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Vier-Tage-Woche: Utopie oder realistisches Modell? | BR24

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In der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen auf Kurzarbeit umgestellt. Vergangene Woche forderte Linken-Chefin Katja Kipping, die Krise stattdessen dafür zu nutzen, flächendeckend eine Vier-Tage-Arbeitswoche einzuführen. Ist das realistisch?

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Vier-Tage-Woche: Utopie oder realistisches Modell?

In der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen auf Kurzarbeit umgestellt. Vergangene Woche forderte Linken-Chefin Katja Kipping, die Krise stattdessen dafür zu nutzen, flächendeckend eine Vier-Tage-Arbeitswoche einzuführen. Ist das realistisch?

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Eine schöne Vorstellung: An drei Tagen in der Woche ausschlafen und alle lästigen Erledigungen auf den Freitag verlegen, um das Wochenende wirklich frei zu haben. In Japan hat Microsoft die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich mit seinen 2.300 Mitarbeitern getestet. Dem Unternehmen zufolge stieg die Produktivität der Beschäftigten um 40 Prozent.

Linken-Chefin Katja Kipping schwebte bei ihrem Vorstoß eine 30-Stunden-Woche vor. Aber die Stundenzahl um ein Fünftel zu reduzieren wäre den meisten Unternehmen in Deutschland wohl zu radikal. Viele Start-ups bieten ihren Mitarbeitern beispielsweise eine 36-Stunden-Woche an, in der von Montag bis Donnerstag täglich neun bis zehn Stunden gearbeitet wird so wie in der Kanzlei Rose & Partner in München.

Mehr Zeit fürs Privatleben

Für Meltem Kolper-Deveci, Anwältin für Familien- und Erbrecht, hat die Arbeitswoche nur vier Tage. Das ganze Team, von den Fachanwälten bis zu den Assistenten, arbeitet von Montag bis Donnerstag – bei vollem Lohnausgleich. Sie sei motivierter, außerdem wirke sich die 4-Tage-Woche auf ihr privates Leben aus, so Kolper-Deveci. "Ich habe mehr Zeit für die Familie und dann am Freitag einfach auch den Kopf frei, um persönliche Dinge zu erledigen."

Laut einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz wünscht sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten mit Vollzeit-Job eine 35-Stunden-Woche. Und zwar auch bei entsprechend geringerem Verdienst. Die Fachanwältin Kolper-Devici kann sich nicht vorstellen, jemals wieder anders zu arbeiten. Es gehe ihr auch gesundheitlich besser.

Weniger gesundheitliche Probleme

Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz zeigt: Eine kürzere Arbeitswoche sorgt für weniger Rückenschmerzen, Herzinfarkte und Schlafstörungen, für einen niedrigeren Blutdruck – und letztlich auch für weniger Krankheitstage. Damit die Utopie von der Vier-Tage-Woche aber Realität werden konnte, hat die Wirtschaftskanzlei Rose & Partner auch neue Mitarbeiter eingestellt.

Das sei eine wichtige Voraussetzung gewesen, sagt Kanzleigründer Bernfried Rose: "Sicherlich ist es so, dass ein Teil der reduzierten Arbeitszeit durch gestiegene Effizienz oder weniger Krankentage aufgefangen wird, aber das wird niemals bei 100 Prozent liegen. Man ist also gut beraten, wenn man im Personalbereich auch noch ein wenig investiert." Rose ist überzeugt, dass letztlich auch die Kanzlei davon profitiert: Überschaubare Arbeitszeiten würden die Fehlerquote sinken lassen, auch auf dem Arbeitsmarkt sei man als Arbeitgeber attraktiver.

Problem: Arbeitsverdichtung durch zu wenig Personal

Allerdings: Damit in Notfällen jemand erreichbar ist, stellt sich abwechselnd einer aus dem Team am Freitag als Notdienst zur Verfügung. Bei Modellen zur verkürzten Arbeitszeit kommt es auf die richtige Umsetzung an. Anna Arlinghaus aus Wien forscht seit mehr als zehn Jahren zum Thema Arbeitszeitgestaltung und berät Unternehmen. Das Vier-Tage-Modell kann viele positive Effekte haben. Es funktioniere aber nicht gut, wenn es dabei zu einer Arbeitsverdichtung komme, weil etwa kein neues Personal eingestellt werde.

Besser: Fünf kürzere Tage?

Arlinghaus selbst hält eine Fünf-Tage-Woche mit jeweils nur sieben Arbeitsstunden pro Tag für eine bessere Variante als das Vier-Tage-Modell. Denn: "Lieber eine gleichmäßigere Verteilung von Erholung und Arbeit, von Belastung und Entlastung." Also keine zu langen Arbeitsblöcke am Stück.

Fast immer müsse die Arbeit im Unternehmen neu organisiert werden: Aufgaben priorisieren, weniger wichtiges weglassen. Das 35-Stunden-Modell lässt sich aber auch nicht in jeder Branche umsetzen. Im Pflege- oder Dienstleistungssektor sei es schwieriger, weil oft rund um die Uhr jemand anwesend sein müsse und ohnehin Personalmangel herrsche. Den Unternehmen, die die finanziellen Möglichkeiten haben, eine Vier-Tage-Woche einzuführen, möchte Bernfried Rose Mut machen. Und er sagt: "Ich glaube, dass es für uns als Volkswirtschaft oder auch als Gesellschaft ohnehin in Zukunft eine Herausforderung sein wird, Arbeit und Geld gerechter zu verteilen. Da ist sicherlich die Vier-Tage-Woche ein guter Weg."

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