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Aktenzeichen XY: Warum der TV-Hit so gut funktioniert | BR24

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Heute wäre Eduard Zimmermann, der legendäre Fernseh-Fahnder aus München, 90 Jahre alt geworden. Der Soziologe Jan Pinseler erklärt, warum der Quoten-Hit "Aktenzeichen XY ungelöst" so gut in die Bundesrepublik passte.

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Aktenzeichen XY: Warum der TV-Hit so gut funktioniert

Heute wäre Eduard Zimmermann, der legendäre Fernseh-Fahnder aus München, 90 Jahre alt geworden. Der Soziologe Jan Pinseler erklärt, warum der Quoten-Hit "Aktenzeichen XY ungelöst" so gut in die Bundesrepublik passte.

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Bayern 2-radioWelt: Aktenzeichen XY hat Ende der 1960er Jahre eingeschlagen wie eine Bombe. Warum dieser riesige Erfolg?

Jan Pinseler, Soziologe: Ich glaube, dass dieser Erfolg ganz wesentlich damit zu tun hat, dass hier tatsächlich stattgefundene Verbrechen dargestellt werden. Und das scheint faszinierend zu sein. Und diese Verbrechen werden so dargestellt, wie sie wirklich passiert sind, das ist die Behauptung der Sendung. Und damit bekommt sie so einen Anschein von Authentizität. Das ist etwas, was die Leute offensichtlich fasziniert.

Bayern 2-radioWelt: Sie sagen, das sei eine Behauptung. Das heißt: Eigentlich war es gar nicht so?

Jan Pinseler, Soziologe: In den Sendungen steht ja immer unter den Filmen "nachgestellte Szene". Das Problem ist, dass die Redaktion häufig gar nicht weiß, was passiert ist, bzw. die Polizei weiß nicht so ganz genau, was passiert ist. Man kann gar nicht genau sagen, ob diese Szenen sich tatsächlich so abgespielt hatten. Und dann ist ein Großteil dieser Darstellungen in den Filmen, die gezeigt werden, gar nicht das Verbrechen selber, das stattgefunden hat, sondern es dreht sich um das Leben der Opfer vor dem Verbrechen. Und da handelt es sich um fiktionale Darstellungen, die versuchen, den Stand des Wissens der Polizei zu verarbeiten.

Bayern 2-radioWelt: Ist da eine bestimmte Vorstellung von "Verbrechen" transportiert worden?

Jan Pinseler, Soziologe: Was ganz deutlich ist - und das hat vielleicht auch ein bisschen die Faszination ausgemacht - dass das Verbrechen in Aktenzeichen XY meistens etwas ist, was von außen kommt. Das ist nichts, was aus unserem engeren Kreis kommt, man könnte das als "heile Welt", die ja auch in diesen Filmen dargestellt wird, bezeichnen. Diese heile Welt wird von außen gestört. Das hat man bildlich, indem die Verbrecher, die gleich hier einen Überfall auf ein Haus begehen werden, aus dem Dunkeln von außen in das hell erleuchtete Haus reingucken. Da wird das bildlich gemacht. Man hat es aber auch immer wieder, indem die Kriminellen als "anders" gekennzeichnet werden: Die sind ethnisch anders oder sozial anders, oder die sind psychisch anders, die sind halt "nicht normal".

Bayern 2-radioWelt: Ist das also so eine Art kollektive Suggestion: Wir, eine verschworene "Saubermann-Gesellschaft", die sich vor dem Bösen schützen muss?

Jan Pinseler, Soziologe: Das ist so ein bisschen die Vorstellung der Welt, die Aktenzeichen XY hier zugrunde legt, dass die Welt, in der wir leben, eine heile Welt ist. Wo es das Böse gibt, das von außen in diese Welt eindringt, und wir können das aus unserer Welt wieder entfernen. Das heißt: Es wird in den Sendungen überhaupt nicht über Ursachen von Verbrechen geredet, es sei denn, es wird über einen Psychopathen geredet.

Bayern 2-radioWelt: Ist das immer noch so? Der Zeitgeist ändert sich, doch die Sendung gibt es heute noch.

Jan Pinseler, Soziologe: So wie sich die Gesellschaft verändert hat, hat sich auch die Sendung verändert. Natürlich sind bestimmte Vorstellungen, z.B. wenn es um Mord an schwulen Männern geht. Wenn Sie sich das noch in den Nuller Jahren anschauen, ist die Darstellung von Homosexualität auch in Aktenzeichen XY eine andere, als sie das heute ist. Wir sehen das auch, wenn wir uns ein ganz düsteres Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte anschauen: Es gibt mehrere Filme in Aktenzeichen XY, wo über Morde berichtet wird, von denen wir heute wissen, dass das Morde des NSU waren, des nationalsozialistischen Untergrunds, dieser Terrorgruppe. Und wenn wir uns die Filme angucken, dann kommt da nirgendwo eine Idee auf, dass es da tatsächlich um eine rassistische Tat gehen könnte. Bei Enver Simsek z.B. wird darüber spekuliert, dass es ein Mord im Blumenhändlermilieu sei. Das ist auch nicht verwunderlich. Doch so wie sich unsere Gesellschaft in den Vorstellungen, was normal und was nicht normal ist, geändert hat, verändert sich natürlich dann auch die Darstellung in Aktenzeichen XY.