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Nawalny in Berlin: Können deutsche Ärzte ihn retten? | BR24

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Der schwer erkrankte Putin-Gegner ist am Morgen nach Berlin geflogen worden. Nawalny wird jetzt in der Charité medizinisch versorgt. Schon einmal wurde ein russischer Oppositioneller in der Charité gerettet.

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Nawalny in Berlin: Können deutsche Ärzte ihn retten?

Nach dem Rettungsflug von Sibirien nach Berlin wird der Kremlkritiker Alexej Nawalny nun in der Berliner Charité behandelt. Schon einmal wurde ein russischer Oppositioneller nach einer schweren Vergiftung von Ärzten der Charité gerettet.

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  • BR24 Redaktion

Mehrere Helfer heben vorsichtig die massive Trage aus der Maschine: Als am Samstagmorgen kurz vor neun Uhr der Rettungsflug mit Alexej Nawalny in Berlin-Tegel landet, ist der Nervenkrieg um Russlands prominenten Regierungskritiker vorläufig zu Ende.

Zustand von Nawalny bei Landung "stabil"

Stundenlang hatten Familienangehörige des Putin-Gegners und Ärzte noch im sibirischen Omsk um eine Ausreise des vermutlich vergifteten Politikers nach Berlin gerungen. Am Freitagabend gaben die Mediziner schließlich ihre Bedenken gegen einen Transport nach Deutschland auf. Der Zustand des Kremlkritikers sei "stabil", heißt es bei seiner Ankunft.

Offizielle Äußerungen der Ärzte erst am Montag

Ein Intensivtransporter der Bundeswehr brachte Nawalny dann unter starkem Polizeischutz in die Universitätsklinik Charité in Berlin-Mitte. Nun kann der 44-Jährige ausführlich untersucht und behandelt werden. Nach der medizinischen Diagnostik und Rücksprache mit der Familie wollen sich die Ärzte zur Erkrankung und weiteren Schritten äußern, erklärte die Universitätsklinik. Die Untersuchungen würden einige Zeit in Anspruch nehmen. Sobald Erkenntnisse vorlägen, werde auch die Öffentlichkeit informiert. Eine Sprecherin der Charité erklärte, vor Montag sei nicht mit einer offiziellen Äußerung zum Gesundheitszustand Nawalnys zu rechnen.

Ehefrau wendet sich an Russlands Präsidenten Putin

Nawalnys engster Kreis hatte russischen Behörden und Ärzten vorgeworfen, mit einer Verzögerungstaktik einen raschen Transport verhindert und so mögliche Beweise vertuscht zu haben.

Besonders seine Frau Julia kämpfte darum, dass Nawalny ausgeflogen wird. Julia Nawalnaja bat dann Präsident Wladimir Putin persönlich, den Transport zu erlauben.

"Ich bin so erleichtert, als hätten Terroristen nach langen Verhandlungen eine Geisel freigegeben", schrieb der bekannte liberale Politiker Ilja Jaschin, ein jahrelanger Wegbegleiter Nawalnys. "Ich hoffe, dass diese für nichts und wieder nichts vergeudete Zeit Alexej nicht das Leben kosten wird."

Nawalnys Vorgänger wurde 2015 erschossen

Die Aktion war heikel, denn Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremlchefs. Er ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Nawalny holte die Opposition quasi aus der Schockstarre, nachdem der angesehene Regierungskritiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde.

Mit detaillierten Recherchen zu Machtmissbrauch hat Nawalny den Kreml, den Geheimdienst und auch einflussreiche Oligarchen herausgefordert und gegen sich aufgebracht. 2017 schreckte er auch nicht zurück, dem damaligen Regierungschef Dmitri Medwedew Korruption im großen Umfang vorzuwerfen. Nawalny löste so eine Protestwelle aus.

Bundespräsident Steinmeier erleichtert

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigt sich erleichtert, dass Nawalny "in einem Krankenhaus und von Ärzten behandelt wird, die das Vertrauen der Familie genießen". Es sei wichtig, "dass die Frage nach der Ursache der dramatischen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes" beantwortet werde, sagte Steinmeier am Rande seines Besuchs der Salzburger Festspiele.

Finnland hat vermittelt

Bei der Ausreise hat möglicherweise auch Finnlands Präsident Sauli Niinistö eine vermittelnde Rolle gespielt. Er habe zunächst mit Kanzlerin Angela Merkel über Nawalny gesprochen und sei mit ihr übereingekommen, dass er die Sache in einem weiteren Telefonat mit Putin erörtern solle, sagte Niinistö dem finnischen Rundfunksender Yle. Er habe Putin in dem Gespräch gefragt, ob Nawalny zur Behandlung nach Deutschland gebracht werden könne, worauf der geantwortet habe, dass es dafür keine politischen Hindernisse gebe.

Kreml nervös wegen Regionalwahlen

Im Fokus steht Nawalnys Team auch, weil Regionalwahlen in Russland anstehen. Mit ihrer Strategie einer so bezeichneten "klugen Abstimmung" will es der Kremlpartei Geeintes Russland Stimmen abspenstig machen und deren Dominanz in den Regionen brechen. Die Taktik: Jede beliebige Partei zu wählen - nur nicht Geeintes Russland. Damit waren sie auch schon in der Vergangenheit besonders für den Kreml unerwartet erfolgreich.

Deshalb sei es nicht auszuschließen, dass Nawalny Ziel eines Anschlags geworden sei, sagte Alexej Wenediktow, der Chefredakteur des renommierten Radiosenders Echo Moskwy.

Trotz einer möglichen Vergiftung wollen sich die Mitarbeiter nicht einschüchtern lassen. Die Stiftung werde ihre Arbeit fortsetzen, schrieb der Fonds-Leiter Iwan Schdanow auf Twitter. Auch die regelmäßigen Live-Auftritte im Internet setzten Nawalnys Mitarbeiter trotzig fort - in der Hoffnung, dass das prominenteste Gesicht bald wieder dabei sein wird.

Nur eine "Stoffwechselstörung"?

Nawalnys Team geht davon aus, dass der Oppositionelle während einer Reise durch Sibirien vergiftet wurde. Aus Sicht der russischen Ärzte gibt es dafür jedoch keinen Beleg. Sie sprachen lediglich von einer Stoffwechselstörung.

Der Jurist wollte am Donnerstag von Sibirien zurück nach Moskau fliegen. Am Flughafen in Tomsk habe er noch einen Tee getrunken, sagte Nawalnys Sprecherin. Während des Flugs habe er sich unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug landete dann in Omsk, das 4.000 Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt liegt.

Mitglied von Pussy Riot wurde ebenfalls in der Charité gerettet

Der Flug nach Berlin war eine private Aktion der Initiative "Cinema for Peace" um den Filmproduzenten Jaka Bizilj. Nawalny ist nicht der erste prominente Oppositionelle aus Osteuropa, der nach einem mutmaßlichen Angriff in der Charité behandelt wird. Bei einer ähnlichen Aktion war vor zwei Jahren Pjotr Wersilow mit schweren Vergiftungssymptomen aus Moskau nach Berlin gekommen. "Es ist unglaublich, wie ähnlich die Route ist, die ich vor zwei Jahren genommen habe. Damals war ich bewusstlos", twitterte Wersilow, der Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot ist.

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BR-Reporterin Birgit Schmeitzner mit Einschätzungen im Fall Nawalny.

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