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Der Löwe, das Wappentier der Tschechoslowakei, vor dem slowakischen Nationalmuseum in Bratislawa.
© pa/dpa/Barbara Boensch
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Der Löwe, das Wappentier der Tschechoslowakei, vor dem slowakischen Nationalmuseum in Bratislawa.

Viele Tschechen und Slowaken schauen auf das kurzlebige Erfolgsmodell "Tschechoslowakei" heute mit etwas wehmütiger Verklärung zurück. Einen nostalgischen Blick auf die schicke und kultivierte Prager Welt der 1920er Jahre liefert zur Zeit das tschechische Fernsehen jeden Freitag Abend mit der Familienserie "Erste Republik". An ihre Gründung vor 100 Jahren wird in diesen Tagen in Tschechien und der Slowakei erinnert.

"Unser Staat wurde errichtet, weil unser Staatsrecht von den Alliierten anerkannt wurde und weil sich die Nation zuhause und im Ausland unseren Gegnern in Einigkeit entgegengestellt hat." Tomas Garrigue Masaryk, Staatsgründer

Das sagte Tomas Garrigue Masaryk, Gründungspräsident am 28. Oktober 1928 zum zehnjährigen Bestehen der Tschechoslowakei. Der 1850 geborene Gelehrte, Philosoph, Soziologe, Humanist und gläubige Katholik war ein Produkt der Krise der Moderne des 19. Jahrhunderts, sagt der Historiker Ota Konrad.

"Er hat viel darüber geschrieben. Seine Habilitationsschrift behandelte die Problematik des Selbstmordes, als eines der negativen Phänomene der modernen Massengesellschaft." Ota Konrad, Historiker

Loslösung vom Habsburger Reich

Bis 1914 ist Masaryk Abgeordneter im österreichischen Reichsrat. Mit Beginn des Ersten Weltkrieg geht er ins Exil und betreibt von da an die Loslösung Böhmens und Mährens vom Habsburger Kaiserreich.

"Der Grund waren seine Gespräche mit verschiedenen Politikern, Kollegen und Bekannten, und er ist zu dem Schluss gekommen, dass es im Falle des Sieges der Zentralmächte zu einer starken Germanisierung der böhmischen Länder kommt." Ota Konrad, Historiker

Masaryk, bei Kriegsbeginn immerhin schon 64, reist kreuz und quer durch Europa und wirbt für einen unabhängigen Staat der Tschechen. Der Mann aus dem 19. Jahrhundert hat ein auch nach heutigen Maßstäben sehr modernes Verständnis von Lobby-Arbeit.

"Ich hatte meine Grundsätze über Propaganda und glaube, dass sie richtig waren: Die Deutschen nicht beschimpfen, den Feind nicht unterschätzen, nichts entstellen und vergrößern; nichts ins Leere versprechen und nicht als Bittsteller auftreten; die Tatsachen sprechen lassen und an ihnen beweisen: Das ist euer Interesse und daher auch eure Pflicht." Tomas Garrigue Masaryk

Österreich stimmt der Gründung zu

Masaryk gelingt es, gleichgerichtete Interessen zu bündeln: Die von Frankreich und England an einem zuverlässigen Verbündeten in Mitteleuropa nach dem Zerfall des Habsburgerreichs. Die von Tschechen und Slowaken, die sich dem Assimilierungsdruck der Ungarn entziehen wollen.

"Die ungarischen Regierungen taten alles nur Mögliche, damit die Slowaken kein Volk wurden, sondern nur eine ethnische Gruppe blieben." Dusan Kovac, Slowakische Akademie der Wissenschaften

Tomas Masaryk, Edvard Benes und der slowakische General Milan Stefanik sind die Schlüsselfiguren, die die Gründung einer Exilarmee und eines gemeinsamen Staats vorantreiben. Am 18. Oktober 1918 kann Masaryk in Washington die Gründung der Tschechoslowakei proklamieren, anerkannt von Frankreich, Großbritannien und den USA.

Zehn Tage später akzeptiert Österreich die Bedingungen von US-Präsident Wilson für einen Waffenstillstand. Eine davon: Die Abtrennung von Böhmen, Mähren, der Slowakei und einem Teil von Schlesien – das Gebiet der Tschechoslowakei. Der 28. Oktober gilt deshalb als Gründungstag und ist bis heute Nationalfeiertag.

"Wir sind und wir bleiben den alliierten Nationen dankbar für ihre Hilfe und Freundschaft, die sich auch nach dem Krieg bewiesen haben." Tomas Garrigue Masaryk

Unzufriedene deutsche Minderheit

Die Tschechoslowakei wird überraschend schnell zu einer stabilen und prosperierenden Demokratie. Ein Problem bleibt allerdings ungelöst: Der Status und die Stellung der deutschen Minderheit. Nur ein Teil bringt sich in dem neuen Staat ein. Der andere schaut nach Deutschland und Österreich.

"Es gab eine ganz klare, banale Vorstellung: Okay, dieser Staat ist der Staat der Tschechoslowaken und wir werden den Minderheiten viele Rechte einräumen. Aber es gab keine klare Politik, was weiter, wenn die Minderheiten damit nicht zufrieden sind und wenn die etwas anderes wollten." Ota Konrad, Historiker

Eine Hypothek, die der Tschechoslowakei 1938 zum Verhängnis wird, als sich das Deutsche Reich mit dem Münchner Abkommen Randgebiete der Tschechoslowakei einverleibt.

Entleertes Bild vom Staatengründer

Tomas Garrigue Masaryk hat das nicht mehr erlebt. Er ist 1937 hochbetagt gestorben. Heute gilt er als einer der wichtigsten Tschechen: Vaterfigur, Leitbild, Denkmal, Symbol - allerdings inhaltlich weitgehend entleert:

"Wenn Sie die Äußerungen der tschechischen Politiker zu Masaryk verfolgen, dann sehen sie, dass fast alle sich mit Masaryk identifizieren können: vom Premierminister bis zum heutigen Präsident bis zum Vorsitzenden dieser rechtsextremen Partei."Ota Konrad, Historiker

So entfalten denn Masaryk und die Erste Republik in dieser gespaltenen tschechischen Gesellschaft heute eine einigende Wirkung, die wenigstens bis zum Ende der Gedenkfeiern am Sonntag anhalten dürfte.