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Aufnahme vom deutschen Überraschungsangriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

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80 Jahre Barbarossa - ein beispielloser Vernichtungskrieg

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann unter dem Decknamen "Unternehmen Barbarossa" ein beispielloser Vernichtungskrieg, dessen Brutalität alle bis dahin gekannten Grenzen sprengte.

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Von
  • Henryk Jarczyk

Der Überfall auf die Sowjetunion begann mit einer Lüge. Stalin habe das Deutsche Reich bedroht, es galt folglich – so die Nazipropaganda – präventiv zu handeln. Die Wehrmacht sei somit "nur" einem russischen Angriff zuvorgekommen und "in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen", ließ Hitler in einer Filmreportage der UfA Wochenschau dementsprechend verbreiten. Darin verbreitete Hitler den Irrglauben, es gäbe eine Verschwörung zwischen London und Moskau gegen Deutschland.

"Ich habe mich entschlossen das Schicksal und das Leben des Deutschen Reiches wieder in die Hände unserer Soldaten zu legen." Proklamation von Adolf Hitler, verlesen von Joseph Göbbels in der UfA Wochenschau vom 22.06.1941

Führer-Weisung Nr. 21

Grundlage für den Überfall auf die Sowjetunion stellte die von Hitler verfügte Weisung Nr. 21 (Fall Barbarossa) vom 18. Dezember 1940. Ein streng geheim gehaltenes Dokument, in dem ein halbes Jahr vor dem Angriff Punkt für Punkt festgelegt wurde, auf welche Weise die Vorbereitungen der Oberkommandos zu treffen sind. Die Deutsche Wehrmacht - so das zentrale Argument in dem Papier - müsse darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.

"Die im westlichen Russland stehende Masse des russischen Heeres soll in kühnen Operationen unter weitem Vortreiben von Panzerkeilen vernichtet, der Abzug kampfkräftiger Teile in die Weite des russischen Raumes verhindert werden." (Auszug aus der Führer-Weisung Nr. 21)

Der unerklärte Vernichtungskrieg

Als am 22. Juni 1941 Soldaten aus Deutschland, Finnland, Italien, Rumänien, der Slowakei und Ungarn die Sowjetunion überfallen, ist die Moskauer Führung überrumpelt. Schnell bewegt sich die Front zunächst nach Osten und erreicht im Juli 1941 bereits das Gebiet von Smolensk.

Der gewaltige Feldzug war von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant. Hitler wollte möglichst schnell den gesamten europäischen Teil der Sowjetunion erobern. Die politische und militärische Führungsschicht sowie große Teile der Zivilbevölkerung sollten ermordet werden. Mit massenhaften Vertreibungen wollten die Nationalsozialisten die eroberten Gebiete für deutsche Siedler öffnen. Es begann ein bis dahin beispielloser Kampf um den vermeintlichen "Lebensraum im Osten".

Hitlers rassenideologischer Vernichtungskrieg

Die als spontan dargestellte angebliche Präventivaktion wurde lange zuvor unter dem Decknamen "Unternehmen Barbarossa" minutiös vorbereitet. Der auf totale Unterwerfung, wirtschaftliche Ausbeutung und insbesondere auf komplette Vernichtung ethnischer, religiöser sowie gesellschaftlicher Schichten abzielende Überfall auf die Sowjetunion war von Hitler als rassenideologischer Vernichtungskrieg geplant.

Was unter anderem aus seinen Anweisungen an den Chef des Wehrmachtsführungsstabes deutlich wird: "Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen. Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz, als bisheriger 'Unterdrücker' des Volkes, muss beseitigt werden." (Anweisung vom März 1941)

Logistische Großoffensive

Mit fast 3,3 Millionen Soldaten verteilt auf 160 Divisionen griffen Wehrmacht sowie SS-Truppen Russland und damit die gesamte Sowjetunion auf breiter Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer an. Und das, obwohl seit spätestens September 1939 nach dem gemeinsamen Überfall auf Polen Deutschland und die Sowjetunion offiziell Kriegsverbündete waren. Abgesehen davon existierte seit August 1939 ein Nichtangriffspakt zwischen Berlin und Moskau. Ein Dokument, das am 22 Juni 1941 ohne offizielle Kriegserklärung im Handumdrehen zu Makulatur wurde.

Dem "Polen-Feldzug" gleich, war Hitler überzeugt, auch Russland mit einem "Blitzkrieg" erobern zu können. Ein gewaltiger Irrtum, wie sich herausstellte. Der Deutsche Generalstabschef Franz Halder glaubte, dass der Feldzug innerhalb weniger Wochen gewonnen werde. Die Rote Armee galt einerseits als unerfahren, andererseits als politisch tief verwundet. Zumal Stalin in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bis 1940 im Rahmen ideologischer Säuberungen mehrere Hundert hochrangige Offiziere der Roten Armee umbringen ließ.

