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Bildrechte: dpa-Bildfunk/epa Tass

35 Jahre Tschernobyl: Wie die Ukraine an die Katastrophe erinnert

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35 Jahre Tschernobyl: Die Katastrophe wird zum Tourismus-Magnet

Tschernobyl gilt als die größte Atomkatastrophe der zivilen Nutzung der Kernkraft. Zum 35. Jahrestag gedenkt die Ukraine der Opfer der Atom-Explosion. Auch mit Veranstaltungen und Ausstellungen, die künftig Touristen in das Gebiet locken sollen.

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Von
  • Martha Wilczynski
  • Ines Schneider
  • B5 aktuell

Die Zone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl zeugt vom schlimmsten Atomunfall, den die Welt je erlebt hat. Wie ein unheilvolles Mahnmal wirkt heute die weite Leere um das einstige Nuklearkraftwerk. Am Tag nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl, am 27. April 1986, wurde nur die nahe gelegene Arbeiterortschaft Pripjat evakuiert. Die Öffentlichkeit wusste zunächst nichts von der Bedrohung. Auch die zwei Millionen Einwohner von Kiew wurden nicht informiert. Erst als in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, erfuhr die Welt vom Super-GAU in der Ukraine.

Mehr als 100.000 Menschen müssen ihr zuhause verlassen

Schließlich mussten mehr als 100.000 Menschen die Umgebung verlassen, ein 2.600 Quadratkilometer großes Sperrgebiet wurde eingerichtet. Innerhalb dieser Zone versuchten Arbeiter, verstrahlten Müll zu entsorgen. Über den Reaktor wurde ein Sarkophag gestülpt. Dennoch trat bis 2019 noch Radioaktivität aus, bis das gesamte Kraftwerk in einen riesigen Schutzmantel gehüllt wurde. Darunter begannen Roboter mit dem Zerlegen des Reaktors. Bei den Behörden wächst die Zuversicht, das Gebiet künftig wieder nutzen zu können.

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Das Riesenrad im Vergnügungspark der Geisterstadt Prypiat nahe Tschernobyl. Die Stadt wurde nach dem Reaktorunglück geräumt.

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Ukraine: Ein verlassenes Gebäude in Prypiat bei Tschernobyl.

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Ukraine, Tschernobyl: Eine Person hält einen Geigerzähler nähe des Roten Waldes in der Nordukraine.

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Tschernobyl: Ein spezieller Transportroboter, der eingesetzt wurde, um die hoch radioaktiven Elemente vom Dach des Reaktorgebäudes zu entfernen

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Tschernobyl: Fahrzeuge, die während der Katastrophe von Tschernobyl 1986 eingesetzt wurden, sind in der Sperrzone abgestellt.

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Verlassenes Dorf in Tschernobyl

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Die neue Umschließung versiegelt die auch als Sarkophag bekannte Struktur, die 1986 über den Trümmern des 4. Reaktors errichtet wurde

Tourismus soll Leben zurück bringen

35 Jahre nach der Explosion setzt die Ukraine auf eine Wiederbelebung des Sperrgebiets. "Dies ist ein Ort der Tragödie und der Erinnerung", sagt Bohdan Boruchowskji, der stellvertretende Umweltminister der Ukraine. "Aber es ist auch ein Ort, an dem man sehen kann, wie Menschen die Folgen einer globalen Katastrophe bewältigen." Für Vizeminister Boruchowskji zählt dazu auch der Tourismus. "Unser Tourismus ist einzigartig, es ist nicht ein klassisches Konzept des Tourismus", betont er. "Dies ist ein Gebiet des Nachdenkens und der Reflexion, ein Areal, auf dem man die Folgen menschlicher Fehler sehen kann, aber man kann auch menschliches Heldentum sehen, das diese korrigiert." Nach einer hochgelobten TV-Miniserie 2019 verdoppelte sich bereits die Besucherzahl in der Region Tschernobyl – und die Behörden setzen darauf, dass der Fremdenverkehr nach Corona weiter zunimmt.

Trotz Verbot: In der Sperrzone leben Menschen

Auch wenn die Strahlungswerte als niedrig genug gelten, um Tourismus und Arbeit auf dem Gelände zu ermöglichen, so ist das Wohnen dort nach wie nicht gestattet. Dennoch leben in der Zone, die 30 Kilometer um das Kraftwerk gezogen wurde, mehr als 100 Menschen – dem Verbot zum Trotz. Zu ihnen gehört der 85-jährige Jewgeni Markewitsch. "Es ist ein großes Glück, zuhause zu wohnen, aber es ist traurig, dass es nicht mehr ist wie früher", sagt der ehemalige Lehrer. In seinem Garten baut er Kartoffeln und Gurken an – die aber lässt er untersuchen, um sich zu schützen.

Pflanzen und Tiere siedeln sich an

Und zur Überraschung vieler, die über lange Zeit hinweg eine Todeszone um Tschernobyl erwartet hatten, wächst nicht nur Gemüse in den illegalen Gärten, auch der Tierbestand kündet von neuem Leben: Bären, Bisons, Wölfe, Luchse, Wildpferde und dutzende Vogelarten haben sich in der Region breit gemacht. Die Tiere hätten sich viel widerstandsfähiger gegen Radioaktivität erwiesen als angenommen, erklären Forscher. Das könnte noch ein Zusatzargument für Besucher sein.

Nach der Katastrophe Weltkulturerbe ?

Die Ukraine möchte die Zone um Tschernobyl jetzt als Unesco-Welterbe anerkennen lassen. Sie sei ein herausragender Ort für die gesamte Menschheit, betonen die Behörden. Tschernobyl dürfe aber kein "Spielplatz für Abenteurer" werden, mahnt Kulturminister Oleksandr Tkatschenko. Wer immer auch die Zone besuche, solle sie mit dem Bewusstsein ihrer historischen Bedeutung und Erinnerung verlassen. Im eigenen Land erinnert die Ukraine in den nächsten Monaten mit Fotoausstellungen, Berichten von Augenzeugen und virtuellen Führungen durch den havarierten Reaktorblock vier an die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Wegen der Corona-Lage gelten Zugangsbeschränkungen und besondere Auflagen. Trotzdem soll dieser 35 Jahrestag ein besonderer werden. Tschernobyl soll zu einem Symbol dafür werden, dass das Leben immer gewinnt.

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