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Konstandin Gjordeni, Xhevdet Pashaj, Huanito Martini und Ilir Çullhaj fordern mehr Unterstützung für frühere politische Gefangene.

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Albanien: Vier Männer hungern für Gerechtigkeit

Qafë Barit war ein Gefängnis der kommunistischen Hoxha-Diktatur in Albanien. Ehemals politisch Verfolgte sind dort im Hungerstreik. Sie fordern mehr finanzielle Unterstützung, Aufarbeitung der Vergangenheit und Respekt.

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Von
  • Andrea Beer
  • Zana Cimili

Nur ein paar Schilder weisen auf Qafë Barit hin. Das ehemalige Gefängnis liegt abgelegen in den nordalbanischen Bergen und die Gebäude verfallen immer mehr. Für Xhevdet Pashaj, Huanito Martini und Konstandin Gjordeni ist es dennoch ein Schreckensort. Während der kommunistischen Diktatur in Albanien waren sie hier gefangen und mussten in der nahegelegenen Mine Zwangsarbeit leisten. Die Gefangenen wurden geschlagen, gefoltert und gedemütigt. Das Essen voller Würmer und reichte nie.

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Wegweiser nach Qafë Barit. Das ehemalige Gefängnis liegt abseits in den nordalbanischen Bergen.

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Die Gebäude des ehemaligen Gefängnisses Qafë Barit sind zerfallen. In der einsamen Gegend mussten die Männer einen Bären abwehren.

Nun sind die Männer nach Qafë Barit zurückgekehrt und seit rund einem Monat hungern sie freiwillig - aus Protest.

„30 Jahre nach unserer Entlassung aus dem Gefängnis leben wir im Elend,“

sagt Xhevdet Pashaj und schürt das offene Feuer. Darauf kochen sie sich Kaffee und auch Wasser trinken sie.

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Xhevdet Pashaj schürt das Feuer. Die Männer essen nicht, aber sie trinken Wasser und kochen sich Kaffee.

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Xhevdet Pashaj, Konstandin Gjordeni und Ilir Çullhaj im zerfallenden Gefängnisgebäude in Qafë Barit.

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Die Protestierenden haben sich in den alten Gebäuden eingerichtet. Nachts rufen uns die Geister unserer toten Brüder, sagen sie.

Haftgrund: Gespräche über Flucht

Der 63-jährige Xhevdet Pashaj trägt ein breites blaues Stirnband und auf dem rechten Oberarm hat er den schwarzen Doppeladler auf die Umrisse von Albanien tätowiert. Sein Heimatland, von dem er mehr Respekt und Gerechtigkeit für ehemalige politische Häftlinge einfordert – wie sie es sind. Sein Haftgrund für rund 6 Jahre Qafë Barit hieß: Propaganda und Gespräche über Flucht. Die Mauern des alten Gefängnisses lassen die Männer nicht unberührt.

Wir fühlen uns schlecht, denn die Geister unserer Brüder kommen nachts heraus, die zwischen diesen Wänden gestorben sind, deren Köpfe wie Dosen in der Mine zerquetscht wurden. Wir sehen ihre Schatten und ihre Stimmen rufen uns. Xhevdet Pashaj

Mehr Rechte für politisch Verfolgte

Sein Bart ist grau, doch die Haare sind dunkel und die braunen Augen blicken wach. 2000 albanische Lek für jeden Tag Unfreiheit - das steht allen politischen Ex-Häftlingen in Albanien zu. Doch nicht alle haben die umgerechnet 16 Euro bekommen und die vier Männer finden das ohnehin lächerlich wenig. Sie fordern monatliche Renten von 500 Euro, mehr soziale Hilfe im Alltag und die Rückgabe enteigneten Eigentums. „Wir wollen die Rechte, die uns als politisch Verfolgten zustehen", betont Xhevdet Pashaj.

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Xhevdet Pashaj, 63, fordert höhere Renten und bessere soziale Unterstützung für ehemals politisch Verfolgte der Hoxha-Diktatur.

Angehörige galten als Volksfeinde

Ilir Çullhaj hat sich den drei ehemaligen Gefangenen angeschlossen. Weil sein Großvater die Politik von Enver Hoxha ablehnte wurde die gesamte Familie bestraft. Ilir Çullhaj zeigt vergilbte Fotos, auf denen sein Vater und zwei Onkel zu sehen sind. Sie waren interniert und bei Ilir Çullhaj und seinen Angehörigen griff die „Sippenhaft“. Schon als Kind galt der 52-jährige als „Volksfeind“, von Bildung wurde er ausgeschlossen.

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Ilir Çullhaj stammt aus einer Familie politisch Verfolgter. Für Angehörige galt „Sippenhaft." Der 52-jährige galt schon als Kind als „Volksfeind“

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Ilir Çullhaj zeigt seinen Vater und seine zwei Onkel, die verhaftet waren. Die Fotos hat er zum Hungerstreik mitgenommen.

Quälende Erinnerungen und Bären

Auf dem steinernen feuchten Boden haben die vier Männer ihr provisorisches Lager aufgebaut. „Als wir hierherkamen, fanden wir Schlangen, Skorpione und Mäuse. Sogar ein Bär hat uns angegriffen,“ erzählt Huanito Martini. Der Bär sei noch in der Nähe, so der 59-jährige. Er hat einen Speer griffbereit, falls dieser wiederkommt. Angriffslustige Bären - sie wirken fast harmlos im Vergleich zu den Erinnerungen, die die Männer in den alten Gebäuden quälen. 8 Jahre, 7 Monate, einen Tag. So lange war Konstandin Gjordeni in Qafë Barit gefangen. Haftgrund: Der 63-jährige wollte zu seinem Onkel nach Deutschland.

