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75 Jahre Vertreibung: Die Sorgen der Sudetendeutschen | BR24

© BR/Claudia Grimmer

Wegen Corona müssen die Sudetendeutschen 75 Jahre nach der Vertreibung auf ihr großes Pfingsttreffen verzichten. Längst verstehen sie sich als Versöhner. Auch junge Menschen versuchen, sudetendeutsche Kultur zu bewahren. Doch ihre Zahl geht zurück.

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75 Jahre Vertreibung: Die Sorgen der Sudetendeutschen

Wegen Corona müssen die Sudetendeutschen 75 Jahre nach der Vertreibung auf ihr großes Pfingsttreffen verzichten. Längst verstehen sie sich als Versöhner. Auch junge Menschen versuchen, sudetendeutsche Kultur zu bewahren. Doch ihre Zahl geht zurück.

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Es gab Phasen, da wollte Elisabeth Januschko die bunte Tracht der Böhmerwäldler partout nicht tragen. "Ich erinnere mich, dass ich früher als Kind eine Zeit hatte, in der ich sie gar nicht gern angezogen habe", sagt die 23-Jährige. "Da musste die Mama mich reinstecken." Heute hat die gebürtige Münchnerin, die in Regensburg studiert, damit kein Problem mehr. Im Gegenteil: Wenn sie mit der Sing- und Spielschar der Böhmerwäldler Ellwangen zum großen Folklorefestival Europeade fährt, trägt sie die Tracht mit Freude: "Das ist cool, da laufen 4.000 Leute fünf Tage in Tracht herum - aus ganz Europa."

Schon mit drei Jahren gingen Elisabeth und ihre Zwillingsschwester Stefanie alle zwei Wochen zu Sing- und Volkstanz-Treffen der Böhmerwaldjugend in München. Mittlerweile steht Elisabeth Januschko als Bundesjugendleiterin an der Spitze des Verbands, während Stefanie stellvertretende Vorsitzende der Dachorganisation Sudetendeutsche Jugend ist. 75 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei versuchen die Zwillinge aus Puchheim bei München, die Kultur ihrer Groß- und Urgroßeltern am Leben zu halten.

Über die Eltern dazugekommen

Das Engagement hat Tradition in der Familie Januschko. "Unsere Eltern haben sich in der Böhmerwaldjugend kennengelernt, und unsere Großeltern waren auch schon aktiv", schildert Elisabeth. Die Zwillinge kamen über ihre Familie zur Sudetendeutschen Jugend - wie die meisten ihrer Mitstreiter. "Gerade in unserem Alter sind die meisten dabei, weil ihre Eltern auch dabei sind", sagt Elisabeth. "Es gibt sehr, sehr wenige, die als Jugendliche oder als Kind dazugekommen sind, ohne sudetendeutsche Wurzeln zu haben." Stefanie stimmt zu: "Von außen neue Leute dazuzuholen, ist schwierig."

Und da naturgemäß im Laufe der Jahre immer wieder Mitglieder wegbleiben, schrumpft der sudetendeutsche Nachwuchs seit Jahren. Früher habe es beispielsweise bei der Böhmerwaldjugend noch Kindergruppen gegeben, zum Beispiel in München und Ellwangen, erläutert Elisabeth. "Die gibt’s nicht mehr." Laut Stefanie gibt es bei der Sudetendeutschen Jugend zwar immer mal wieder ein bisschen Nachwuchs, "aber es geht schon auch zurück".

Posselt: "Natürlich wird es weniger"

Bernd Posselt, Sprecher und damit oberster Repräsentant der sudetendeutschen Volksgruppe, versichert, ihm sei um die Zukunft der Sudetendeutschen Landsmannschaft trotzdem nicht bange. Bei der Jugend komme erstaunlich viel nach, "vor allem bei den Aktiven", versichert der CSU-Politiker.

Auch nach 75 Jahren kämen die Menschen zum Glück immer noch in Massen zum Sudetendeutschen Tag. "Natürlich wird das weniger. Man muss jetzt sich entschließen, bei der Sache mitzumachen." Die meisten der Vertriebenen seien in irgendeiner Form dabei gewesen, "weil sie einfach betroffen waren", sagt Posselt. "Bei den Jüngeren bedarf es natürlich eines Willensaktes zu sagen, ich will diese meine Wurzeln annehmen und will mich entsprechend engagieren. Aber die sind dann auch aktiv. Und das sind nicht mehr Hunderttausende, aber es sind noch Tausende."

Sorgen um die Gedächtniskultur

Die Januschko-Schwestern sind fest entschlossen, sich weiterhin zu engagieren. "Für mich ist es wichtig, dabei zu bleiben und vielleicht auch später mal Familie dahin mitzunehmen", sagt Elisabeth. Die Struktur der Vereine werde sich wohl verändern, "aber sie werden schon noch bestehen bleiben".

