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Der scheidende BR-Intendant Ulrich Wilhelm

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Abschied vom BR: Intendant Ulrich Wilhelm zieht Bilanz

Nach zwei Amtszeiten und zehn Jahren hat Intendant Ulrich Wilhelm heute seinen letzten Arbeitstag im BR. Regionalisierung, Trimedialität und eine Steigerung der Reichweite kann er sich auf die Fahnen schreiben. Für seine Zukunft lässt er alles offen.

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Von
  • Nina Landhofer
  • Sissi Pitzer

Nina Landhofer: Herr Wilhelm, wir haben über 50 Korrespondentinnen und Korrespondenten, die im Freistaat von 29 Standorten berichten, für alle Programme. Die Regionalisierung war einer ihrer großen Schwerpunkte. Warum war Ihnen das so wichtig - das kostet ja auch viel Geld?

Ulrich Wilhelm: Wir haben das ohne zusätzliches Geld geschafft, indem wir Etats aus der Zentrale heraus in die Fläche verlagert haben. Inhaltlich wurde das vom Publikum immer schon stärker gewünscht. Aus Sicht vieler Menschen haben wir zu sehr aus den Zentralen, aus München und Nürnberg heraus berichtet, insbesondere im Fernsehen. Also war die klare Vorgabe, von jedem Ort in Bayern binnen 60 Minuten live-fähig zu sein, sowohl im Fernsehen als auch im Netz. Denn in Social-Media-Zeiten entstehen sehr schnell Meldungs- und auch Gerüchtelagen, auf die wir reagieren müssen.

Eine große Herausforderung war in den letzten zehn Jahren die Digitalisierung, die stark an Fahrt aufgenommen hat. Was bedeutet das für ein Medienhaus, vor allem für Social Media und das Web?

Ulrich Wilhelm: Wir hatten hier eine regelrechte Revolution! Eine Einrichtung wie den Bayerischen Rundfunk, die ja eine Tradition und eine gewisse Kultur hat, auf Tempo zu bringen, war schwer. Wir mussten auch der Wahrheit ins Auge blicken und uns sagen: Wenn wir so weitermachen, dann werden wir irgendwann die jungen Menschen verlieren und diejenigen, die sich vor allem im mobilen Internet informieren und unterhalten lassen wollen. Ein solcher Kulturwandel ist immer schwerer als alles andere. Also haben wir neue Produkte geschaffen: BR24, die Mediathek, die nicht zu vergleichen ist mit dem Angebot von vor zehn Jahren, die News-WG für ein neues Publikum, dass wir anders gar nicht mehr erreicht haben, und, und, und.

Wie nutzen Sie denn selber Social-Media?

Ulrich Wilhelm: Was mich betrifft, bin ich persönlich sehr zugeknöpft, weil ich diese Datenschutzprobleme für äußerst akut halte. Und weil ich auch den Geschäftsmodellen der US-Plattformen mit einer gewissen Skepsis gegenüberstehe, wenn es um Meinungsbildung geht. Ich selber nutze sehr viel an klassischen Medienangeboten, natürlich auch im Netz, wie z.B. die Online-Angebote der Zeitungen. Aber einen eigenen Social-Media-Account bei Facebook, bei Instagram oder TikTok zu nutzen, das habe ich nicht gemacht.

Was bedeutet diese ganze Entwicklung für den Journalismus?

Ulrich Wilhelm: Wir haben nicht mehr den Informationsvorsprung, den wir über Jahrzehnte hatten, als ein Thema erst dann ein Thema war, wenn die Medien fanden, dass das ein Thema ist. Heute haben alle Leute Zugang zu fast allem Wissen in Echtzeit. Jetzt ist es eher die Frage: Wie gewichte ich das? Wie unterscheide ich Halbwahrheiten von Wahrheiten, Fakten von Gerüchten, wie ordne ich bestimmte Dinge ein? Das ist der neue Ansatz, der den Journalismus unverändert zeitgemäß erscheinen lässt: einordnen, erklären, mitunter entschleunigen, und immer wieder die Dinge so aufbereiten, dass die Nutzer etwas damit anfangen können. Und es wird interaktiver, transparenter. Auch werden wird uns sicher der Kritik in Zukunft immer noch schneller stellen müssen.

Durch die Pandemie sind verlässliche Medien noch wichtiger geworden. Was wurde im BR dazu initiiert?

Ulrich Wilhelm: Zum einen mussten wir unsere eigene Arbeitsfähigkeit erhalten. Wir haben sehr viel mehr von Zuhause machen müssen, sogar ganze Sendungen, als wir uns jemals vorgestellt hatten - und das alles über Nacht. Zum anderen haben wir neue Angebote aufgelegt: Schule daheim, die Kulturbühne, um den vielen Künstlerinnen und Künstlern, die ihr Publikum verloren haben, virtuell ein Publikum zu erhalten. Ein neues Wissensangebot mit dem Schwerpunkt rund um Corona, aber nicht ausschließlich. Die Wirtschaft mit einer tollen Podcast-Reihe, viele Sondersendungen und Livestreams. Nur als Beispiel: BR24 hat sein Publikum im Zeitraum 2019 auf 2020 verdreifacht. Dazu haben auch die Faktenchecks als ein ganz wesentliches Element beigetragen.

Der Zuwachs an Publikum für die meisten öffentlich-rechtlichen Sender in Europa zeigt, dass dann, wenn es drauf ankommt, eine große Mehrheit der Menschen zum öffentlich-rechtlichen Angebot tendiert.

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Ulrich Wilhelm: Meilensteine seiner Amtszeit

Eine gesellschaftlich-kulturelle Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen, auch des Bayerischen Rundfunks, sind Angebote wie BR Klassik. Wir haben auch eigene Orchester. Was ist da entstanden in den zehn Jahren?

