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Szene aus "A Perfect Day"

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    "A Perfect Day" von Regisseur de Aranoa

    In "A Perfect Day" überwinden Entwicklungshelfer die skurrilsten Hindernisse, um ein Dorf vor dem Verdursten zu retten. De Aranoa ist ein ungewöhnlicher Film über die Auswirkungen von Gewalt und religiösen Ideologien gelungen.

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    Zuerst einmal muss man sagen: Einen solchen Film hat es noch nicht gegeben – eine Geschichte von Entwicklungshelfern während des Jugoslawienkrieges Mitte der neunziger Jahre, befeuert von einem knalligen Soundtrack. Man hat, bevor man ins Kino geht, überhaupt keine Vorstellung davon, was hier erzählt und gezeigt werden könnte, weil es eben keine vergleichbaren Werke gibt.

    Und man fragt sich: Wie kommt der Spanier Fernando Léon de Aranoa zu diesem Stoff? Ein Regisseur, der 2002 mit seinem preisgekrönten Film "Montags in der Sonne" über die Krise der spanischen Schiffsindustrie international auf sich aufmerksam machte? Ein Filmemacher, der bisher alle seine Werke in seiner Heimat drehte, ohne Stars und ausländische Co-Produzenten?

    Vakuum zwischen Krieg und Frieden

    Der in Madrid geborene Aranoa lernte dort vor ein paar Jahren die Autorin und "Ärzte ohne Grenzen"-Mitarbeiterin Paula Farias kennen. Die hat einen kleinen kritischen Roman über ihre Erfahrungen während des 1995 gerade zu Ende gegangenen Balkankrieges geschrieben, über eine vom Leid gezeichnete und misstrauische Bevölkerung, über apokalyptische Landschaften, über einheimische Kriminelle, die mit der Not Geschäfte machen, und über bornierte Blauhelm-Soldaten, die den Mitgliedern der nicht-staatlichen Hilfsorganisationen mit seltsam bürokratischen Vorschriften die Arbeit erschweren. Der Roman heißt "Dejarse Llover" – und er wirft (wie jetzt auch der Film) einen ironisch zynischen Blick auf ein Land im Vakuum zwischen Krieg und einem gültigen Friedensabkommen.

    Nichts ist hier perfekt

    Der Titel "A Perfect Day" ist natürlich purer Spott. Nichts ist hier perfekt. Ein Team von drei Entwicklungshelfern und einem Dolmetscher soll einen der wenigen Brunnen in einer bergig einsamen Gegend säubern, um die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung zu sichern. In dem Brunnen schwimmt eine Leiche. Um den schwergewichtigen Körper aus dem Wasser zu ziehen, braucht es ein langes Seil. Womit eine abenteuerliche Odyssee beginnt. Denn im ehemaligen Kriegsgebiet versagt jegliche Logistik. Einen passenden Strick gibt es nicht. Die Helfer machen sich auf, irgendwo einen zu besorgen, immer wieder gebremst von verminten Kuhkadavern. Niemand weiß, wer die toten Tiere mitten auf die Straßen gelegt hat bzw. wie sie am besten zu umfahren sind. Und wer ein Seil hat, will es nicht hergeben, ob nun ein einsamer Militärposten oder ein bockiger Gemischtwarenhändler in einem unheilvoll militarisierten Dorf.

    Vogel-Perspektive auf ein Labyrinth

    Die Kamera erhebt sich in diesem Film immer wieder in die Luft und blickt auf die Irrfahrt der beiden weißen Jeeps durch die eigentlich so archaisch schöne Landschaft. Diese Sicht von oben hat kommentierenden Charakter: Es ist sozusagen die Vogel-Perspektive auf das Geschehen in einem Labyrinth, in dem Menschen versuchen, den Ausgang zu finden und sich dabei immer wieder verlaufen.

    Überzeugender und sehenswerter Film

    "A Perfect Day" überzeugt aber auch aufgrund seines Drehbuchs und der tollen Hauptdarsteller. Der puertoricanische Star Benicio del Toro spielt hier als beseelter Entwicklungshelfer eine für ihn eher ungewöhnliche Rolle. Der amerikanische Oscarpreisträger Tim Robbins darf endlich wieder einmal zeigen, was für ein grandioser Schauspieler er ist, und die hierzulande eher unbekannte Französin Mélanie Thierry beeindruckt als naive Berufsanfängerin Sophie, die noch voller Idealismus bei der Arbeit ist. Allenfalls die Rolle des ukrainischen Models Olga Kurylenko, die als NGO-Kontrolleurin mit Sexappeal die Handlung um eine überflüssige Seitensprung-Geschichte erweitert, erscheint verzichtbar. Doch das ändert nichts daran, dass Regisseur Fernando Léon de Aranoa ein stimmiger, ungewöhnlicher und sehenswerter Film über die Auswirkungen von Gewalt und den Irrsinn religiöser Ideologien gelungen ist. Ganz nebenbei stellt er aktuelle Fragen, was sichere Herkunftsländer sind und wie lange Menschen eigentlich an Kriegsfolgen leiden. 

    Von
    • Linore Pernsteiner
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