BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland | BR24

© dpa/pa/Bernd von Jutrczenka

Festakt 70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

10
Per Mail sharen

    70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

    Beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden hat sich Bundeskanzlerin Merkel deutlich gegen Angriffe auf jüdisches Leben in Deutschland positioniert. Zentralratspräsident Schuster fordert gemeinsame Anstrengungen für Zusammenleben.

    10
    Per Mail sharen

    Zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Organisation als verlässlichen Partner in Politik und Gesellschaft gewürdigt. Bei einem Festakt in Berlin nannte Zentralratspräsident Josef Schuster die Gründer "Pioniere", die Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen "Vertrauensvorschuss" gewährt hätten.

    Die Kanzlerin betonte, dass sich viele Überlebende der Schoah kein Leben in Deutschland hätten vorstellen können. Der Zentralrat sei zunächst als Provisorium gegründet worden, um Juden beim Auswandern zu helfen. Mit Blick auf die heutige Situation sagte Merkel: "Wir dürfen uns über ein blühendes jüdisches Leben freuen."

    Rassismus darf niemals verschwiegen werden

    Zugleich fühlten sich viele Juden in Deutschland nicht mehr sicher und nicht respektiert. "Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in diesen Zeiten äußern." Zwar habe es Rassismus und Antisemitismus immer gegeben, er trete aber seit einiger Zeit sichtbarer und enthemmter auf. Beleidigungen, Drohungen und Verschwörungstheorien richteten sich offen gegen jüdische Bürger. "Dazu dürfen wir niemals schweigen", mahnte die Kanzlerin.

    Vertrauensvorschuss hat Leben in Deutschland ermöglicht

    Zentralratspräsident Schuster sagte im Innenhof der Neuen Synagoge, die mit 3.200 Sitzplätzen einst die größte Synagoge Deutschlands war, dass die Gründer des Zentralrats das Samenkorn für jüdisches Leben in Deutschland gelegt hätten. Ihr "Vertrauensvorschuss" sei jedoch angesichts von teils tödlichen Anschlägen auf Juden und jüdische Einrichtungen "auch immer wieder tief erschüttert" worden. Zugleich betonte er: "Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter uns."

    Gefühl von Unbehagen und Unsicherheit

    Das gelte auch für die etablierten Parteien und besonders für Kanzlerin Merkel.Insgesamt könnten in der Gesellschaft jedoch Liebe und Respekt gegenüber Juden größer sein, sagte Schuster. In der jüdischen Gemeinschaft gebe es ein "Unbehagen", das etwa dazu führe, eine Kette mit dem Davidstern unter dem Pullover zu tragen. "Leise" stelle sich die Frage, wie sicher Juden in Deutschland leben könnten. Schuster erinnerte daran, dass es 2019 über 2.000 antisemitische Straftaten gegeben habe - ein trauriger Rekord.

    Schuster fordert gemeinsame Anstrengungen für "tolerantes Land"

    Auch er prangerte Verschwörungsmythen an, die sich auch gegen Juden richteten. "Das Gedankengut der Nazis ist noch immer nicht verschwunden." Dabei wollten alle Menschen in einem gerechten und toleranten Land leben. Daher müssten auch alle etwas dafür tun. An dem Festakt nahmen unter anderen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble teil sowie mehrere Minister, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zahlreiche Rabbiner sowie der Berliner Erzbischof Heiner Koch und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm.

    Schuster fordert mehr Zivilcourage

    In seinem Interview im B5-Thema des Tages hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Schuster, hat zu mehr Zivilcourage aufgerufen. Schuster sagte, wenn es am Stammtisch, oder im Freundeskreis fremdenfeindlich, antisemitische oder rassistische Äußerungen gebe, dann solle man sich einschalten und nachfragen, ob den Betreffenden bewusst sei, was sie gesagt hätten. Dazu brauche es nicht sehr viel Mut. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Zentralrats der Juden sagte Schuster, dass Juden in Deutschland privat sehr sicher lebten. Ihre Institutionen, wie etwa die jüdischen Gemeinden, seien aber auf die Sicherheitsmaßnahmen durch die Behörden angewiesen.

    Zunahme von antisemitischen Verschwörungstheorien

    Seit Ausbruch der Corona-Pandemie beobachtet Schuster auch eine Zunahme von antisemitischen Verschwörungstheorien. Diese erinnerten ihn an das Mittelalter, als man die Juden für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht habe, so Schuster.

    100.000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland

    Der Zentralrat der Juden in Deutschland wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Damals lebten noch rund 15.000 Juden in Deutschland. Zu den Überlebenden des Holocaust kamen Juden, die aus ihrem Exil zurückkehrten. Heute vertritt der Zentralrat 105 jüdische Gemeinden in Deutschland mit rund 100.000 Mitgliedern, die Verwaltung zog 1999 von Frankfurt am Main nach Berlin.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!