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"Kontingentflüchtling"

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    30 Jahre jüdische Zuwanderung nach Deutschland

    Lena Gorelik, Wladimir Kaminer und Marina Weisband gehören dazu. Sie sind orthodox, liberal oder gar nicht religiös: 1991 trat eine Regelung in Kraft, die es jüdischen "Kontingentflüchtlingen" aus der Ex-UdSSR erlaubte, nach Deutschland zu kommen.

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    Von
    • Hermann Scholz

    Ursprünglich hatte die erste demokratische Regierung der DDR 1990 beschlossen, jüdische Auswanderer ins Land zu lassen. Das nach dem Mauerfall wiedervereinigte Deutschland hat das übernommen. "Kontingentflüchtlinge" heißt der zweifelhafte bürokratische Begriff. In den 30 Jahren seit 1991 sind etwa 230.00 Menschen gekommen. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer ist einer, der Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky, die Publizistin Marina Weisband.

    Und die Münchner Schriftstellerin Lena Gorelik. 1992 kam sie mit zwölf Jahren aus Petersburg nach Nürnberg, ihren geliebten Hund musste sie in Russland zurücklassen. Ihre Mutter bestand darauf, dass sie in Deutschland nicht in eine Klasse mit Flüchtlingskindern kam, sondern in eine normale deutsche Schule – auch wenn es anfangs hart war, Lena Gorelik sagt, so habe sie schnell Deutsch gelernt. Für ihre Eltern war es schwer, sagt sie – deren akademische Abschlüsse wurden in Deutschland nicht anerkannt.

    "Ich glaube, dass die jüngere Generation, die so wie ich als Kinder hierher gekommen sind oder hier geboren wurden, dass die ihren Weg sehr schnell gemacht haben und vielleicht im Vergleich zu anderen Migrantengruppen ein Stück schneller. Während sozusagen die Generation meiner Eltern, dadurch, dass die Diplome nicht anerkannt wurden, alle eher zurückgestuft worden sind. Also mein Vater, der Ingenieur war, hat dann einfach am Fließband in der Fabrik gearbeitet." Lena Gorelik

    Neuentdeckt: Jüdische Identität

    Eugen und Irina Alter aus München sind in den 1990er-Jahren nach München gekommen, er aus Kiew, Irina aus Petersburg. Beide haben hier studiert, er ist Informatiker, sie Kunsthistorikerin. Irina war vorher, 1992, schon mal als Austauschschülerin in Göppingen und begeistert vom herzlichen Empfang damals, von den alten Städten – und von den ersten Kiwis ihres Lebens. Als sie später dann nach Deutschland auswanderte, bedeutete das für sie Freiheit, Reisen – und die Entdeckung ihrer eigenen Identität als Jüdin.

    "Ganz lange Zeit spielte Religion für mich überhaupt keine Rolle. Das hat sich geändert mit der Geburt unseres Sohnes. Da fragt man sich natürlich auch, was man vermitteln will, was macht mich aus oder uns, unsere Traditionen, unsere Familie." Irina Alter

    Wiederbelebte Gemeinden

    Eugen Alter ist im Vorstand der jüdischen Gemeinde München und Elternbeirat im jüdischen Gymnasium. Er sagt: Ohne die neuen Gemeindemitglieder aus der Sowjetunion wäre das gesellschaftliche Leben in den Gemeinden viel ärmer.

    "Die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion haben tatsächlich neues Leben in die jüdischen Gemeinden gebracht. Zum Teil sind neue Gemeinden entstanden, zum Teil sind Gemeinden, die kurz vor der Schließung standen, wieder mit Leben gefüllt worden. Dadurch kann man sagen, dass der Beitrag der jüdischen Zuwanderer in den jüdischen Gemeinden in München sehr groß ist." Eugen Alter

    Tatsächlich gab es Ende der 80er-Jahre in Deutschland gerade noch etwa 30.000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden, viele davon schon betagt. Heute sind es wieder rund 95.000 – in manchen Jahren sind mehr Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland ausgewandert als nach Israel oder in die USA.

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