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Ab sofort lebt die Menschheit auf Pump | BR24

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Kreditkarte hinter Globus

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Ab sofort lebt die Menschheit auf Pump

Ab heute haben wir alles aufgebraucht, was uns die Natur bis zum Ende des Jahres liefern kann. Jeden weiteren Tag des Jahres leben wir auf Pump. Und erhöhen täglich unsere Ökoschulden.

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Überziehen Sie jeden Monat Ihr Konto? Dann sind Sie vielleicht gar nicht geschockt von der Meldung: Mit dem heutigen Tag hat die Menschheit alles verbraucht, was die Natur ihr für dieses Jahr zur Verfügung stellen konnte. Schon morgen rutschen wir in den "Dispo". Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied: Wir Menschen zahlen nie zurück, was wir bei der Natur an Schulden machen.

Rechenspiel mit ernstem Hintergrund

Schon klar: Der "Earth Overshoot Day" oder "Ecological Debt Day", manchmal auch als "Welterschöpfungstag" oder "Erdüberlastungstag" bezeichnet, ist ein rein symbolischer Tag. Wenn Sie morgen in den Wald gehen, stehen da immer noch die Bäume. Und wenn Sie den Wasserhahn öffnen, fließt immer noch Wasser. Aber jeder Tropfen kostet ab jetzt Mutter Erde mehr, als sie sich leisten kann. Ein statistisches Rechenspiel mit bitterbösem Ergebnis, mit dem The Global Footprint Network seit einigen Jahren zeigen will, wie groß unser Raubbau an der Natur ist.

Wir verbrauchen mehr, als die Natur hat

Dazu wird die Biokapazität unseres Planeten - die Fähigkeit der Natur, Rohstoffe jeder Art zu produzieren oder wieder herzustellen - mit dem ökologischen Fußabdruck der Menschheit verrechnet: Seit Mitte der 80er-Jahre ist unser jährlicher Verbrauch an natürlichen Ressourcen größer als die Regeneration in der Natur.

Beispiel Aralsee: Dem früher riesigen See in Zentralasien wurde für Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft so viel Wasser abgezapft, dass er inzwischen weitgehend ausgetrocknet ist – und ganze Landstriche für immer versalzen und verödet sind. Eine "Bad Bank" in der Natur. Dabei bezieht sich der ökologische Fußabdruck nicht allein auf unseren Verbrauch von Wasser, Holz oder anderen Rohstoffen. Mit eingerechnet werden beispielsweise auch Müll und Abgase. Etwa, wie viel Waldfläche es weltweit benötigt, um das von uns in einem Jahr produzierte CO2 abzubauen. Und CO2 macht im ökologischen Fußabdruck den größten Schuldenposten aus.

Gerechnet wird in einer eigenen Einheit: dem globalen Hektar Gha. Er gibt die Fläche an, die nötig wäre, um den jeweiligen Verbrauch zu "finanzieren". Derzeit bräuchten wir pro Person 2,7 Gha, 18 Milliarden Gha weltweit. Zur Verfügung stehen uns aber nur zwei Drittel, nämlich zwölf Milliarden globale Hektar. Eingerechnet in dieses Flächenmaß ist die unterschiedliche Fruchtbarkeit der Böden. Denn ein Hektar Wüstensand entspricht nicht einem Hektar Amazonasdschungel.

Immer früher, immer teurer

1987 überzogen wir unser Ökokonto nur leicht: Damals war der Earth Overshoot Day "erst" am 19. Dezember. Seither rutscht er im Kalender immer weiter nach vorne. 2011 hatten wir schon am 27. September alles aufgebraucht. 2012 kam ein ganzer Schuldenmonat dazu: Der 22. August war der Tag der Erderschöpfung. 2013 schon der 20. August und vergangenes Jahr der 19. August. Heuer sind wir wieder sechs Tag früher dran. Das wir von 2010 auf 2011 scheinbar ein wenig sparen gelernt haben, ist leider auch nur Statistik:

"Der Grund dafür ist leider nicht, dass wir weniger verbrauchen. Höchstens ein bisschen, wegen der Wirtschaftskrise. Nein, der eigentliche Grund ist, dass wir unsere Berechnungsmethode verändert haben." Nicole Freeling, Pressesprechering von Global Footprint Network

Wann uns eine Erde nicht mehr reicht

Je früher der Tag erreicht ist, an dem die Erde von uns erschöpft ist, umso größer natürlich die Schuldenlast, die wir anhäufen: Im Jahr 2008 verbrauchte die Menschheit schon vierzig Prozent mehr als die Natur sich leisten konnte. Unsere heutige Bilanz bräuchte anderthalb Erden, um ausgeglichen zu bleiben. Wenn wir so weitermachen, müssen wir schleunigst andere bewohnbare Planeten finden:

"Weitermachen wie bisher würde heißen, dass wir im Jahre 2030 schon zwei Erden bräuchten und vielleicht 2050 dann drei Erden." Jürgen Knirsch, Experte für nachhaltigen Konsum bei Greenpeace

Schuldenland Deutschland

Und nicht, dass Sie denken, wir hier in Deutschland sind ja eh schon so ökologisch fortschrittlich. In Industrienationen ist der ökologische Fußabdruck noch deutlich höher als in ärmeren Ländern. Würden alle Länder so wirtschaften wie Deutschland, wären sogar 2,6 Planeten notwendig. Innerhalb der Industrienationen halten wir zwar noch einen "guten" Platz 30 hinter Katar, Kuweit, den Vereinten Arabischen Emiraten, den USA, Belgien oder Australien. Aber im globalen Vergleich ist Deutschland weit vorn im Schuldenmachen: Im Jahr 2010 waren wir hierzulande ökologisch gesehen schon am 31. Mai pleite, fast drei Monate früher als der globale Durchschnitt. Würde die ganze Welt unseren Ökokonsum übernehmen, könnte der nur von zweieinhalb Erden befriedigt werden.

© BR

Verbrauch der jährlichen Biokapazität der Erde von 1990 bis 2015