Es ist so schrecklich, wieder hier zu sein. Es gibt keinen Stift, der die Schrecken beschreiben kann, die hier geschehen sind. Konstandin Gjordeni
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Konstandin Gjordeni wurde 1984 bei der Häftlingsrevolte in Qafë Barit angeschossen. Er wurde nicht behandelt und verlor die linke Hand.

Bei Häftlingsrevolte angeschossen

Kurze graue Haare, ernster Blick, die rechte Hand zum Siegeszeichen erhoben. Konstandin Gjordeni trägt ein kariertes Hemd unter dem gemusterten Pullover. Ein Ärmel steckt im Hosenbund seiner blauen Jeans, denn ihm fehlt die linke Hand. 1984 gab es in Qafë Barit eine Häftlingsrevolte. Er führte diese mit an, wurde angeschossen und nicht behandelt. So steckte eine Kugel jahrelang in seinem Arm, der immer mehr verfaulte, wie er erzählt. „Nur weil ich gesagt habe: „Es lebe die Freiheit, es lebe die Demokratie“. Ich wurde angeschossen, denn die Kommunisten wollten mir das Leben nehmen.“

100.000 Menschen in Lagern und Gefängnissen

Während der kommunistischen Diktatur war praktisch niemand der rund 3 Millionen Menschen in Albanien vor Verfolgung, Haft, Verbannung oder gar Hinrichtung sicher. Zwischen 1946 und 1991 waren etwa 100.000 in Gefängnissen und Lagern der Willkür des Hoxha-Regimes ausgesetzt. Schätzungsweise 10.000 Menschen überlebten das nicht. Die anderen lebten mit drohender Exekution, Gewalt und Folter, Würmern im Essen, willkürlicher Haftverlängerung um viele Jahre oder Zwangsarbeit. Angehörige wurden enteignet, verbannt, interniert und mussten ebenfalls Zwangsarbeit leisten. Rund 50.000 Familien waren betroffen. Hinzu kam die Isolation des Landes und die Überwachung der Menschen durch ein perfides Spitzelsystem der Geheimpolizei Sigurimi. Deren Arm reichte bis in die grausamen Lager und Gefängnisse hinein. „Als ich ins Lager kam, dachte ich, nun kann ich sagen was ich denke. Doch das war nicht der Fall,“ erinnert sich der albanische Schriftsteller und Künstler Fatos Lubonja.

Elektroschocks und Schläge auf den Kopf

Bis 1990 wurden mehr als 14.500 Menschen bei Fluchtversuchen verhaftet und bei Huanito Martini genügte schon der Vorwurf der „Vorbereitung von Flucht“. Der 59-jährige war zunächst im Gefängnis Spaç und dann in Qafë Barit interniert, wo er in der Mine schuften musste. In den 11 Jahren seiner Gefangenschaft musste er psychische und physische Folter erleben, erzählt Huanito Martini.

„Elektroschocks und Nadeln, die mir das Gehirn betäubt haben. Es gab Zeiten, in denen ich meine Sehkraft verloren hatte. Mein Schädel wurde gebrochen, weil ich mit einem scharfkantigen Holz geschlagen wurde.“

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Huanito Martini aus Shkodra verbrachte 11 Jahre in den Gefängnissen Spaç und Qafë Barit. Er ist von der Politik sehr enttäuscht.

Huanito Martini aus Shkodra trägt eine Jeansjacke und hat ein breites Stirnband um die gelockten grauschwarzen Haare gebunden. Er war auch wegen „Aufführungen ausländischer Theaterstücke“ und „Beschädigung sozialistischen Eigentums“ eingesperrt.

Wir kennen die Täter

Seit dem Zusammenbruch der Diktatur 1991 setzten sich Überlebenden-Verbände für die Rechte der damals Verfolgten ein. Amnestie, Rehabilitierung und Entschädigung, sowie die Rückgabe früheren Eigentums, mehr Rechte und umfassende soziale Unterstützung für ehemals politisch Verfolgte im Alltag. In Albanien regeln Gesetze die Entschädigung und seit 2017 können Betroffene ihre Akten einsehen. Doch eine echte Aufarbeitung – auch in Schulen - bleibt bisher praktisch aus. Frühere kommunistische Funktionäre und Folterer hingegen sind aufgestiegen in Wissenschaft, Politik und Justiz. Seit 1991 regieren die „Demokratische Partei“ und die Sozialisten abwechselnd und letztere haben Ende April zum dritten Mal hintereinander die Parlamentswahl gewonnen. Auf die Nachfolgepartei der Kommunisten und deren Parteichef Edi Rama sind die vier Männer in Qafë Barit nicht gut zu sprechen. Sie kritisieren, dass die Politik nichts für sie tut. „Wir kennen die Täter“, fügt Huanito Martini nüchtern hinzu. Deren Reichtum beruhe auf der unbezahlten Arbeit der früheren Häftlinge.

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Ein Gedenkstein in Qafë Barit für Menschen, die bei der Zwangsarbeit in der Mine, durch Folter oder beim Aufstand im Mai 1984 starben.

Protest soll weitergehen

Mit dem Hungerstreik hätten sie in Tirana begonnen, doch sie seien von der Polizei von dort vertrieben worden. Ihren Hungerstreik wollen die vier Männer diese Woche beenden. Am 22. Mai ist der Jahrestag der Häftlingsrevolte in Qafë Barit. Bis dahin wollen sie bleiben. In dem ehemaligen Gefängnis in den abgelegenen nordalbanischen Bergen, wo die Geister der Toten sie rufen in der Nacht.

Hier können Sie die Geschichte über den Hungerstreik hören.