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30 Jahre nach dem Mauerfall: Gemeinsam Europa stützen! | BR24

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BR-Chefredakteur Christian Nitsche

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    30 Jahre nach dem Mauerfall: Gemeinsam Europa stützen!

    Mit dem Mauerfall begann in Europa eine verheißungsvolle Ära, die nun bedroht scheint - etwa durch das Brexit-Chaos oder Streit um Flüchtlingspolitik. Europa muss wieder als Gemeinschaft handeln. Ein Kommentar von BR-Chefredakteur Christian Nitsche.

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    Deutschland wurde vor 30 Jahren zum weltweiten Symbol des friedlichen Freiheitskampfes. Das Niederringen der Mauer ließ ein neues Europa entstehen. Es war eine euphorische, frühlingshafte Zeit. Der erdrückende Nebel des existenzbedrohenden Ost-West-Konfliktes verflüchtigte sich. Europa konnte selbstbewusst ein neues Kapitel seiner Geschichte aufschlagen, obgleich die Sorge vor einem erstarkenden Deutschland in den folgenden Monaten auch das politische Klima belastete.

    Die europäische Integration wurde von manchen Staaten als Vehikel verstanden, deutsche Interessen einzuhegen. Dennoch erwuchs aus der Revolution vom 9. November 1989 ein europäisches Haus, das den Nationen zunächst Halt gab. Es sollte eine Architektur geschaffen werden, die den langen Frieden seit dem Zweiten Weltkrieg weiterhin gewährleistet.

    Demokratische Werte werden unterminiert

    Wie kontrastierend ist demgegenüber Europa heute: Polen und Ungarn isolieren sich, unterminieren demokratische Werte. Das Brexit-Chaos blockiert jeden visionären Impuls. Die Frage der Flüchtlingsverteilung hat ohnehin offen gelegt, wie wenig Gemeinsinn herrscht. Am besten werden alle Flüchtlinge nach Deutschland durchgeschleust, das scheint weiterhin das Motiv verschiedener Länder. Deutschland wird als nützlicher, stabilisierender und zahlender Partner verstanden. Aber deshalb dürfen die Idee Europa oder ihre Ausformung als EU nicht an den Pranger gestellt werden.

    Hoffnungsschimmer Europawahl

    "Wir sind das Volk" - mit dieser tautologischen Formel sprengten die Menschen in Ostdeutschland die Diktatur. Von einem "Wir sind Europa" sind wir deutlich weiter entfernt als vor 30 Jahren. Verzagt sein, wäre dennoch ein Irrweg. Europas Frieden und die Freiheit seiner Völker mussten immer unter größten Mühen gesichert werden. In Wellenbewegungen wurde viel erreicht. Die jetzige Phase ist kritisch. Aber immerhin blieb bei der Europawahl aus, dass sich die Feinde der Demokratie - so wie befürchtet - ausbreiten konnten.

    Aus dem Wahlergebnis sprach auch der Instinkt einer Mehrheit, dass die Zukunft in Frieden nur zusammen erreicht werden kann. Ein Abdriften in Nationalstaaten, die sich entdemokratisieren und gegeneinander positionieren, ist als Gefahr erkannt. Nun gilt es zu handeln: Die Idee "Europa" muss von den Menschen jeden Tag neu erdacht und gelebt werden. Offenheit, Gemeinsinn und Freiheitsliebe wie 1989 können als Werte auch langfristig inneren und äußeren Frieden stiften. Dem Hass im Internet, aber auch auf der Straße, gilt es sich zu widersetzen. Das Volk hat vor 30 Jahren ein diktatorisches System gestürzt. Das Volk kann gemeinsam auch das friedenserhaltende System Europa stützen. Handeln wir als Gemeinschaft, so wie es die Generation um das Jahr 1989 vorgemacht hat!