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30 Jahre nach Attentat auf Bank-Chef Herrhausen - offene Fragen | BR24

© picture-alliance/KURT STRUMPF

Polizisten am 30. November 1989 am Schauplatz des Attentats.

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    30 Jahre nach Attentat auf Bank-Chef Herrhausen - offene Fragen

    1989 wurde der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen durch einen Bombenanschlag ermordet. Zwar bekannte sich die RAF zu dem Attentat, die Täter wurden allerdings nie gefasst. Die Ermittler stehen noch immer vor vielen ungeklärten Fragen.

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    Nur drei Wochen nach dem Mauerfall und dem kollektiven Freudentaumel erschüttert am 30. November 1989 ein Attentat die Bundesrepublik. Am frühen Morgen steigt Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen in eine gepanzerte Limousine, um von seinem Haus in Bad Homburg nach Frankfurt am Main gefahren zu werden. Wenige Minuten später löst der Wagen eine Sprengfalle aus. Eine Bombe, die auf einem Fahrrad am Straßenrand deponiert war, explodiert. Sie ist äußerst präzise auf die hintere Seitentür des Wagens ausgerichtet, auf den Platz, wo Alfred Herrhausen sitzt. Das Fahrzeug wird durch die Druckwelle in die Luft katapultiert und steht dann quer zur Fahrtrichtung. Der damals 59-jährige Herrhausen verblutet noch im Wagen. Sein Fahrer überlebt schwer verletzt.

    RAF bekennt sich zu Attentat

    Kurze Zeit später bekennt sich die Rote-Armee-Fraktion zu dem Attentat auf Alfred Herrhausen. "Durch die Geschichte der Bank zieht sich die Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung, und in dieser Kontinuität regierte Herrhausen an der Spitze dieses Machtzentrums der deutschen Wirtschaft; er war der mächtigste Wirtschaftsführer in Europa." So rechtfertigt die RAF ihre Tat im Bekennerschreiben. Die Linksterroristen hatten zuvor bereits andere Politiker, Amtsträger und Wirtschaftsmanager ermordet, darunter den Chef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, Generalbundesanwalt Siegfried Buback Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer.

    Ermittlungen bis heute ohne Erfolg

    Nach dem Anschlag stehen die Ermittler vor vielen Rätseln. Unter anderem soll die komplizierte Sprengvorrichtung nicht zum früheren Vorgehen der RAF passen. So präzise könnten nur Attentäter mit umfangreicher militärischer Ausbildung vorgehen, heißt es. Manche behaupten, dass die Stasi ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte. Trotz hunderter Hinweise aus der Bevölkerung gibt es aber keine Fahndungserfolge. Anfang 1992 scheint es dann einen konkreten Verdacht zu geben. Ein früherer V-Mann des Verfassungsschutzes belastet sich und andere RAF-Mitglieder. Allerdings ist er psychisch krank und seine Aussagen werden deshalb nicht weiter verfolgt. Weil es keine anderen heißen Spuren gibt, wächst bei vielen der Unmut - auch bei Schriftstellerin Tanja Langer. Sie war mit Alfred Herrhausen befreundet und hat für ihr Buch "Der Tag ist hell, ich schreibe dir" vor einigen Jahren versucht, das Geschehen zu rekonstruieren.

    "Das war eine komplizierte Recherche. Die Ungereimtheit war für mich, wie einfach und schnell man gesagt hat, das war die RAF und jetzt geht’s nur noch darum rauszufinden, wer von der RAF. Während ich das Gefühl hatte, man muss das Netz nochmal auflockern und fragen, wem hat das genützt? Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich weitere Ungereimtheiten gefunden habe. Aber ich konnte zumindest sagen, wo bestimmte Spuren hinlaufen. Ich dachte immer, dass dem dann nachgegangen wird. Aber man steht da immer noch vor einem ungelösten Fall." Tanja Langer, Schriftstellerin.

    Bis heute ist das Verfahren offen, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe erklärt. Die Ermittlungen laufen weiter gegen Unbekannt.

    Herrhausen als ungewöhnlicher Bankchef

    Auch wenn Alfred Herrhausen in den Augen mancher Linksextremisten ein Vertreter des rücksichtslosen Kapitalismus war, wer genauer hinsieht, entdeckt ein anderes Bild. Zwar ist Herrhausen ehrgeizig und formt die Deutsche Bank zu einem der führenden Geldhäuser der Welt um, gleichzeitig sieht er seinen Einfluss auch als Verpflichtung. So fordert er beispielsweise einen Schuldenerlass für Entwicklungsländer. Eine Idee, die in der Branche für Fassungslosigkeit sorgt. Ungewöhnlich ist auch die Freundschaft zwischen dem Bankchef Alfred Herrhausen und Tanja Langer, die damals eine linke Studentin ist. Sie pflegen eine intensive Brieffreundschaft. Noch heute beschreibt Tanja Langer Alfred Herrhausen als außergewöhnliche Persönlichkeit.

    "Was ich weiß ist, dass er immer über den Tellerrand geschaut hat und sich auch für den Alltag von Menschen interessiert hat, die nicht in seiner Sphäre unterwegs waren. Das ist ja das Problem, dass wir heute haben, in der Politik und in anderen Entscheidungsebenen: Dass die Menschen dort kaum noch etwas vom Alltag der Menschen wissen, die dann die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen." Tanja Langer, Schriftstellerin.