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Analyse: Bedford-Strohm - ist der Unermüdliche müde? | BR24

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Er ist das Gesicht der Evangelischen Kirche in Deutschland: der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Doch nächstes Jahr will der 60-Jährige will nicht noch einmal für das Amt des EKD-Ratsvorsitzenden kandidieren.

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Analyse: Bedford-Strohm - ist der Unermüdliche müde?

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wird 2021 nicht mehr für das Amt des EKD-Ratsvorsitzenden kandidieren. Amtsmüde ist er nicht - aber Ämter seien in seiner Kirche eben "auf Zeit" vergeben. Ein Überblick über seine Amtszeit.

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Von
  • Matthias Morgenroth

Zupackend, zugewandt, unermüdlich: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm füllt sein Amt mit Leidenschaft und völlig unprätentiös. Vor zwei Wochen predigt er vor dem Papst in Rom, wenige Stunden später verabschiedet er einen engen Mitarbeiter im Münchner Landeskirchenamt - und zu Terminen in der Landeshauptstadt kommt er schon mal mit dem Rad.

Amtsmüdigkeit ist es nicht, die den bayerischen Landesbischof dazu bringt, nicht noch einmal als EKD-Ratsvorsitzender zur Wahl zu stehen. Sondern protestantische Nüchternheit. Mitten in der neuen Legislaturperiode würde seine Zeit als bayerischer Landesbischof enden – und das verträgt sich nicht mit dem EKD-Amt.

"Wer fromm ist, muss politisch sein" als Leitspruch

Angetreten ist Heinrich Bedford-Strohm als EKD-Ratsvorsitzender 2014 mit der Botschaft: "Wer fromm ist, muss politisch sein!" Diese Grundüberzeugung leitet den ehemaligen Bamberger Professor für Sozialethik schon lang: Glaube ist da für eine bessere Welt. Und dafür will er seit Beginn seiner Amtszeit die eigenen Leute begeistern, manchmal klingt es, als wolle er eine neue Erweckungsbewegung ins Leben rufen.

"Geistliche Kraft" solle die Kirche entfalten – ausstrahlen in die Gesellschaft und eben auch in die Tagespolitik. Heinrich Bedford-Strohm selbst strahlt jedenfalls viel Freude aus – auch nach sechs Jahren im Amt. 2015 findet der EKD-Ratsvorsitzende sein großes politisches Leitthema – oder das Thema findet ihn: Aufnahme von Flüchtlingen. Integration. Weltweite Solidarität.

Bedford-Strohm unterstützte Merkels Flüchtlingspolitik

"Was in Deutschland an spontaner Hilfsbereitschaft sichtbar geworden ist, hat die Welt beeindruckt", sagte Heinrich Bedford-Strohm Ende 2015. Und er hoffte auf internationale Nachahmer, ohne dass Deutschland dabei als Lehrmeister empfunden werden sollte. Merkels Politik stützte er demonstrativ und mit der ihm eigenen Zuversicht: Wenn die Bundespolitik 'es' doch nicht schaffen sollte – die Kirchen würden es tun: Kirchenasyl, Asylhelferkreise, Integrationsarbeit, Deutschkurse – als hätten die Kirchengemeinden darauf gewartet, endlich einmal nicht nur abstrakt gut sein zu können, sondern ganz konkret vor Ort zuzupacken, wuchsen die Initiativen in ganz Deutschland aus dem Boden und fanden bei ihrem obersten Repräsentanten mehr als Zustimmung.

Bedford-Strohm und Marx - das Duo aus München

Und schon damals, zwei Jahre vor dem großen Jubiläum 2017 "500 Jahre Reformation", fand Heinrich Bedford-Strohm seinen Mitstreiter – oder sein Mitstreiter fand ihn: Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, damals Vorsitzender der Deutschen katholischen Bischofskonferenz, war dem bayerischen Landesbischof schon in Fragen der Sozialethik und der Klimapolitik sehr nahe gewesen. In Fragen der Flüchtlingspolitik begannen beide mehr und mehr gemeinsam aufzutreten und mit einer Stimme zu sprechen.

Demonstrative Ökumene

Und so ist die zweite Phase der Amtszeit des EKD-Ratsvorsitzenden geprägt von demonstrativer Ökumene – über die Flüchtlingsfrage hinaus. Eine "Ökumene der kurzen Wege", wie Bedford-Strohm selbst meinte, entsteht. Ein Glücksfall: Sowohl der Spitzenmann der evangelischen als auch der katholischen Kirche in Deutschland sind in München zu Hause, arbeiten beinah in Rufweite. Und das in den zwei Jahren, in denen beide Kirchen unzählige Veranstaltungen rings um das Festjahr 2017 zu 500 Jahren Reformation planen, ökumenische Arbeitsgruppen, Gottesdienste, Konzerte, offizielle und private Gesten.

