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Abgezockt? Rumänische Erntehelfer auf deutschen Feldern | BR24

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Abgezockt? Rumänische Erntehelfer auf deutschen Feldern

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    Abgezockt? Rumänische Erntehelfer auf deutschen Feldern

    Sie gehen körperlich an ihre Grenzen und verdienen dennoch oft weniger als den Mindestlohn. Dank osteuropäischer Erntehelfer sind Obst und Gemüse in Deutschland billig. Dabei geht es auch anders, wie ein Landwirt aus Nürnberg zeigt.

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    • Mehr dazu in der "Europa-Reportage", heute um 16.45 Uhr im BR Fernsehen

    Eine junge Rumänin steht verzweifelt vor einem Erdbeer- und Spargelhof in Niedersachsen. Sie sagt entschlossen: "Hierher komme ich nie wieder!" Die Erntezeit ist noch nicht zu Ende, doch Ancuta will jetzt schon nach Hause. Sie fühlt sich betrogen, wie viele ihrer Landsleute auf dem Hof. Was ist geschehen?

    Niedriger Mindestlohn in Rumänien treibt Menschen ins Ausland

    Während in Deutschland wegen Corona strenge Ausgangsbeschränkungen gelten, steigt die 21-Jährige in Rumänien in ein Flugzeug. Sie hat einen Job als Erdbeerpflückerin auf einem Hof in Niedersachsen. Der klingt verlockend, denn in Deutschland gilt der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro. In Rumänien beträgt er gerade mal 2,81 Euro.

    Zum Geldverdienen kommt Ancuta - wie viele Rumänen - regelmäßig nach Deutschland. Das Geld braucht die Alleinerziehende auch für ihre fünf Monate alte Tochter Maya. Die hat sie bei der Oma in Rumänien gelassen. Schweren Herzens. Aber sie hat keine Wahl: Zuhause hatte sie noch nie einen bezahlten Job.

    Doch einen Monat später will Ancuta gemeinsam mit rund 40 anderen Rumänen den Bauernhof in Niedersachsen verlassen. Sie sind unzufrieden, haben ihre Arbeitsverträge nicht bekommen und befürchten, dass der Hof ihnen zu wenig Lohn auszahlen wird. Deshalb haben sie seit ein paar Tagen aufgehört zu arbeiten und warten auf ihr Geld.

    Erntehelfer haben Angst vor Kündigung

    Szenen wie diese spielen sich auf den deutschen Höfen immer wieder ab. Deshalb haben Gewerkschaften eigene Beratungsstellen eingerichtet. Sie informieren die ausländischen Erntehelfer über ihre Rechte. "Viele haben noch nie etwas vom Mindestlohn gehört", erzählt Oskar Brabanski von der Beratungsstelle "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

    Zusammen mit seinem Kollegen Marius Hanganu geht er auf bayerische Felder. Unangekündigt und meistens nicht zur Freude der Landwirte. Marius spricht rumänisch, Oskar polnisch. Um mit den Erntehelfern in Kontakt zu kommen, verteilen sie Visitenkarten. Kein leichter Job, denn Erntehelfer haben Angst vor Lohnabzügen oder einer Kündigung, wenn sie mit Gewerkschaftern sprechen.

    Doch einige melden sich trotzdem bei ihnen. Dann können Marius und Oskar die Arbeitsverträge und Lohnabrechnungen überprüfen. Bei Verstößen begleiten sie die Erntehelfer bis zum Arbeitsgericht. Oskar Brabanski erklärt: "Die Menschen wissen ganz häufig nicht, an wen sie sich wenden können und akzeptieren dann auch weniger als den Mindestlohn, weil sie kein Deutsch können und ihre Rechte nicht kennen."

    Bauer droht mit Geldstrafen

    Auch auf dem Hof in Niedersachsen haben die Rumänen mittlerweile Unterstützung von einer Beratungsstelle. Zwei Tage lang wollte der Landwirt sie nicht auszahlen. Offenbar befürchtet er, dass die Ernte ohne Erntehelfer auf dem Feld verrottet. Er droht den Rumänen bei einer früheren Abreise sogar mit Geldstrafen.

    Die Gewerkschafterin informiert daraufhin den Zoll. Dessen "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" (FKS) prüft die Einhaltung des Mindestlohnes und kommt auf den Hof, um vor Ort Dokumente der Arbeiter zu kopieren. In den kommenden Wochen wird die FKS ermitteln.

    Enttäuschung bei der Auszahlung

    Am Abend werden die rumänischen Arbeiter einzeln ins Büro des Landwirtes gerufen, dort soll ihnen der Lohn ausgezahlt werden. Auch der 21-jährigen Ancuta. Doch sie verlässt fassungslos das Büro, in der Hand ein weißes Briefkuvert. Daraus zieht sie 315 Euro - der Restlohn für vier Wochen Arbeit.

