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Analyse: Benedikts Ja zum Zölibat ist auch Kritik an Franziskus | BR24

© BR/Jörg seiselberg

Über kaum ein Thema streitet die katholische Kirche so leidenschaftlich wie über den Zölibat.

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Analyse: Benedikts Ja zum Zölibat ist auch Kritik an Franziskus

Über kaum ein Thema streitet die katholische Kirche so leidenschaftlich wie über den Zölibat. Wenn sich Benedikt XVI. jetzt für den Pflichtzölibat einsetzt, trifft er damit Papst Franziskus, analysiert BR-Kirchenexperte Tilmann Kleinjung.

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Es gibt kaum ein Thema, über das in der katholischen Kirche so leidenschaftlich gestritten wird wie über den Zölibat, also die Verpflichtung katholischer Priester, ehelos zu leben. Die Amazonas-Synode im Oktober 2019 hat diese Diskussion neu belebt.

Zwei Drittel der Teilnehmer an der Versammlung waren der Auffassung, dass es Ausnahmen von dieser Regel geben kann. Zumindest im riesigen Amazonasgebiet, wo viel zu wenige Priester auf viel zu vielen Quadratkilometern arbeiten. Die Entscheidung, ob Papst Franziskus den Vorschlag der Synode umsetzt, steht noch aus.

Leidenschaftliches Plädoyer für den Zölibat

Dass "viri probati", wie die katholische Kirche bewährte, verheiratete Männer nennt, künftig zu Priestern geweiht werden können, ist für den emeritierten Papst Benedikt XVI. keine Option. In seinem gemeinsam mit Kardinal Robert Sarah veröffentlichten Buch hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für den Zölibat.

Die Argumente sind nicht neu, aber die theologische und kirchliche Autorität der Verfasser machen den Text brisant. Für Benedikt und Sarah erfordert das Priesteramt eine derartige Hingabe, dass sie es für ausgeschlossen halten, dass ein Mann beides sein kann: guter Ehemann und guter Priester. Deshalb der dramatische Ausruf Benedikts: "Ich kann nicht still bleiben!"

Benedikt wollte eigentlich "für die Welt verborgen bleiben"

Doch genau das hatte Benedikt nach seinem Rücktritt 2013 angekündigt. Er wolle künftig "für die Welt verborgen" bleiben. So ganz hat er sich nie daran gehalten. Im letzten Frühjahr erschien ein Aufsatz des Papstes im Ruhestand mit der These, die sexuelle Revolution der 68er sei mitverantwortlich am Missbrauch Minderjähriger durch Geistlicher.

Diesmal geht Benedikt noch einen Schritt weiter. Er will die Politik seines Nachfolgers beeinflussen, er warnt: Die Katholiken sollten sich nicht von "irregeleiteten Einwänden, theatralischem Gehabe, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Fehlern" beeinflussen lassen. Er schreibt ein Buch gemeinsam mit einem Kardinal, der als notorischer Kritiker der Agenda von Papst Franziskus gilt. Robert Sarah ist beispielsweise gegen eine Öffnung der Kirche für Katholiken, die ein zweites Mal geheiratet haben. Seine Opposition formuliert der Kardinal aus dem afrikanischen Guinea immer so, dass sie nicht als direkte Illoyalität gegenüber dem Papst gewertet werden kann.

"Kindlicher Gehorsam zum Papst"

Auch in ihrem gemeinsamen Buch beteuern Joseph Ratzinger und Robert Sarah ihren "kindlichen Gehorsam zum Papst". Wenn sie aber die von Franziskus einberufene Amazonas-Synode als Medienspektakel diskreditieren, dann treffen sie damit auch den Papst – ob gewollt oder nicht gewollt.

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