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3 Monate nach Brand von Lesbos: "Die EU muss eine Lösung finden" | BR24

© dpa-Bildfunk/Giorgos Moutafis

Geflüchtete im November 2020 im provisorischen Camp auf Lesbos, das nach dem Brand aufgebaut wurde

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    3 Monate nach Brand von Lesbos: "Die EU muss eine Lösung finden"

    Auf dem kommenden EU-Gipfel in Brüssel soll unter anderem über einen Migrationspakt für Europa entschieden werden. Unterdessen wird die Situation der Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos immer prekärer.

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    Von
    • Thomas Bormann

    Kaum Duschen, kein warmes Wasser, keinerlei Heizung - die 7.300 Bewohner des Flüchtlingslagers "Karatepe" auf der griechischen Insel Lesbos haben Angst vor dem Winter. Sie wissen nicht, wie sie Regen und Kälte in dem provisorischen Zeltlager überstehen sollen. Bis vor drei Monaten hatten sie alle noch im überfüllten Lager Moria gelebt. Das aber wurde vor drei Monaten durch Brandstiftung zerstört. Ein neues Lager mit Wohn-Containern ist geplant, wird aber frühestens im Herbst kommenden Jahres fertig. Die 7.300 Flüchtlinge von Karatepe fühlen sich von Europa vergessen.

    Keine Heizung, Wasser in den Zelten

    "Wir frieren jede Nacht", klagt Francisco, ein junger Afrikaner, der seit einem Vierteljahr in einem der tausend Zelte der Lagers Karatepe lebt:

    "Es ist sehr kalt, und es gibt keine Heizung, weder für die Kinder, noch für uns." Francisco, afrikanischer Geflüchteter im Zeltlager Karatepe

    Die griechische Regierung hatte schon vor Wochen angekündigt, die Zelte winterfest zu machen und mit Heizgeräten auszustatten. Der Winter steht nun auch auf der Insel Lesbos vor der Tür – nachts sinkt die Temperatur auf 5 Grad, aber die Heizgeräte sind noch nicht da.

    "Und wenn’s regnet, fließt Wasser ins Zelt", sagt Francisco.

    "Wir haben keine Betten. Es gibt keine Duschen, wir waschen uns mit Wasser aus dem Meer. Wenn wir auf Toilette müssen, gehen wir ins Gebüsch. Es ist traurig." Francisco, Geflüchteter im Zeltlager Karatepe

    In vielen Zelten ist es ab Sonnenuntergang, also ab 17 Uhr stockdunkel. Denn nicht überall im Camp gibt es Strom. Franciscos Urteil über das Zeltlager Karatepe: 

    "Moria war die Hölle für uns, aber das hier, das ist schlimmer als die Hölle." Francisco, Geflüchteter im Zeltlager Karatepe

    Der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis will solche Kritik nicht hören:

    "Wir haben bereits Projekte gestartet, um im Lager das Stromnetz auszubauen, ebenso die Wasserleitungen und die Kanalisation." Notis Mitarakis, griechischer Migrationsminister

    Von Tag zu Tag werde es besser, so der Minister.

    36 Duschen für 7300 Menschen

    Die Lagerbewohner aber klagen: Der Alltag wird zur Hölle, wenn man friert, wenn man sich nicht waschen kann, und wenn man – wie jetzt – wegen der Corona-Ausgangssperre das Lager nicht einmal mehr für einen Spaziergang verlassen darf. Einzig das Telefon bleibt die Verbindung zur Außenwelt. Omid aus Afghanistan schildert, wie derzeit Container mit 36 Duschen aufgestellt werden – endlich – nach drei Monaten. Aber, so sagt Omid:

    "36 Duschen; das reicht natürlich nicht für 7.300 Menschen." Omid, Geflüchteter aus Afghanistan im Zeltlager Karatepe

    Kinder ohne Zukunft

    Etwa ein Drittel der 7.300 Lagerbewohner sind Kinder. Für sie gibt es keinen Spielplatz, keinen Kindergarten, keine Schule. Sie wachsen in kalten Zelten auf. Nachts hören sie, wie der Wind an den Zeltplanen rüttelt. "Das Lager macht krank", sagt Greg Kavarnós von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Er weiß, wovon er spricht. Die Wartezimmer von "Ärzte ohne Grenzen" auf Lesbos sind voll. Und Greg Kavarnós stellt sich oft vor, wie es ihm erginge, wenn er im Lager leben müsste:

    "Ich bin gesund. Aber wenn Du mich in ein Lager stecken würdest - in ein Zelt ohne Heizung, ohne Zugang zu ordentlichem Essen, ohne eine Möglichkeit mich richtig zu waschen, dann werde ich krank, egal wie gesund ich vorher war." Greg Kavarnós, Mitarbeiter der Hilfsorganisation 'Ärzte ohne Grenzen'

    Francisco, der junge Afrikaner, harrt schon gut ein Jahr in Moria und in Karatepe aus und wartet auf seinen Asylbescheid. Er fühlt sich einfach nur hilflos und verzweifelt. 

    "Die Europäische Union muss eine Lösung für uns finden", sagt er und fügt hinzu: "Wir sind doch auch Menschen, und wir müssen hier unter so schrecklichen Bedingungen leben."

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