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Andrea Nahles: Mutig gekämpft und doch verloren | BR24

© dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

Andrea Nahles

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Andrea Nahles: Mutig gekämpft und doch verloren

Nach wochenlangen Querelen und Machtkämpfen wirft Andrea Nahles das Handtuch. Sie hat versucht, die SPD aus der Krise zu führen. Am Ende wurde sie selbst bekämpft. Ein Portrait über eine Frau, die zumindest nicht so feige ist wie ihre Kritiker.

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Andrea Nahles hat keine Scheu. Vor nichts und niemanden. Und auch nicht davor, sich lächerlich zu machen. Andrea Nahles sang im Bundestag das Lied von Pippi Langstrumpf in den schrägsten Tönen. Die SPD-Chefin schmetterte zwei Tage vor der Wahl in Bremen – der letzten sozialdemokratischen Bastion seit 73 Jahren – dem Publikum entgegen, sie könne Bremen nicht lieben, sie liebe schließlich die Eifel. Und Andrea Nahles war es, die der Union zum Ende der Großen Koalition 2017 prophezeite: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse!"

Viele finden ihre offene Art peinlich

Schräge Lieder, lautes Lachen und eine derbe Sprache. Bei manchen Sprüchen von Andrea Nahles verzogen nicht nur die politischen Gegner das Gesicht. Auch viele Sozialdemokraten fanden ihre Chefin mitunter peinlich. Das ging sogar soweit, dass manche Landesverbände Andrea Nahles nicht mehr zu Wahlkampfveranstaltungen einladen wollten. Offiziell zugeben wollte das freilich niemand.

Sie kämpft mit offenem Visier - oft gegen ältere Herren

Wer vor ihr steht und wie wichtig derjenige ist, das war Andrea Nahles bereits in jungen Jahren herzlich egal. Als 25-jährige Juso-Chefin machte sie beim Mannheimer Parteitag 1995 Stimmung gegen SPD-Parteichef Rudolf Scharping. Am Ende war Oskar Lafontaine Parteivorsitzender. Das war nicht allein Andrea Nahles‘ Verdienst, aber ihre flammende Rede gegen die Parteiführung vergrößerte die Unterstützung für Lafontaine.

Einen ähnlichen Coup landete sie 2005. Obwohl die Parteiführung um Kanzler Gerhard Schröder und Parteichef Franz Müntefering sich einen anderen Kandidaten ausgeschaut hatten, wollte sie für das Amt als Generalsekretärin kandidieren. Müntefering warf genervt das Handtuch. Nahles zog zurück, weil der Unmut über sie so groß war, sie wurde erst vier Jahre später Generalsekretärin.

Nahles brüllte die Genossen in die Große Koalition

Als Jamaika geplatzt war und die SPD zum vierten Mal in die Große Koalition sollte, war die Stimmung so zögerlich wie nie. Die Parteilinken wehrten sich gegen das Projekt. Parteichef Martin Schulz hielt beim Sonderparteitag in Bonn eine Rede, die nicht zündete. Da sprang Andrea Nahles aufs Rednerpult. "Wir werden verhandeln, bis es quietscht!", versprach sie den Genossen. Die Mehrheit folgte ihr.

Kein Rückhalt mehr in der Partei, aber auch keine Herausforderer

Andrea Nahles wollte mit offenem Visier kämpfen. Nach dem schlechten Abschneiden für die SPD bei der Europawahl mehrten sich die kritischen Stimmen. Offen und ehrlich sprachen wenige SPDler mit ihr, über sie dagegen viele. Ihre Botschaft lautete daher: Wer gegen sie als Fraktionschefin antreten wolle, solle das tun. Es hat sich niemand gemeldet. Die Messer waren nur hinterrücks gezückt. Andrea Nahles hat daraus die Konsequenz gezogen. Sie will sich nun ganz aus der Politik zurückziehen.

Rückzug in die Eifel?

Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin hat angekündigt, dass sie auch ihr Bundestagsmandat in Berlin niederlegen will. Vor ihrer politischen Laufbahn hatte sie von 2002 bis 2003 einen Führungsposten bei der IG-Metall.

Jetzt liegt der Schluss nahe, dass sich die 48-Jährige in ihre Heimat nach Weiler in der Eifel zurückzieht. Dort bekommt Nahles bei der Erziehung ihrer 2011 geborenen Tochter Ella Unterstützung von ihrer Mutter. Vom Vater des Kindes ist Nahles getrennt. Sie bete oft mit ihrer Tochter, sagt die gläubige Katholikin Andrea Nahles. Die Lieblingsgeschichte der Kleinen sei die von David und Goliath.

© BR

Von der Gründerin eines SPD-Ortsvereins in der Eifel bis zur Bundesvorsitzenden in Berlin: ein Rückblick auf die Karriere von Andrea Nahles.