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Junge Menschen am Strand in Kroatien (Symbolbild)

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    Abitur-Fahrten als Corona-Superspreading-Events?

    Mehrere Gymnasiasten haben sich in den letzten Tagen auf ihren Abifahrten mit Corona angesteckt. Betroffen sind viele Landkreise, und passiert ist es in verschiedenen Urlaubsgebieten. Nun stellt sich die Frage: Sind Abireisen Superspreading-Events?

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    Von
    • Susanne Lettenbauer
    • BR24 Redaktion

    Noch ist man am Gymnasium Geretsried schockiert von der Nachricht: Mindestens 25 von 35 jungen Abiturientinnen und Abiturienten der Schule haben sich auf einer Abifahrt nach Kroatien infiziert. Acht davon mit der Delta-Variante. Zwei Betroffene könnten bereits infiziert losgefahren sein, heißt es vom Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen, das für die Tests nach der Rückkehr verantwortlich ist. Die Sieben-Tage-Inzidenz unter den Zehn- bis 19-Jährigen im Landkreis schnellte danach auf 153 hoch.

    Abifahrt nicht von der Schule organisiert

    "Es war keine Abifahrt von der Schule. Wir wussten gar nicht, wer dabei war", betont Christoph Strödecke, Schulleiter am Gymnasium Geretsried. Das Kollegium habe sich für die jungen Leute gefreut, dass sie nach den schwierigen Monaten und nach bestandenem Abitur das Leben genießen wollten. Man könne und wolle bei der Planung von privaten Abireisen nicht hineinreden. Es sei eine private Veranstaltung - privat organisiert und bezahlt. Als Schule könne man nur auf die Folgen derartiger Reisen hinweisen.

    Die heutige Zeugnisvergabe müsse nun ohne die in Quarantäne befindlichen Schülerinnen und Schüler erfolgen. Stattdessen werde ihnen ihr Abizeugnis zugeschickt. Wer genau betroffen ist, weiß Strödecke offiziell nicht. Das verbiete der Datenschutz.

    Abiturienten auf Korfu infiziert

    Nicht nur Geretsried, auch viele weitere Schulen sind betroffen. Mehr als 300 Teilnehmer aus verschiedenen Gymnasien im Großraum München waren beispielsweise bei einer einwöchigen Reise nach Korfu dabei. Allein im Landkreis Landsberg wurden seither sieben Schüler positiv auf Corona getestet, wie das dortige Landratsamt erklärte. Von diesen sei glücklicherweise niemand schwer erkrankt, hieß es. Noch lägen nicht von allen Getesteten die Ergebnisse vor.

    40 Teilnehmer dieser Reise kamen vom Deutschherren-Gymnasium im schwäbischen Aichach. Dort sind seither zwei positive Fälle aufgetreten. Beide Infizierten haben bislang keine oder nur sehr schwache Symptome, heißt es vom Landratsamt.

    Ein Schüler aus der Gruppe befindet sich noch in Griechenland in Quarantäne, da er bereits vor der Rückreise der Gruppe positiv getestet worden war. Für die zurückgekehrten Schüler wurde 14 Tage Quarantäne angeordnet.

    Quarantäne für Schüler aus dem Allgäu und aus Weißenburg

    20 Abiturienten aus dem Oberallgäu verpassen nach einer privaten Abschlussfahrt nach Kroatien ihre Zeugnisübergaben. Zwar sei bisher keiner der Abiturienten positiv auf das Virus getestet worden. Sie müssten aber wegen des unklaren Infektionsgeschehens in der Ferienanlage für zwei Wochen in Quarantäne, so das Landratsamt in Sonthofen.

    Das Gesundheitsamt im mittelfränkischen Weißenburg hat 20 Abiturienten des Weißenburger Gymnasiums in Corona-Quarantäne geschickt. Anlass war auch hier eine private Abschlussfahrt ins Ausland, nach der ein Schüler positiv auf Covid-19 getestet wurde. Alle Teilnehmer der Fahrt, mit Ausnahme der vollständig Geimpften oder Genesenen, seien von der Quarantäne betroffen, so das Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen.

    Schülerin: Hygienemaßnahmen eingehalten

    Die Abiturientin Isabel Welzl aus Germering möchte ihre Fahrt nach Korfu auf keinen Fall missen. Auch bei einem eventuell möglichen Ansteckungsrisiko hätte sie nicht auf diese Möglichkeit, mit den Schulkameraden zu verreisen, verzichtet.

    "Bevor wir in den Bus einsteigen durften, mussten wir alle einen negativen PCR-Test vorlegen, damit der Veranstalter wusste, dass wir alle negativ sind", erklärt die 19-Jährige. "Im Bus selbst mussten wir dann keine Masken mehr tragen, weil wir getestet waren. Auf Korfu bestand keine Maskenpflicht von Seiten der griechischen Regierung, nur in den Supermärkten. In den Clubs wurden die Hygienemaßnahmen eingehalten, die von Korfu vorgegeben wurden. So war zum Beispiel Tanzen verboten", beschreibt Isabel die Situation vor Ort.

    An der heutigen Zeugnisverleihung kann die Schülerin nicht teilnehmen. Als Kontaktperson eines infizierten Mitfahrers muss sie in Quarantäne bleiben. Der Anruf vom Gesundheitsamt kam zu ihrem Erstaunen erst eine Woche nach der Rückkehr. Im Ernstfall hätte sie in der Zwischenzeit andere Personen anstecken können.

    Individuelle Entscheidung

    Die Abiturientinnen und Abiturienten seien volljährig, verteidigt auch der Bayerische Elternverband die Abireisen. "Dieses Erlebnis einer Abschlussfahrt ist ganz, ganz wichtig", meint Henrike Paede vom BEV. "Selbst wenn man hinterher eine Quarantäne in Kauf nehmen muss." Die jüngeren Leute hätten auch nicht das Risiko, sehr schwer zu erkranken, betont die Sprecherin des Elternverbandes. "In dem Alter, in dem die Abiturientinnen und Abiturienten sind, sollten die Eltern zwar beraten, aber die Entscheidung liegt allein bei den Jugendlichen."

    Tourismusbranche wirbt für "Abireisen"

    Mit dem Begriff "Abireisen" werbe die Reisebranche häufig für organisierte Fahrten, so das Kultusministerium. Das Ministerium habe darauf keinen Einfluss.

    Der Markt der "Abireisen" ist in den vergangenen Jahren merklich gewachsen. Maßgeschneiderte Angebote werben beispielsweise für zehn Tage "inklusive Party- und Erlebnisprogramm" mit Feiern in Clubs, am Strand oder auf dem Partyboot. Diese Angebote sind offenbar sehr beliebt.

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