BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

20 Jahre nach der Entschädigung von Zwangsarbeitern | BR24

© picture-alliance/dpa

Jüdische Zwangsarbeiter beim Straßenbau in Polen während der deutschen Besatzung

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

20 Jahre nach der Entschädigung von Zwangsarbeitern

Jahrzehntelang mussten viele vom NS-Regime verschleppte Frauen, Männer und Kinder auf eine Entschädigung warten. Insbesondere die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen. Erst vor 20 Jahren folgte die späte Wiedergutmachung.

1
Per Mail sharen

Lange Zeit wurden Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden, nach dem Krieg aber wieder im Ausland lebten, gar nicht entschädigt. Erst vor 20 Jahren änderte sich das. Das 1953 in Kraft getretene Bundesentschädigungsgesetz schloss im Ausland lebende sowie nicht rassistisch oder politisch Verfolgte weitgehend von seinen Leistungen aus. Im Londoner Schuldenabkommen wurde lediglich vereinbart, dass die Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern rechtlich als "Reparationsanspruch" zu definieren sei. Damit wurden weitere diesbezügliche Verhandlungen bis zu einem endgültigen Friedensvertrag ausgesetzt. Vereinzelte Klagen von Überlebenden blieben dementsprechend erfolglos.

Millionenfach umgeschriebene Lebensläufe

Der millionenfache Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus ganz Europa war vielen in Deutschland lange nicht bewusst. Erst die Diskussion über den Umfang und die Höhe einer Entschädigung der Opfer rückte das bis Ende des 20. Jahrhunderts vernachlässigte Thema wieder in den Vordergrund einer politischen Debatte. Eine Auseinandersetzung, die vielen Deutschen deutlich machte, welche Schicksale sich hinter dem unspektakulären Begriff "Zwangsarbeit" verbergen. Plötzlich wurden Ausstellungen gestaltet, Artikel geschrieben. Vermehrt kamen auch hochbetagte Zeitzeugen noch zu Wort. Ihre Berichte waren zum Teil erschütternd. Zwangsarbeit bedeute für die Betroffenen millionenfach gewaltsam umgeschriebene Lebensläufe.

Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"

Nach der Wiedervereinigung änderte sich die Lage. Nicht zuletzt auf internationalen Druck hin einigten sich die Fraktionen des Bundestages 1998 darauf, eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeit unter finanzieller Beteiligung der deutschen Wirtschaft einrichten zu lassen. Damit sollten die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für das erlittene Leid wenigsten teilweise entschädigt werden. Allein in Polen waren davon knapp eine halbe Million Menschen betroffen.

Im Jahr 2000 wurde dann schließlich eine Einigung auf Entschädigungszahlungen erzielt. Staat und Wirtschaft in Deutschland stellten dafür rund 10 Milliarden D-Mark zur Verfügung. Nach Feststellung der "Rechtssicherheit" durch den Bundestag am 30. Mai 2001 konnte endlich mit den Auszahlungen begonnen werden. Im Vordergrund stand das Ziel, sie möglichst unbürokratisch durchzuführen. Auf diese Weise sollten langwierige Gerichtsverfahren vermieden werden. Zumal viele der Begünstigten zu diesem Zeitpunkt bereits ein sehr hohes Alter erreicht hatten.

Zwangsarbeit als Mordinstrument

Die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen sind zum Teil sehr unterschiedlich. Bereits die Frage, ob Menschen zur Zwangsarbeit in deutschen Rüstungsbetrieben verschleppt wurden oder irgendwo in der Landwirtschaft helfen mussten, hatte unmittelbare Folgen für das Überleben der zur Sklavenarbeit gezwungenen. Eben weil Zwangsarbeit dem NS-Regime nicht nur dazu diente, Lücken in der Produktion zu füllen. Zwangsarbeit war für die Nazis auch ein Unterdrückungs- und nicht zuletzt Mordinstrument. Woran unter anderem der Schriftzug über dem Haupttor des ehemaligen Konzentrationslagers in Auschwitz auf äußerst zynische Art erinnert: "Arbeit macht frei".

44.000 Zwangsarbeiterlager im gesamten "Dritten Reich"

In Berlin, wo in der Spitze fast eine halbe Million sogenannte "zivile Zwangsarbeiter", aber auch Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Juden im streng separierten "geschlossenen Arbeitseinsatz" zur Arbeit gezwungen wurden, gab es praktisch kein Viertel, keinen Straßenzug ohne irgendwo eingesperrte ausländische Zwangsarbeiter. Allein hier gab es schätzungsweise 3.000 Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen - neu errichtete Barackenlager, aber auch umfunktionierte Gebäude wie Schulen, Kinos, Ausflugslokale. Für das gesamte "Dritte Reich" geht man von 44.000 Lagern aus.

Wie präsent diese Lager im Alltagsleben waren, zeigt etwa eine Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, zum Beispiel anhand eines privaten Videofilms: Wohl ein Ehemann filmt seine Frau in der Stadt. Plötzlich läuft scheinbar zufällig ein Trupp Zwangsarbeiterinnen im Hintergrund vorbei, das Abzeichen "OST" weist sie als "Ostarbeiterinnen" aus, wie die aus der Sowjetunion verschleppten Zivilisten genannt wurden.

Jeder zehnte Pole in Zwangsarbeit

Die Nationalsozialisten hatten bereits vor dem Krieg Juden, Sinti und Roma oder die als asozial verunglimpften Menschen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Mit Kriegsbeginn wurde daraus letztendlich eine Massenerscheinung. Vor allem in Polen und später in der Sowjetunion ließen die Nationalsozialisten millionenfach Menschen verschleppen. So wurde in Polen bis Kriegsende jeder zehnte Bewohner des besetzten Landes zur Zwangsarbeit in Deutschland gezwungen. Aus der Sowjetunion wurden ganze Dorfgemeinschaften deportiert.

Um Kontakte mit der deutschen Bevölkerung zu vermeiden, wurden die Zwangsarbeiter aus dem Osten zumeist interniert. Ähnlich dem Judenstern mussten auch sie ein entsprechendes Abzeichen "P" oder "Ost" auf dem Hemd tragen. Hatten westeuropäische Zwangsarbeiter oft Bewegungsfreiheit und etwas Lohn, blieb Polen und Ostarbeitern meist nichts oder wenig übrig. Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen Deutscher mit Osteuropäern waren streng verboten. Gleichwohl ganz verhindern ließen sie sich nicht.

Lässt sich Zwangsarbeit überhaupt entschädigen?

Viele Zwangsarbeiter kamen vor allem in der Rüstungsindustrie und zuliefernden Betrieben zum Einsatz, aber auch bei kleineren Firmen, in der Landwirtschaft oder in Privathaushalten. Schätzungsweise jeder dritte Arbeitsplatz in der deutschen Wirtschaft war von einem Zwangsarbeiter besetzt. Insgesamt waren es etwa 13 Millionen Menschen – Zwangsarbeiter in den besetzten Gebieten nicht mitgezählt.

KZ-Häftlinge, die entweder in SS-eigenen Betrieben eingesetzt oder an die Privatwirtschaft gruppenweise vermietet wurden, erhielten 2001 die höchste der gestaffelten Entschädigungssummen: 15.000 DM pauschal. Etliche der Betroffenen nahmen das Geld mit einem unguten Gefühl und fragten sich, ob Annehmen nicht auch Verzeihen bedeute. Zumal einige bis heute fest davon überzeugt sind, dass keine Entschädigung, das wiedergutmachen kann, was die Zwangsarbeiter an Leid erfahren haben.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!