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Ein Rind auf einem Feld in Brandenburg (Symbolbild)

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Anastasia-Bewegung spaltet Dorf: Esoterik und Rassismus

Anastasia-Bewegung spaltet Dorf: Esoterik und Rassismus

Einfach nur nostalgisch? So sehen manche Einwohner eines Brandenburger Dorfes die Mitglieder der "Anastasia"-Bewegung. Andere haben Angst. Was aber steckt hinter der Öko-Bewegung, die sich auch in anderen Bundesländern ausbreitet?

Das 200-Seelen-Dorf Grabow bei Blumenthal, wie der Ort exakt heißt, liegt in einem idyllischen und wenig besiedelten Landstrich zwischen Hamburg und Berlin.

Angst vor "Anastasia"-Anhängern im Dorf

Eine Frau Mitte fünfzig, die ihren richtigen Namen nicht angeben will und sich deshalb "Karin" nennt, lebt seit 1985 in dem Dorf - zunehmend aber mit einem Gefühl des Unbehagens. Sie sagt, Grabow sei gespalten: "Wir haben Leute, die haben Angst. Wir haben Leute, die sagen, so schlimm sind sie ja gar nicht. Und wir haben Leute, die sagen: 'Vorsicht, macht mal eure Augen auf und guckt mal genauer hin'".

Mit "sie" sind die völkischen Siedler der "Anastasia"-Bewegung gemeint. Karin schätzt, dass zwei Dutzend Menschen in ihrem Dorf dazugehören. "Ich denke, dass es ihr Ziel ist, den eigenen Staat zu gründen, nach den Regeln, die sie sich selber aufstellen," sagt Karin.

Eine blonde, weiße Frau in einer russischen Romanreihe

Die Bewegung fußt auf der zehnbändigen Romanreihe "Anastasia – Tochter der Taiga". Geschrieben hat sie der russische Autor und Unternehmer Wladimir Nikolaevich Megre. Im Mittelpunkt steht eine blonde, weiße Frau namens Anastasia aus dem "Urvolk" der "Wedrussen".

Laut dem Autor Megre ist diese Frau "rein" und verfügt über "mystische Urkräfte". Megre bezeichnet die Demokratie als "DämonKratie", eine zum Schein freie Gesellschaft. Der Autor formuliert die Idee einer "natur-harmonischen Lebensweise". Dazu sollen "Landsitze" aufgebaut werden. Familien erhalten im Gegenzug einen Hektar Land.

Historikerin spricht von Antisemitismus

Das alles mag etwas verschroben aber harmlos klingen. Ist es aber nicht, sagt die Historikerin Laura Schenderlein. Sie ist Autorin einer Broschüre zur "Anastasia"-Bewegung, beauftragt und herausgegeben vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam.

Schenderlein hat die "Anastasia" Bücher genau analysiert. Sie sagt dazu: "Der Kern der Idee ist die älteste Verschwörungstheorie: die Übermacht der Juden, die da im Hintergrund steht. Das ist was, was an verschiedenen Stellen der Bücher zum Tragen kommt."

Strukturschwache Gegend zieht völkische Siedler an

Wie viele Anhängerinnen und Anhänger die Bewegung inzwischen in Deutschland hat, kann Schenderlein nicht sagen. Rechtsextremismus-Experten gehen von knapp zwanzig "Anastasia- Landsitzen aus – und zwar neben Brandenburg auch in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern.

Nach Grabow und der "Anastasia"-Bewegung befragt, brachte es Michael Hüller, der Politikwissenschaftler und Referent für Rechtsextremismus beim Brandenburger Landesamt für Verfassungsschutz, bereits im November 2020 so auf den Punkt: "Hier ist es eher eine strukturschwache Gegend, die entsprechend Gelegenheitsstrukturen bietet, für eine solche Bewegung oder den Rechtsextremismus an sich. Und deswegen siedeln sich in solchen Gegenden völkische Siedler an."

Gemeinde steht im Austausch mit dem Verfassungsschutz

Einer der Akteure in Grabow bei Blumenthal ist der öffentlich bestellte Vermesser und frühere Ortsvorsteher Markus Krause. Zusammen mit seiner Frau hat er im April 2014 das Siedlungsprojekt "Goldenes Grabow" gegründet. Zwei Jahre später wurden die ersten Flächen gekauft, finanziert mit privaten Darlehen und Spenden von etwa 170.000 Euro. Nachzulesen ist das auf Krauses Website, die in diesem Jahr abgeschaltet wurde, aber immer noch einsehbar ist.

Über seinen Anwalt hat Krause verlautbaren lassen: "Das Projekt 'Goldenes Grabow' ist beendet. Die Gemeinschaftsstrukturen sind aufgelöst."

Der Ingenieur Robert Scholz lebt im Nachbardorf Blandikow – ein Straßendorf in der Ostprignitz. Er ist einer der wenigen, die sich trauen, offen über die völkischen Siedler zu sprechen: "Es gibt keinerlei Anzeichen oder Belege, dass sich die Gruppe auflöst. Wer es so sagt, der soll es belegen."

Der Bürgermeister der Gemeinde Heiligengrabe, zu der Grabow gehört, heißt Holger Kippenhahn und ist von der Linkspartei. Dass immer wieder Journalisten nach den Aktivitäten der völkischen und esoterischen Siedler fragen, nervt ihn sichtlich. Er könne keine Angst im Dorf erkennen, sagt er. Allerdings räumt er ein, dass die Gemeinde wegen der "Anastasia"-Bewegung im engen Austausch mit dem Landesamt für Verfassungsschutz stehe.

Sachsens Verfassungsschutz warnt vor völkischen Siedlern

Denn, so sagt Kippenhahn: "Es gibt auf alle Fälle Aspekte, die in die Richtung deuten, dass hier wirklich versucht wird, bestimmte Schranken, die das Grundgesetz hat, zu übertreten und auszutesten, was möglich ist."

Der Landesverfassungsschutz von Sachsen warnt in seinem aktuellen Bericht vor den völkischen Siedlern, in Brandenburg ist man noch nicht soweit. Jörg Müller, der Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz in Potsdam betonte aber im Juni auf einer Pressekonferenz: "Wir beobachten allerdings sehr genau die Entwicklung im Siedlungsbereich, im Bereich von völkischen Siedlungen vor allen Dingen. Die von Ihnen angesprochene Organisation …" Gemeint ist das Siedlungsprojekt in Grabow.

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