Ulrich Wilhelm: Die Klassik ist ein Bereich, in dem der BR wirklich einen Ruf zu verteidigen hat. Das ist uns seit 70 Jahren gelungen. Wir haben unverändert das einzige Vollprogramm für Klassik, wobei wir das auch immer stärker anreichern mit Jazz, Musical, Musikgeschichte, Musikpädagogik. Wir haben das wirklich sehr gut gemachte Portal BR-Klassik, wir bieten mehr Livestreams. Die Klangkörper haben einen ganz anderen, viel zeitgemäßeren Internetauftritt. Die sogenannte Education, also die Vermittlung von Musik an junge Menschen oder musikferne Schichten, wird deutlich ausgebaut. Wir erreichen zehnmal mehr Menschen heute über Education-Angebote als noch vor zehn Jahren. Das ist etwas, was wir sehr gerne machen.

Dann die Perspektive, Sir Simon Rattle als neuen Dirigenten zu gewinnen, da erhoffen wir uns in drei Jahren nochmal besondere Innovationen. Und die Aussicht, im Münchner Werksviertel, einem neuen Stadtteil, Ende des Jahrzehnts einen eigenen Konzertsaal zu bekommen, bringt für unsere Klangkörper gewaltige neue Möglichkeiten, gerade auch in der Begegnung mit unterschiedlichsten Musiktraditionen.

Sie sind auch zuständig für den Sport in der ARD gewesen. Da kommt häufiger die Kritik auf, dass die Öffentlich-Rechtliche mehr sparen müssten und sich auch mehr Richtung Breitensport entwickeln könnten.

Ulrich Wilhelm: Das ist ein Dauerthema. Ich würde die Kritik verstehen, wenn wir weniger Sportarten bringen würden als vor Jahrzehnten. Tatsächlich aber dokumentieren wir in den Dritten Programmen über hundert verschiedene Sportarten und im Ersten immerhin 50. Fußball ist besonders aufmerksamkeitsträchtig, aber es gibt viel, viel mehr. Ich würde es auch verstehen, wenn wir immer mehr Geld ausgeben müssten für den Sport, zu Lasten anderer Inhalte, politischer Sendungen, Kindersendungen und so weiter. Gott sei Dank ist auch das nicht der Fall. Wir haben im Gegenteil den Sporthaushalt sogar abgesenkt. Und außerdem haben wir auch sehr viel mehr Rechte geteilt und auf manches verzichtet.

Katja Wildermuth, ihre Nachfolgerin, tritt am 1. Februar ihr Amt an. Und sie ist tatsächlich die erste Frau an der Spitze des Bayerischen Rundfunks. Hat der BR die Diversität genügend gefördert in den letzten Jahren?

Ulrich Wilhelm: Die Entscheidung über die Intendantin, also meine Nachfolgerin, die hat der Rundfunkrat getroffen, mit einer großen Mehrheit. Die Positionen innerhalb des BR werden in der Regel vom jeweiligen Intendanten vergeben, mit Zustimmung des Rundfunkrats. Wir haben hier in meinen zehn Jahren den Anteil von Frauen sehr deutlich erhöhen können. Aber weil wir ja fast die Hälfte unserer Beschäftigten in technischen Berufen haben, sind wir noch entfernt von 50:50, wir haben ein gutes Drittel. In manchen journalistischen Abteilungen des Hauses sind es schon 50:50 oder sogar mehr Journalistinnen als Journalisten. Aber das ist eine Daueraufgabe. Wir haben gut dazu gelernt beim Thema flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitlösungen, und einfach deutlich mehr auf das Leben zu reagieren. Auch die Lehren aus Corona werden eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringen. Und das wird beiden Geschlechtern nutzen. Außerdem, glaube ich, dass wir auch bei allen anderen Dimensionen der Diversität noch besser werden.

Bevor sie als Intendant zum BR wechselten, waren sie Regierungssprecher. Tatsächlich kann man bis heute in den Kommentarspalten der sozialen Medien beobachten, dass ihre Person mit viel Kritik behaftet ist und ihnen vorgeworfen wird, das sei zu viel Staatsnähe. Wie haben Sie damals selber diesen Perspektivwechsel wahrgenommen?

Ulrich Wilhelm: Ich war ja Journalist, das war mein erster Beruf. Und als Regierungssprecher war ich immer Beamter, ich war in meinem Leben nicht eine Minute Politiker. Daher konnte ich damit, glaube ich, gut umgehen. Es ist aber völlig klar, dass nur ein solcher Mensch Intendant oder Intendantin werden kann, für den die Unabhängigkeit der oberste Wert ist. Nicht nur die Politik ist hier eine Gefahr, sondern auch alle möglichen Interessensgruppen in der Gesellschaft. Wenn wir uns mit irgendeinem Anliegen verbinden würden im Sinne von "das drücken wir durch", dann ist die Unabhängigkeit verspielt.

Gibt es Pläne für die Zeit danach, haben Sie schon etwas vor?

Ulrich Wilhelm: Ich habe noch überhaupt nichts entschieden, aber unterschiedlichste Interessen. Dinge, die mich wirklich auch herausfordern, über die ich sehr intensiv nachdenke. Und ich bin ganz zuversichtlich, dass mir etwas Spannendes einfällt.

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Heute endet beim Bayerischen Rundfunk die Amtszeit von Intendant Ulrich Wilhelm. In den vergangenen zehn Jahren hat er den Sender umgebaut und digitalisiert. Das Ziel: Den BR fit zu machen für die Zukunft und die veränderte Mediennutzung.

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