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Der östliche Teil des Wakhan-Korridors bildet die Grenze zwischen China und Afghanistan.

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    Nach Abzug der US-Truppen: Chinas Interessen in Afghanistan

    China grenzt an Afghanistan. Doch gegenüber dem Nachbarland hielt Peking sich lange zurück und ließ den Westen machen. Nun sind die US-Truppen abgezogen, die Taliban streben nach der Macht. Wie sieht man das in Peking?

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    • tagesschau.de

    Die Grenze zwischen Afghanistan und China ist kurz - nur 76 Kilometer, ein unzugänglicher Pass in extremer Höhe. Dennoch ist sie wichtig für China. Denn bisher hatten die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan über lange Jahre mit viel Mühe für relativ stabile Verhältnisse gesorgt. Das ist nun vorbei.

    Dementsprechend fällt der Tonfall von Wang Wenbin aus, einem Sprecher des Pekinger Außenministeriums: "Die USA haben durch ihren überstürzten Abzug aus Afghanistan ihre Verantwortung und ihre Verpflichtungen verletzt. Sie hinterlassen Unordnung und Aufruhr für das afghanische Volk und die angrenzenden Länder." Wang spielt auf die Lage der afghanisch-chinesischen Grenze an: Auf der chinesischen Seite ist Xinjiang, wo die muslimische Minderheit der Uiguren lebt. Peking rechtfertigt seine riesigen Internierungslager für Uiguren mit einem kollektiven islamistischen Terrorismusverdacht.

    Fan Hongda, Spezialist für den Mittleren Osten an der Shanghaier Universität für internationale Studien, sagt: "Wenn die Situation in Afghanistan nicht zu stabilisieren ist, wird das Land ins Chaos verfallen. Das würde es zu einer Brutstätte für internationale Terroristengruppen machen. Natürlich wäre dann die Sicherheit von Afghanistans Nachbarn sehr gefährdet. Wie wir wissen, grenzt Afghanistan an die Region Xinjiang in China. Und dort sind Extremisten sehr aktiv."

    China hielt sich in Afghanistan lange zurück

    Den Taliban hätten sich bis ins Jahr 2001 300 Uiguren angeschlossen, so das chinesische Außenministerium. China hielt sich gegenüber Afghanistan lange zurück und ließ den Westen machen. Im Bürgerkrieg mit den Taliban zog Peking in den 1990er Jahren gar all seine Diplomaten aus der neu eröffneten Botschaft ab. Erst 2002 nahm Peking die Beziehungen wieder auf und hielt seither Kontakt zur afghanischen Regierung.

    Und nun die Taliban, sagt Professor Fan Hongda: "Ob wir es mögen oder nicht, die Taliban sind eine politische Macht geworden, die man in Afghanistan nicht ignorieren kann. Deshalb versuchen die Nationen, die an Friedensverhandlungen teilnehmen, zwischen den politischen Seiten in Afghanistan zu vermitteln - diese Nationen sind Russland, Iran und China. Die chinesische Regierung hat eine klare Definition der Taliban. China sieht sie als eine politische Macht in Afghanistan, nicht als eine Gruppe Terroristen, wie sie von anderen genannt werden."

    China verhandelt seit 2019 mit den Taliban

    Seit 2019 empfing Peking diverse Gruppen von Taliban-Führern. Über Details der Verhandlungen ist wenig bekannt. Aber einige Taliban gaben der französischen Nachrichtenagentur AFP Interviews: Man sei an guten Verbindungen zu allen Ländern interessiert. Und wenn andere Länder in afghanische Bodenschätze investieren wollten, so sei dies den Taliban willkommen.

    Afghanistan ist für China wirtschaftlich interessant. Der Wert der Bodenschätze wird auf eine Billion Dollar geschätzt. Schon 2008 haben sich chinesische Konsortien Schürfrechte für die zweitgrößten Kupfervorkommen der Welt gesichert, und 2011 folgte ein 25-Jahres-Vertrag über Ölbohrungen. Doch voran ging seither gar nichts. China hatte sich entschlossen, auf stabilere politische Verhältnisse in Afghanistan zu warten. Zumal zu Zeiten der Schutzmacht USA Zurückhaltung in Kabul herrschte, wenn es darum ging, sich mit China einzulassen. Ändert sich das nun?

    Taliban als Faktor für die Neue Seidenstraße?

    Professor Fan Hongda bleibt dabei - seinem Land gehe es nicht um mehr Einfluss in Asien: "China hat Afghanistan nach dem amerikanischen Rückzug nie als Vakuum gesehen. Und China hat auch keinerlei Interesse daran, ein Gegengewicht zum amerikanischen Einfluss im mittleren Osten zu bilden. Das einzige, was China in Afghanistan interessiert, ist, dass Afghanistan stabil bleibt."

    Das Land ist aber auch für das Prestigeprojekt von Staats- und Parteichef Xi Jinping, wichtig, für die Neue Seidenstraße. Denn ein strategischer Punkt dabei ist der wirtschaftliche Korridor zwischen China und Pakistan, wo es enge Beziehungen zu den Taliban gibt: Einigt sich China mit ihnen, könnte Afghanistan die zentralasiatischen Staaten verbinden. Unter chinesischer Schirmherrschaft.

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