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Flusstal in Albanien

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    Angebliche Kraftwerkspläne: Kampf um Albaniens Wildwasser

    Albaniens einzigartige Wildflüsse wecken Begehrlichkeiten. Umweltschützer befürchten, dass die Regierung zahlreiche Wasserkraftwerke bauen lassen will. Sie drängen auf die Errichtung des ersten Wildfluss-Nationalparks Europas.

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    Von
    • Nikolaus Neumaier

    Es ist ein Versprechen aus dem Wahlkampf: An der Vjosa, einem der längsten noch unberührten Wildflüsse Europas, solle ein Nationalpark entstehen. So hatte es Albaniens Ministerpräsident Edi Rama seinen Wählern zugesagt. Doch das war vor der Wahl im April. Seither ist nichts geschehen. Kritiker befürchten, dass die Regierung beabsichtigt, zahlreiche Kleinkraftwerke zu errichten, um die Wirtschaft des Landes mit Energie zu versorgen und um Investoren anzulocken.

    Wegen seines Wasserreichtums gilt der Balkan als das "blaue Herz Europas", und unter den Balkanländern ist Albanien besonders wasserreich. Das weckt Begehrlichkeiten. Nach Informationen der Umweltorganisation RiverWatch sind in Albanien bis zu 400 Kleinkraftwerke geplant. Um diese zu verhindern, drängen Umweltaktivisten nun darauf, dass bald ein Gesetz zur Errichtung von Europas erstem Wildfluss-Nationalpark beschlossen wird und damit die Pläne zum Bau von Kleinkraftwerken endgültig beerdigt werden. Unterstützt werden sie von Wissenschaftlern aus Österreich, Deutschland, Italien und Albanien, die kürzlich an der Vjosa und ihren Nebenflüssen waren, um messbare und belastbare Argumente für die einzigartige Artenvielfalt und Qualität der Flüsse zu sammeln.

    Zurück bleiben Rinnsale

    Als besonders gefährdet gilt die Shushica, ein 80 Kilometer langer Warmwasser-Bergfluss im Süden Albaniens. Noch fließt die Shushica unberührt durch eine tief eingeschnittene Schlucht und bietet Lebensraum für Fische oder zahlreiche Insekten.

    In der Nähe der Ortschaft Brataj sollen drei Staudämme errichtet werden. Ulrich Eichelmann von RiverWatch will das verhindern und organisierte deswegen die Wissenschaftsexpedition zu Vjosa oder Sushica. Auf einer alten osmanischen Brücke, die das wilde Shushica-Tal bei Brataj überspannt, beschreibt er, was an Zerstörungen drohen könnte: Hinter der Brücke, bei der ersten Staumauer, würde das Wasser angehoben, in Pipelines am Hang über ein paar hundert Meter zur nächste Staumauer weitergeleitet. Dort würde das Wasser wieder hochgehoben und wieder ausgeleitet werden - immer so weiter. Übrig blieben gerade mal fünf Prozent des Wassers, "aber das ist gar nichts", sagt Eichelmann. Für die angereisten Wissenschaftler sind die albanischen Wildflüsse so besonders, weil es solche Flüsse kaum mehr in Europa gibt. Da das Land in der kommunistischen Zeit viele Jahre abgeschottet war, blieben die Flüsse über Hunderte Kilometer unberührt. So gibt es überall kilometerlange Schluchten oder breite Schotterinseln. Das Flusswasser ist Tränke für die Herden der Bauern oder liefert den Anwohnern sauberes Trinkwasser.

    Die Bevölkerung hat andere Interessen

    So lehnen viele Einheimische Wasserkraftwerke und Staudämme kategorisch ab. Auch der Fischzüchter Qazim Belila. Er lebt mit seiner Familie an der Sushica und braucht sauberes, frisches Wasser, weil er seine Forellen an die Restaurants in der Gegend verkauft. "Das Dorf ist damit nicht einverstanden", sagt Qazim - "der Fluss ist Landschaft, Schönheit. Wir benutzen das Wasser für Bewässerung oder für Fischzucht, aber nicht für Wasserkraftwerke."

    An der Langarica, einem weiteren Nebenfluss der Vjosa, ist zu sehen, was passiert, wenn Staudämme das Wasser zurückhalten. 2011 wurde hier ein Kleinkraftwerk direkt am Rand eines Naturschutzgebietes gebaut. Betreiber ist eine österreichische Firma. Die Energieleistung beträgt knapp neun Megawatt. Sogar die Betreiberfirma nennt das eine geringe Kapazität. Auf Anfrage des ARD-Studios Wien erklärt die Firma, dass bis zu neun Mitarbeiter beschäftigt seien und auch ein Monitoring der Anlage über Fernwartung aus Österreich möglich sei. Das meiste Wasser der Langarica wird durch einen Tunnel kilometerlang durch den Berg abgeleitet. Der Fluss ist zu einem Rinnsaal geworden. Mit den Folgen haben die Menschen zu kämpfen, die vom Fluss leben, wie Robert Tabaku. Er betreibt nicht weit von der Mündung der Langarica in die Vjosa einen Campingplatz und bietet Bootstouren auf der Vjosa an. Früher war das auf beiden Flüssen möglich. "Das Wasserkraftwerk hat Probleme für uns geschaffen, weil es keine Touristen mehr gibt", sagt Tabaku.

    Musterbeispiele für Landschaftszerstörung

    Für die Wissenschaftler, die das Flusssystem der Vjosa erkunden, ist die Langarica ein Paradebeispiel für Landschaftszerstörung. Professor Fritz Schiemer, einer der führenden Experten für Auen- und Flussökologie an der Uni Wien, fasst es so zusammen: "Da sieht man, welche Zerstörung so ein sogenanntes Kleinkraftwerk für das gesamte Gebiet bedeutet. Wenn man diese Äste abschneidet, geht der Stamm verloren - also das Gesamtsystem." Wie viele Albaner hofft darum auch Schiemer, dass Albaniens einzigartige Flüsse bald wirkungsvoll durch einen Nationalpark geschützt werden und so auch neue Verdienstmöglichkeiten für die Bevölkerung geschaffen werden. Wenn es klappt, wäre es der erste Wildfluss-Nationalpark Europas.

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