Verändern wird sich die Gemeinschaft der Sudetendeutschen schon dadurch, dass immer weniger Menschen aus der Erlebnisgeneration dabei sind. Darauf verweist auch Posselt. "Worum ich mir ein bisschen Sorgen mache, das ist die Gedächtniskultur, die natürlich im Sinne eines 'Nie wieder' und nicht im Sinne eines Offenhaltens von Wunden weiter gepflegt werden muss - auch über das irgendwann erfolgende Ausscheiden der Erlebnisgeneration hinaus." Irgendwann müsse die Gedächtniskultur von der jüngeren Generation übernommen werden.

Sudetendeutsche wollen "Motor der Verständigung" sein

Posselt bemüht sich seit Jahrzehnten nach Kräften, das einstige Image der Sudetendeutschen als Ewiggestrige zu korrigieren. "Diese alte Haltung, wir seien alles Revanchisten, mag es noch da und dort in der Gesellschaft geben. Aber ich glaube, sie ist weitgehend abgebaut." Der 63-Jährige will die Sudetendeutschen als Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen verstanden wissen, als "Motor der Völkerverständigung".

Unermüdlich setzt sich Posselt für Versöhnung ein. An diesem Wochenende sollte eigentlich der Sudetendeutsche Tag in Regensburg stattfinden - als deutsch-tschechisches Ereignis. Wegen Corona musste das traditionelle Pfingsttreffen aber abgesagt werden. "Persönlich empfinde ich eine große Leere", sagt der CSU-Politiker. "Es ist zum ersten Mal seit 46 Jahren, dass ich an Pfingsten keinen Sudetendeutschen Tag habe", schildert er. "So geht es natürlich Tausenden und Abertausenden Menschen." Insbesondere für die ältere Generation sei die Absage just in diesem Jahr hart, da sich der Beginn der Vertreibung zum 75. Mal jährt: 1945 kamen laut Posselt zunächst "die großen Massaker, Todesmärsche und die sogenannte wilde Vertreibung", die Masse der rund drei Millionen Sudetendeutschen sei dann 1946 vertrieben worden.

Die Beneš-Dekrete und das "Recht auf Heimat"

An zwei Forderungen, die bis heute für so manchen tschechischen Politiker ein rotes Tuch sind, hält der Vertriebenen-Funktionär aber fest. Er verlangt die Abschaffung der Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen waren. "Sie sind nach wie vor so viel Unrecht wie bisher", betont Posselt. Und er pocht auf ein "Recht auf die Heimat": Seiner Meinung nach sollte es "zur Grundlage der internationalen und europäischen Rechtsordnung gemacht werden, kombiniert mit einem Vertreibungsverbot".

Wie unpopulär trotz aller Fortschritte im deutsch-tschechischen Verhältnis diese Positionen im Nachbarland sind, zeigte vor wenigen Monaten eine Meinungsumfrage: Demnach findet mehr als jeder zweite Tscheche, dass die Beneš-Dekrete gültig bleiben sollten. Zudem halten 41 Prozent die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Krieg für gerecht.

Volkstanz, Musik und Trachten

Die Januschko-Schwestern können mit Schlagwörtern wie "Recht auf Heimat" wenig anfangen. Zwar besuchten sie schon die früheren Wohnorte ihrer Großeltern. Einen Heimatbezug zum Böhmerwald habe sie aber nicht, sagt Elisabeth. Für die Zwillinge stehen bei ihrem Engagement die Gemeinschaft, die europäische Verständigung und vor allem die Kultur im Vordergrund - Volkstanz, Musik, Trachten. Elisabeth spielt Gitarre und Mandoline, Stefanie Akkordeon und Klavier, immer wieder treten sie gemeinsam auf Veranstaltungen der Sudetendeutschen auf. Anfang des Jahres wurden sie mit einem der Kulturellen Förderpreise der Landsmannschaft ausgezeichnet.

Über das Leben ihrer Vorfahren in Krumau (Český Krumlov) und den umliegenden Dörfern wissen die jungen Frauen eher wenig. "Gerade mit den Großeltern haben wir uns nicht so viel darüber unterhalten", erzählt Elisabeth. Eine Ahnung von den Umständen der Vertreibung haben sie aber - zum Beispiel "dass man nur wenige Dinge mitnehmen durfte, in fremden Dörfern aufgenommen wurde und sich alles neu aufbauen musste", sagt Lehramtsstudentin Stefanie. "Und da finde ich dann interessant, wie man Parallelen zu der Flüchtlingslage heute ziehen kann."

© Petr Jerabek

Stefanie und Elisabeth Januschko versuchen, die Kultur ihrer Groß- und Urgroßeltern am Leben zu halten.

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