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30 Jahre jüdische Kontingentflüchtlinge

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30 Jahre jüdische Kontingentflüchtlinge

Vor 30 Jahren beschloss die deutsche Ministerpräsidentenkonferenz, jüdische Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland einreisen zu lassen. 220.000 sogenannte "Kontingentflüchtlinge" kamen zwischen 1991 und 2004 nach Deutschland.

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Von
  • Julia Smilga
  • BR24 Redaktion

Am 9. Januar 1991 legte die Ministerpräsidentenkonferenz des wiedervereinigten Deutschland die Grundlagen der jüdischen Einwanderung aus der Sowjetunion fest. Juden aus der Sowjetunion durften fortan als "Kontingentflüchtlinge" einreisen.

Allerdings begann die präzedenzlose Geschichte der jüdischen Einwanderung nach Deutschland neun Monate früher, als die erste demokratische Regierung der DDR bereits im April 1990 den sowjetischen Juden einen ständigen Aufenthalt in der DDR gewährte - als Geste der Wiedergutmachung.

Auswanderungsgrund Antisemitismus in der Sowjetunion

Die Münchner Schriftstellerin Lena Gorelik stammt aus Sankt Petersburg. Zunächst war ihr Vater dagegen, nach Deutschland auszuwandern, da sein Vater im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen war. Dann entschied sich die Familie doch zur Emigration. Da war Lena zehn Jahre alt. Den Anlass dazu gab ein antisemitischer Vorfall, den ihr Vater erlebte.

In der U-Bahn wischte ein Mann seine Stiefel an seiner Hose ab und machte eine judenfeindliche Bemerkung. Das schlimmste sei wohl gewesen, dass niemand der Mitfahrenden dagegen protestiert, sondern nur betreten weggesehen habe.

Wirtschaftliche Gründe und Lebensbedrohung

Der wachsende Antisemitismus in der Sowjetunion sei nur einer der Gründe für die Auswanderung von Juden nach Deutschland gewesen, sagt Historiker Dimitri Belkin. Denn in der Sowjetunion hätten damals Not und Mangel geherrscht, die Wirtschaft sei kollabiert, Lebensmittel seien rationiert worden. Und dann zerfiel am 31.12.1991 die Sowjetunion. Aufgrund der angewachsenen Kriminalität hätten zusätzlich zu den Krisen viele Menschen Angst um ihr Leben gehabt, erinnert sich Belkin.

Probleme bei der Integration in die jüdischen Gemeinden

Auch Dimitri Belkin war 1993 aus dem ukrainischen Dnipro in die schwäbische Provinz übergesiedelt. Konflikte in den hiesigen jüdischen Gemeinden seien zu Anfang programmiert gewesen, sagt er. Denn nur wenige jüdische Migranten seien religiös gewesen, da Judentum in der Sowjetunion als Nationalität gegolten habe.

Die alteingesessenen Juden hätten sich dagegen erhofft, dass die Neuankömmlinge das jüdische Leben in den Gemeinden stärken würden. Doch der Historiker erinnert sich, dass viele der jüdischen Einwanderer damals nicht verstanden, warum sie für die Ausübung der Religion eine Gemeinde brauchten.

Judentum für viele Kontingentflüchtlinge neu

Lena Gorelik wanderte zusammen mit ihren Eltern 1992 nach Deutschland aus. Zunächst landete sie in einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart in einer Flüchtlingsunterkunft. Ohne Deutschkenntnisse ging sie in die vierte Klasse der Grundschule. Und sie musste noch lernen, jüdisch zu sein. Die teilweise dreistündigen Gottesdienste am Schabbat fand sie "todlangweilig", schon allein, weil sie kein Wort hebräisch verstand.

Die Familie Gorelik gehörte zu den ersten von insgesamt 220.000 jüdischen Kontingentflüchtlingen, die bis 2004 nach Deutschland kamen. Diese Einwanderung hat das jüdische Leben in Deutschland eindeutig wiederbelebt, auch wenn nur die Hälfte der Zugewanderten Mitglieder der jüdischen Gemeinden wurden.

Lena Gorelik fühlt sich in der jüdischen Tradition mittlerweile zu Hause. So feiert sie mit ihrer Familie Pessach, Chanukka und Rosch Haschana, und vor den großen Festen googelt sie, was auf den Sederteller kommt und versucht, ihren Kindern den Hintergrund der Feiern nahezubringen.

Sorge um wachsenden Antisemitismus

Der wachsende Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft beunruhigt sowohl Lena Gorelik als auch Dimitri Belkin. Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland sei dem Land auch großes Vertrauen entgegengebracht worden, mahnt der Historiker. Das sei ein Zeichen für ein neues Deutschland gewesen. Mittlerweile zeigten die Angriffe auf Juden und andere Gruppen jedoch, dass die Situation viel fragiler geworden sei. Da müsse die Gesellschaft wachsam sein.

Kontingentflüchtlinge haben Judentum in Deutschland erneuert

Nichtsdestotrotz bewertet Dimitri Belkin die jüdische Zuwanderung letztendlich als gelungen. Mehr noch: Dank dieser Zuwanderung aus der Ex-Sowjetunion sei in Deutschland ein neues deutsches Judentum entstanden. Belkin nennt es "Deutsches Judentum 2.0". Ihm ist es wichtig, sich mit Deutschland als "deutscher Jude" zu identifizieren, was verständlicherweise seit Jahrzehnten nur den Wenigsten über die Lippen gekommen sei.

Die Reportage ist am morgigen Sonntag ab 13.05 Uhr im Programm des interkulturellen Magazins auf B5 zu hören.

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