    Abgezogen wurden bereits die Miete für ein Mehrbettzimmer, ein Vorschuss für Lebensmittel und eine Pauschale für den Flug. Ancuta ist wütend: "Das ist nicht korrekt so". Ihre Lohnabrechnung bekommt sie nur kurz gezeigt, nicht ausgehändigt. Auch die meisten anderen erhalten deutlich weniger Lohn als sie erwartet hatten und keine Abrechnungen.

    Trotz Vertrag kein Stundenlohn

    Ancuta konnte heimlich ein Foto von ihrer Abrechnung machen. Daraus wird deutlich: Der Arbeitgeber hat einen kleinen Teil nach Stundenlohn bezahlt. Der Großteil ihrer Arbeit wurde jedoch nach Akkordlohn bezahlt - also nach der Menge Erdbeeren, die Ancuta geerntet hat. Das ist in der Landwirtschaft nicht ungewöhnlich, allerdings teilt der Hof auf Anfrage mit: "Die Erntehelfer werden im Stundenlohn bezahlt. Zusätzlich gibt es Leistungszuschläge. (...) Es gibt keine Akkordentlohnung."

    Akkordlohn ist in Deutschland erlaubt, allerdings nur, wenn der Mindestlohn von 9,35 Euro brutto pro Stunde dabei eingehalten wird. Ob das der Fall ist, ist schwer nachzuvollziehen, denn die Arbeitszeiten werden oft nicht korrekt dokumentiert. Auch Ancuta hat sich ihre Stunden nicht aufgeschrieben.

    Arbeitsrechtler: "Das ist ein No Go"

    Zudem muss im Arbeitsvertrag genau geregelt sein, zu welchen Bedingungen nach Akkordlohn gearbeitet wird. Das ist bei Ancutas Arbeitsvertrag nicht der Fall. Dort heißt es lediglich: "Einzelheiten hierzu werden im Betrieb am Schwarzen Brett und im Personalbüro veröffentlicht bekanntgegeben."

    Für den Münchner Arbeitsrechtler Dieter Dankowski ein klarer Verstoß: "Das ist ein No Go. Wenn nach Akkord gearbeitet wird, muss klar sein, zu welchen Bedingungen."

    Landwirt ignoriert den Grundlohn

    Ein weiteres Problem: Der Arbeitsvertrag garantiert Ancuta einen Grundlohn von 1.122 Euro brutto bei 120 Stunden Arbeitszeit im Monat. Nach allen Abzügen für Unterkunft, Verpflegung und Flug hätte Ancuta damit mindestens 542 Euro bekommen müssen. Stattdessen wurden ihr nur 315 Euro ausgezahlt. Der Landwirt ignoriert also offenbar den vertraglich vereinbarten Grundlohn bei einer 30-Stunden Woche.

    "Man kann nicht sagen, dass das ein Einzelfall ist," erklärt Arbeitsrechtler Dieter Dankowski. Er prüft die Arbeitsverträge verschiedener Höfe aus ganz Deutschland, die wir während unserer Recherche erhalten haben. "Bei diesen Verträgen drängt sich mir auf, dass hier auch die Schutzlosigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgenutzt wird."

    Mehr Lohn sorgt für mehr Motivation

    Es gibt aber auch Positivbeispiele: Gemüsebauer Stefan Hußnätter aus Nürnberg etwa geht mit seinen Erntehelfern anders um. Obwohl er mächtig unter Druck steht: Große Supermarktketten, die ihm Salat, Sellerie und Spargel abkaufen, wollen den Preis um jeden Cent drücken.

    Für Hußnätter sind die Lohnkosten fixe Kosten, an denen sich nichts ändert: "Wenn ich Leute möchte, die mit mir durch Dick und Dünn gehen, dann muss man die Leute anständig behandeln." Deshalb zahlt er seinen 70 Erntehelfern den Mindestlohn, in den meisten Fällen sogar mehr. Sein Ansatz: Wer mehr Geld verdient, arbeitet schneller und effizienter.

    Wirtschaftliche Einbußen habe er dadurch nicht, erzählt er. Im Gegenteil: Arbeiter, die mit ihrem Gehalt zufrieden sind, kommen jedes Jahr wieder zu ihm. Das bedeutet weniger Arbeitsaufwand und bessere Planbarkeit für den Betrieb.

    Das Ausland bleibt für viele Rumänen die einzige Chance

    Am Hof in Niedersachsen ist es spät geworden am Tag der Auszahlung. Ein frischer Wind weht durch die Nacht und auf einem Supermarktparkplatz in der Nähe des Hofes wartet Ancuta mit einer Gruppe Erntehelfer auf einen Minibus. Der wird sie nach Rumänien fahren. 200 Euro kostet sie die Fahrt.

    Ancuta freut sich auf ihre kleine Tochter, auch wenn es nicht leicht wird: Nach einem Monat Arbeit bringt sie nur 100 Euro mit nach Hause. Sie und die anderen rumänischen Erntehelfer haben kaum eine andere Wahl. Vermutlich werden sie bald wieder zum Arbeiten ins Ausland reisen und auf bessere Bedingungen hoffen.

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