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Ärzte verunsichert: Mangelhafte Schutzmasken geliefert | BR24

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Europaweit haben Behörden während der Corona-Hochphase unsichere Schutzmasken gekauft. Das haben Recherchen des BR ergeben. Alleine in Deutschland sollen es 800.000 gewesen sein. Die meisten gingen an medizinisches Personal und Ärzte.

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Ärzte verunsichert: Mangelhafte Schutzmasken geliefert

Mindestens 800.000 unsichere Masken, die für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bestimmt waren, hat das Bundesgesundheitsministerium nach BR-Recherchen ausgeliefert – auch nach Bayern.

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Hausarzt Hannes Blankenfeld sitzt vor seinem Rechner. "Also, das ist genau meine Maske hier", sagt er, "die kann ich wegwerfen." Nach einem Hinweis von BR-Reportern hat Hannes Blankenfeld eine Schutzmaske, die ihm geliefert wurde, in einer Datenbank gefunden, die vor gefährlichen Produkten in Deutschland warnt. "Erhöhtes Infektionsrisiko", sagt das EU-Schnellwarnsystem RAPEX. Die Chargennummer unterscheidet sich zwar, doch der Arzt will sich auf diese Maske nicht verlassen.

Er habe bisher keine Warnung zu keiner seiner Masken bekommen, sagt er. Auch Zertifikate, die die Qualität der Masken belegen könnten, habe er nie gesehen.

Hunderte Arztpraxen betroffen

Viele Schutzmasken, die die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) im Frühjahr an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verteilten, hat das Bundesgesundheitsministerium geliefert. Mindestens 800.000 dieser Masken wiesen Mängel auf oder entsprachen nicht den Anforderungen, wie eine BR-Anfrage an alle Kassenärztlichen Vereinigungen ergibt. Wie viele der unsicheren Masken eingesetzt wurden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Auch für bayerische Arztpraxen wurden solche mangelhafte Masken geliefert. Nach Angabe der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns lässt sich die Zahl im niedrigen fünfstelligen Bereich verorten. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns teilt dazu mit: "Die Qualität der vom Bund gelieferten Waren war teilweise sehr schwankend." In Niedersachsen waren nach Angaben der zuständigen KV rund 400 Arztpraxen betroffen.

Millionen unsichere Masken europaweit

Gemeinsame Recherchen des BR mit der Rechercheplattform OCCRP und internationalen Partnermedien zeigen außerdem: Europaweit kauften Behörden Millionen von unsicheren Masken. In vielen Fällen steckt offenbar Betrug mit Zertifikaten dahinter.

Die Reporter haben mehr als hundert Zertifikate ausgewertet. Neben Fälschungen finden sich vor allem irreführende Dokumente, die auch von europäischen Zertifizierungsstellen ausgegeben wurden. Dabei handelt es sich nicht um EU-Behörden, sondern um ausgesuchte Firmen, die bestätigen können, ob importierte Produkte den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen. Doch immer wieder stellten Firmen, die gar keine Schutzausrüstung zertifizieren dürften, Zertifikate aus, die keine sind. Dem Reporterteam liegt ein Vertragsentwurf vor, in dem eine italienische Zertifizierungsfirma einem potentiellen Kunden anbot, ein sogenanntes "Sekundärzertifikat" für Schutzmasken anzufertigen. Der Preis: 20.000 Euro. Für ein Zertifikat, das es offiziell nicht gibt.

Wer sich nicht auskennt, könne nur schwer erkennen, dass diese Art von Dokument keine Aussage über die Qualität oder Sicherheit der Masken treffen könne, sagt die Dänin Dorte Kardel. Sie berät Firmen dabei, Produkte auf den Markt zu bringen, die den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen. Kardel geht davon aus, dass die Hersteller der Masken in einigen Fällen selbst nicht wissen, dass ihre Produkte nicht ordnungsgemäß zertifiziert sind.

Betrug mit Zertifikaten

Vor einigen der mit irreführenden Zertifikaten verkauften Schutzmasken wird inzwischen offiziell gewarnt, auch in Deutschland. Insgesamt listet die Rückruf-Datenbank der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mehr als 50 gefährliche Schutzmaskenmodelle auf, die auf dem deutschen Markt gefunden wurden. Das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung OLAF hat Ermittlungen eingeleitet. Die potentiell riesigen Gewinnspannen bei Schutzmaterial zögen Betrüger an, so OLAF-Generaldirektor Ville Itälä. In mehreren EU-Staaten seien bereits Millionen von Masken beschlagnahmt worden. Das Amt geht davon aus, dass alle Mitgliedsstaaten von dem Betrug betroffen sein könnten.

Gesundheitsministerium lieferte unsichere Masken aus

In Deutschland war dem Bundesgesundheitsministerium schon im April bekannt, dass Zertifikate mit "nur geringer Aussagekraft" im Umlauf sind, wie es in einem Dokument heißt, das das Ministerium an Händler verschickt hat und das dem BR vorliegt. Das Ministerium lässt beschaffte Masken vom TÜV Nord stichprobenartig testen. In mehreren Fällen lieferte es allerdings Masken aus, die vorher vom TÜV Nord beanstandet worden waren. Das Ministerium begründet diese Fehlzustellungen auf BR-Anfrage unter anderem mit dem Zeitdruck der Pandemie-Situation. Die fehlerhafte Ware sei zurückgerufen worden.

Kassenärztliche Vereinigungen: Wurden nicht gewarnt

Mehrere Kassenärztliche Vereinigungen geben auf Anfrage an, vom Bundesgesundheitsministerium nicht ausreichend über die verteilten unsicheren Masken informiert worden zu sein. Die KV Rheinland-Pfalz etwa schreibt, teils aus Presseberichten davon erfahren zu haben. Die KV Bayerns teilt mit, nicht vom Ministerium gewarnt worden zu sein. In Bayern war es ein Arzt, der die Kassenärztliche Vereinigung aufmerksam machte. Er hatte selbst im EU-Schnellwarnsystem nachgesehen. Und auch die KV Baden-Württemberg schreibt: "Seitens der zuständigen Behörde wurden wir nicht gewarnt." Das Gesundheitsministerium weist die Vorwürfe zurück und gibt an, man werte das EU-Schnellwarnsystem regelmäßig aus. In den Fällen, bei denen ausgelieferte Masken identifiziert werden konnten, seien Warnmeldungen erfolgt.

Politische Aufarbeitung gefordert

FDP-Bundestagsabgeordnete und Fraktionsvize Michael Theurer fordert im Interview Konsequenzen. Das Thema Schutzmasken müsse politisch aufgearbeitet werden: "Denn Deutschland ist in eine sehr prekäre Lage dadurch geraten, dass wir nicht ausreichend auf die Pandemie vorbereitet waren."

Hausarzt Hannes Blankenfeld hofft für die erwartete nächste Welle im Herbst, dass die Bundesregierung aus ihren Fehlern gelernt hat. "Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass wir dann auch ordentliches Material bekommen", sagt er. Denn jede Maske nochmals prüfen zu müssen, ob sie wirklich sicher ist und ihn und seine Mitarbeiterinnen vor einer Infektion schützt, das könne er als einzelner Arzt nicht leisten.

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