitischen Erwägungen heraus. Dabei sei die Zahl der aktuell infizierten in Bayern de facto höher als in den beliebten Urlaubsländern Griechenland, Kroatien und Österreich zusammen. "Warum sollte die Ansteckungsgefahr höher sein, wenn ich eine europäische Grenze überquere oder eine innerdeutsche? Oder wenn ich von Berlin nach Kopenhagen reise im Vergleich zu Berlin nach München. Dem Coronavirus sind Grenzen egal – innerdeutsche ebenso wie internationale."

Kritik auch aus der CSU

Auch CSU-Vorstandsmitglied Bernd Posselt zeigte sich irritiert über Söders Forderung nach "Urlaub daheim" - allerdings aus anderen Gründen. Es gebe in Süddeutschland Millionen von Menschen, die sich in Böhmen, Schlesien, Österreich oder Südtirol, "in dieser mitteleuropäischer Kulturregion" mehr beheimatet fühlten als in der Lüneburger Heide, sagte er dem BR. "Umgekehrt gibt es in Norddeutschland wieder Leute, die fühlen sich wohler in Dänemark als in Bayern." In Europa gebe es grenzüberschreitende Heimaten.

Dem CSU-Europapolitiker zufolge sollte man im Kampf gegen Corona "lieber die Hotspots abriegeln" als nationalstaatliche Grenzen. "Ich verstehe, dass man die EU-Außengrenzen bis auf Weiteres geschlossen hat." Aber innerhalb der EU sollten laut Posselt "die einzelnen EU-Bürger selbst entscheiden, in welchem Teil der EU sie sich mehr daheim fühlen und in welchem weniger."

"Wollen kein zweites Ischgl werden"

Da viele Bundesbürger in diesem Jahr ihren Urlaub wohl im eigenen Land verbringen werden rüstet sich die Walchenseeregion für einen beispiellosen Ansturm. Unter anderem sollen weitere Wiesen zu Notparkplätzen umgewandelt werden. Auch an die Vernunft der Ausflügler und Touristen soll appelliert werden - und mit Leuchttafeln an der A95 bei Bedarf auf ein überlastetes Gebiet hingewiesen werden.

Auch die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) richtete in diesen Tagen einen eindringlichen Appell an Urlauber und Tagesgäste, die Hygiene- und Abstandsregeln zwingend einzuhalten. "Wir wollen kein zweites Ischgl werden. Wir wollen so viel Freiheit und so viel Sicherheit wie möglich."

Die Stunde der unterschätzten Regionen?

Während die Hotspots nach Wegen suchen, einen Ansturm zu meistern, hofft der Reisebuchverleger Michael Müller auf eine Chance für Urlaubsorte jenseits des Mainstreams. "Es gibt viele Regionen, die unterschätzt werden", sagte er kürzlich der Deutschen Welle. "Nehmen Sie die Schwäbische Alb, den Bayerischen Wald oder die Fränkische Schweiz."

In seiner Heimat beispielsweise, dem Städtedreieck von Bayreuth, Bamberg und Nürnberg, sei in den 80er Jahren der Urlaub viel stärker ausgeprägt gewesen, nach der Wende aber völlig weggebrochen. "Da liegt aufgrund von Corona eine Chance. Ich verspreche mir, dass Leute Regionen neu entdecken und im eigenen Land auch mal wieder länger Urlaub machen."

Redaktioneller Hinweis: Nach Zuschriften von Lesern, die sich über die Perspektive des ursprünglich verwendeten Fotos der Nachrichtenagentur dpa gewundert hatten, wurde dieses gegen ein Foto eines anderen Fotografen vom selben Tag (30. Mai) ausgetauscht - denn im Fokus soll der Text und nicht die Bildauswahl stehen.

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