Der Kardinal und der Landesbischof, beide pilgern gemeinsam ins Heilige Land, werden Duz-Freunde, erklären sich Woche für Woche öffentlich, wohin es denn gehen könnte mit der evangelischen und der katholischen Kirche – wie denn die alte Spaltung zu überwinden sei. Bedford-Strohm sagt heute, der Höhepunkt seiner bisherigen Amtszeit sei der deutschlandweit beachtete ökumenische Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim gewesen. Das zeigt viel von seinem Wesen: Heilung von Spaltung, das liegt ihm am Herzen – und das gilt nicht nur für innerkirchliche Themen.

"Dass wir im Hildesheimer Gottesdienst einander gestanden haben, was wir falsch gemacht haben; dass wir einander vergeben haben; dass wir einander dann gesagt haben, was wir einander schätzen und lieben, das war für mich ein sehr bewegender Moment in meiner bisherigen Amtszeit." Heinrich Bedford-Strohm 2020

Bedford-Strohm - der umarmende Versöhner

Heinrich Bedford-Strohm ist der umarmende Versöhner, der statt eines Luther-Gedenkens ein "Christus-Fest" feiern wollte. Gemeinsam, so hat er es mit Kardinal Marx auch immer wieder aufs Neue demonstriert, gemeinsam sind wir stark. Vielleicht auch: Nur noch gemeinsam sind wir stark. Denn Heinrich Bedford-Strohm weiß sehr genau um den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Kirchen.

Bedford-Strohm - der Medienliebling

Nach 2017 gab es wohl niemanden mehr in Deutschland, der Heinrich Bedford-Strohm nicht in den Medien wahrgenommen hätte. Nicht nur in den klassischen, auch in den neuen Medien ist er allpräsent, twittert, postet seine Erlebnisse auf Facebook und knüpft auch darüber Kontakte. Aufbruch ins Politische – Aufbruch ins Ökumenische – danach, in der dritten Phase seiner Amtszeit holte ihn die Realität seiner eigenen Kirche wieder ein. Missbrauchsfälle gibt es auch bei den Protestanten, auch wenn die Gründe dafür andere sind. Lange, zu lange hatte man die Aufarbeitung den katholischen Geschwistern überlassen.

Von der kirchlichen Aufbruchs-Stimmung in der Flüchtlingsfrage war Frust und Politikverdrossenheit geblieben. Der Staat hatte die Abmachungen zum Kirchenasyl ausgehebelt, die Integrationsleistungen der Kirchen wenig gewürdigt, und Europa hatte es, allen kirchlichen Appellen zum Trotz, nicht geschafft, ein neues Verteilsystem für Flüchtlinge zu installieren. Es könne nicht sein, dass Europa wegsieht, wenn Menschen an den Grenzen Europas sterben, im Mittelmeer ertrinken – wieder und wieder wiederholt Bedford-Strohm dies, und manchmal muss er sich damit auch gegenüber den eigenen Leuten verteidigen.

Er suchte sich europäische Weggefährten, etwa den Bürgermeister von Palermo oder Mitstreiter der Initiative Sant’ Egidio, setzte sich mit Verve für ein eigenes, kirchlich unterstütztes Seenotrettungsschiff ein, die "Seawatch 4". Wenn die Staaten ihrer Aufgabe nicht nachkämen, müssten eben die Kirchen einspringen. Doch bei all den Aktionen vom anfänglichen Aufbruch, einer neuen geistlichen Erweckungsbewegung ist wenig geblieben, zerrieben im Klein-Klein des politischen Engagements. Ein Jahr bleibt Heinrich Bedford-Strohm noch im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden. Und man muss kein Prophet sein, um sagen zu können, welches sein Hauptthema werden wird: Gibt es auf Corona nur eine virologische Antwort?

"Menschen dürfen keinen sozialen Tod sterben"

"Wir müssen jetzt die Lernerfahrungen der ersten Phase berücksichtigen", sagt er heute Und dazu gehöre auch, bei Beerdigungen keine Zahlengrenzen für Besucher mehr zu setzen – "die manchmal auch den Eindruck der Willkür erwecken". Wichtig sei, dass man die Regeln einhalte. "Ähnliches ist in den Pflegeheimen zu beachten", sagt der EKD-Ratsvorsitzende.

"Es darf nicht wieder passieren, dass Menschen ohne Begleitung sterben. Menschen dürfen auch keinen sozialen Tod sterben. Sie müssen selbst bestimmen können, wo immer möglich, ob sie ein Risiko eingehen wollen oder eben nicht. Dabei so viel Kreativität wie möglich walten zu lassen, darum geht es jetzt.“

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