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Amnesty International kritisiert Cyberspionage gegen Dissidenten | BR24

© dpa-Bildfunk

Hackerangriff (Symbolbild)

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    Amnesty International kritisiert Cyberspionage gegen Dissidenten

    Die vietnamesische Hackergruppe Ocean Lotus hat offenbar wiederholt versucht, in Deutschland lebende Dissidenten auszuspionieren. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht von Amnesty International – und bestätigt Recherchen von BR und Zeit Online.

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    Von
    • Hakan Tanriverdi
    • Ann-Kathrin Wetter
    • Maximilian Zierer

    Der Windhändler, so nennt sich der Blogger Bùi Thanh Hiếu. Hunderttausende verfolgen seine Einträge auf Facebook. Vom Berliner Exil aus berichtet er über soziale Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen in Vietnam. In Deutschland müssten Blogger keine Angst haben, verfolgt zu werden, wenn sie Dinge ansprechen, die für den vietnamesischen Staat unangenehm sind, sagt er. Eigentlich fühlt er sich von den deutschen Gesetzen geschützt. Allerdings versuchen vietnamesische Hacker, Bùi Thanh Hiếu auch in Deutschland auszuspionieren.

    Die Spur führt nach Vietnam

    Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat nun einen sechsseitigen Bericht veröffentlicht, in dem Fälle von Cyberspionage beschrieben werden. Auch Hiếu wird darin erwähnt, denn die Cyberattacken richten sich gegen ihn und weitere Regimekritiker. Die Spuren führen dem Amnesty-Bericht zufolge in allen Fällen nach Vietnam. Die Attacken tragen die Handschrift einer Hackergruppe, die IT-Sicherheitsexperten Ocean Lotus nennen und die von Vietnam aus agieren soll. Derartige Cyberspionage habe eine einschüchternde Wirkung, sagt Likhita Banerji von Amnesty International im BR-Interview: "Es ist extrem schwierig für Menschen, ihre Stimme zu erheben, wenn sie dann derart erbarmungslos angegriffen werden." Insbesondere Vietnam sei ein "extrem gefährliches" Land für Menschen, die für ihre Rechte eintreten.

    BR-Recherchen deckten Attacken auf

    Bereits vergangenen Herbst hatte eine gemeinsame Recherche des Bayerischen Rundfunks mit Zeit Online aufgedeckt, dass die Hacker von Ocean Lotus immer wieder gezielt E-Mails mit Schadprogrammen an Bùi Thanh Hiếu geschickt hatten, mit dem Ziel, seinen Computer auszuspähen. Das sei sehr gefährlich, sagt Hiếu im BR-Interview: "Unter meinen Daten sind auch Dinge, die nichts mit meiner Arbeit als Autor zu tun haben. Persönliche Angelegenheiten, mein Privatleben."

    Schadsoftware ermöglicht es Angreifern, Kommunikation mitzulesen und sensible Daten abzugreifen. Im Fall von Hiếu könnten so beispielsweise Kontakte in Vietnam enttarnt werden. Es gehe um Informationen, die ihm zugespielt werden, sagt Hiếu: "Und die Informanten befürchten, dass ihr Schicksal beeinflusst wird. Da geht es auch um die Sicherheit dieser Leute."

    Hiếu war nicht der einzige Betroffene. Auch Veto, ein Menschenrechtsverein mit Sitz in Deutschland, und eine Journalistin der Taz waren ins Visier der Hacker geraten. Sie alle eint, dass sie sich mit dem Thema Menschenrechte in Vietnam auseinandersetzen.

    Amnesty International gibt in der aktuellen Untersuchung an, die Angriffe weder einer konkreten Regierungsbehörde noch einer Firma in Vietnam zuordnen zu können. Doch es gebe Indizien für eine Verbindung nach Vietnam. Die Menschenrechtsorganisation nennt als Beispiele etwa Berichte von IT-Sicherheitsfirmen. Auch ein Blogartikel von Facebook wird genannt.

    Das Unternehmen veröffentlicht regelmäßig Beiträge, in denen mutmaßlich staatliche Cyberspionage-Operationen thematisiert werden. In einem solchen Beitrag thematisierte Facebook im Dezember Verbindungen zwischen, der Hackergruppe Ocean Lotus und einer vietnamesischen IT-Firma namens "Cyberone Group". Und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sieht bei den Hackern von Ocean Lotus "eine deutliche Verbindung nach Vietnam", wie BfV-Präsident Thomas Haldenwang vergangenen Oktober im Interview mit BR und Zeit Online angab.

    Amnesty fordert Aufklärung

    Im Oktober hatte die vietnamesische Botschaft in Berlin bestritten, dass die Hackergruppe Ocean Lotus im Auftrag des vietnamesischen Staates agiert. Amnesty International gibt an, man habe vietnamesischen Behörden den aktuellen Bericht vorab geschickt und um eine Reaktion gebeten – vergeblich. Auch eine aktuelle Anfrage des BR zum Thema blieb unbeantwortet.

    Die Menschenrechtsorganisation fordert die Regierung Vietnams auf, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten, um die Aktivitäten von Ocean Lotus aufzuklären. "Eine Weigerung erhärtet den Verdacht, dass die Regierung etwas mit den Ocean Lotus Angriffen zu tun hat“, sagt Likhita Banerji.

    Die FDP-Politikerin Gyde Jensen, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Deutschen Bundestag, betont im Interview mit dem BR, die Bundesregierung müsse "ein Interesse daran haben, dass Deutschland weiterhin ein sicherer Ort für Menschen ist, die sich für Menschenrechte einsetzen, aber in ihrem Heimatland verfolgt werden". Auch Jensen fordert Aufklärung - sowohl von der Bundesregierung als auch von Vietnam.

    Mitarbeit: Hoàng Chính

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