Der gescheiterte Blitzkrieg

Anfangs verlief die Operation für die Wehrmacht erwartungsgemäß relativ erfolgreich. Doch bereits nach kurzer Zeit wurden große Planungsdefizite sichtbar. Der ersehnte Blitz-Sieg erwies sich für die Wehrmacht schon nach wenigen Wochen als unerreichbar. Die von den Deutschen Militärstrategen völlig unterschätzten riesigen Entfernungen in der Sowjetunion stellten Hitlers-Truppen vor zunehmend größere Logistikprobleme. Hinzu kamen gravierende strategische Fehlentscheidungen, der Mehrfrontenkrieg und die enorme personelle Übermacht der Roten Armee.

Zwar konnte die Wehrmacht noch 1941 bis kurz vor Leningrad, Moskau und Sewastopol vordringen. Doch dann war Schluss. Spätestens die Schlacht um Moskau am 5./6. Dezember 1941, als eine sowjetische Großoffensive die erschöpften deutschen Verbände traf, zeigte der Wehrmacht die Grenzen auf. Kurz vor Weihnachten 1941 kommt der Vormarsch der deutschen Landser vor Moskau in Eis und Schnee endgültig zum Erliegen.

Zig Tausende kältetote Wehrmachtsoldaten

Die deutschen Verbände waren nicht ausreichend mit winterfester Kleidung ausgestattet worden. Schon bald starben mehr Soldaten an Erfrierungen als in Kampfeinsätzen. Während die Wehrmacht Ende 1941 mit über 200.000 Toten und 620.000 Verwundeten enorme und kaum auszugleichende Verluste erfahren hatte, begann die Sowjetunion ihre Gegenoffensive mit frisch herangeführten Truppen.

Die äußerst verlustreiche Schlacht von Stalingrad 1942/43 leitete dann Deutschlands vollständige Niederlage ein. Eine Entwicklung, die von der Nazi-Propaganda zu der Zeit zwar klein geredet wurde, an den militärischen Tatsachen indes aber nichts änderte. Nachdem im Juli 1943 die letzte deutsche Großoffensive, die Panzerschlacht um Kursk, gescheitert war, ging die Initiative endgültig auf die Rote Armee über. Der als "Unternehmen Barbarossa" begonnene rassenideologische Vernichtungsfeldzug war somit gescheitert.

27 Millionen sowjetische Todesopfer

Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, ließ beim Überfall auf die Sowjetunion, ähnlich wie im Polenfeldzug, spezielle "Einsatzgruppen" zusammenstellen, die besonders brutal handelten. Einheiten, die schätzungsweise allein über eine halbe Million Juden, Sinti und Roma sowie kommunistische Funktionäre ermordeten.

Das größte Massaker begingen sie Ende September 1941 in der Schlucht von Babyn Jar, als sie innerhalb weniger Tage fast 34.000 Juden aus Kiew ermordeten. An den Massenerschießungen sollen direkt und indirekt auch Wehrmachtsoldaten beteiligt gewesen sein. Nur vereinzelt regte sich in deren Reihen Widerstand gegen Hitlers Vernichtungsfeldzug und die damit verbundenen Kriegsverbrechen.

Die sowjetischen Verluste im von Stalin ausgerufenen "Großen Vaterländischen Krieg" werden auf 27 Millionen Todesopfer geschätzt, darunter 14 Millionen Zivilisten. Etwa elf Millionen Rotarmisten, also Angehörige der Roten Armee, ließen im Kampf ihr Leben. Ungefähr drei Millionen Kriegsgefangene starben in deutschen Lagern.

Von den insgesamt mehr als fünf Millionen deutschen Gefallenen starben etwa drei Millionen an der Ostfront. Hinzu kommen Kriegsgefangene und Opfer, die aufgrund der sowjetischen Besetzung, von Flucht, Vertreibung oder Verhaftung ums Leben kamen. Die Schätzungen gehen von rund zwei Millionen Menschen aus.

© BR / Thomas Morawetz
Bildrechte: picture-alliance/dpa

Der Zweite Weltkrieg beginnt am 1. September 1939 mit einem Überfall deutscher Truppen auf Polen. Doch Hitler hatte seine Vision, weite Gebiete Osteuropas zu "germanisieren", schon seit Jahren vorbereitet. (Lernmaterialien unter www.radiowissen.de)

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