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Deportationen in Ursberg Gedenken an NS-Opfer mit Behinderung

"Wer Unkraut verhindert, fördert das Wertvolle" - Mit solch zynischen Parolen hat das NS-Regime vor rund 80 Jahren über Leben und Tod behinderter Menschen geurteilt. Auch im schwäbischen Ursberg. Rund 400 Menschen fielen dort dem Rassenwahn zum Opfer.

Von: Christian Stücken, Alexander Loos

Stand: 23.01.2018

Die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit lastet schwer auf dem Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg. Die Einrichtung gehört zu den ältesten Heimen für Menschen mit Behinderung in Bayern. Dort fanden sie zur NS-Zeit zunächst Fürsorge und Schutz. Bis 1939 - als 1.000 Meldebögen die Einrichtung erreichen. Die betreuenden Schwestern der Josefskongregation Ursberg wissen, was das zu bedeuten hat: Ihre Schutzbefohlenen sollen deportiert und umgebracht werden, weil sie von den Nazis als nicht lebenswert eingestuft werden.

"Sehr, sehr großer Schmerz"

Keine der Schwestern aus der Zeit lebt mehr. Belegt ist, dass sich die damalige Oberin und die Ärztin der Einrichtung geweigert haben, die Meldebögen auszufüllen. Trotzdem kommen 1940 die ersten Busse, um die Bewohner des Heims abzuholen. Schwester M. Katharina Wildenauer ist heute Generaloberin der St. Josefskongregation Ursberg und arbeitet im Dominikus-Ringeisen-Werk.

"Ich glaube, es war ein sehr, sehr großer Schmerz für die Schwestern, die es erlebt haben."

Schwester M. Katharina Wildenauer, Generaloberin der St. Josefskongregation Ursberg

Schicksale der NS-Opfer im Archiv dokumentiert

Friedrich Seyfried | Bild: Dominikus-Ringeisen-Werk

NS-Opfer Friedrich Seyfried wurde 1941 aus Ursberg deportiert und im österreichischen Schloss Hartheim vergast.

Unvorstellbar aber das Leid, das die Heimbewohner ertragen mussten. Ihre Schicksale sind im Archiv der Einrichtung dokumentiert. Das von Friedrich Seyfried etwa, der seit 1935 die Taubstummenschule in Ursberg besuchte. Er war wegen einer Ohrenentzündung gehörlos geworden. 1941 wird er deportiert und im österreichischen Schloss Hartheim vergast.

Tod der NS-Opfer durch Verhungern

Oder Cäcilia Stumbeck, sie und andere Opfer werden auf besonders perfide Weise umgebracht. Die geistig behinderte Frau wird von Ursberg nach Kaufbeuren verlegt. Dort bekommt sie nur fett- und eiweißlose Kost. Das füllt den Bauch, lässt sie aber langfristig verhungern. "Sie hat das drei Jahre lang durchgestanden", entnimmt Schwester Katharina den Archiv-Dokumenten, "Am 18. Mai 1944 ist sie dann gestorben".

Wichtiges Gedenken an Schicksal der NS-Opfer mit Behinderung

Das Gedenken an die Opfer von damals ist Wolfgang Tyrychter, Vorstand des Dominikus-Ringeisen-Werks, sehr wichtig:

"Es ist uns in der Arbeit, im Alltag immer wieder Erinnerung daran, dass es keine Sicherheit gibt bezüglich der Definition des lebenswerten Lebens. Und dass wir uns beteiligen müssen an einer Diskussion darüber, das immer wieder in Erinnerung zu rufen."

Wolfgang Tyrychter, Vorstand des Dominikus-Ringeisen-Werks in Ursberg

Auch der Bayerische Landtag möchte diese Erinnerung aufrecht erhalten. Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar besuchen nun Landtagsabgeordnete die Einrichtung in Ursberg.


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