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Der schwierige Weg zur Olympia-Gedenkstätte | BR24

© picture-alliance/dpa

Gedenstätte Olympia-Attentat

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    Der schwierige Weg zur Olympia-Gedenkstätte

    Jetzt also doch: Zum 45. Jahrestag des palästinensischen Anschlags vom 5. September 1972 wird im Münchner Olympiapark feierlich eine Gedenkstätte eingeweiht. Der Weg zur Gedenkstätte war lang - und auch pannenreich. Von Michael Kubitza

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    Am 6. September wird die neue Gedenkstätte im Olympiapark eröffnet. Neben den Hinterbliebenen der Opfer werden bei der Zeremonie auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, der für drei Tage auf Staatsbesuch in Deutschland ist, sowie der IOC-Präsident Thomas Bach teilnehmen.

    Olympia 1972: Bunte Spiele ...

    Diesmal, 1972 in München, sollte alles anders werden als damals, 1936 in Berlin. Die zweiten Olympischen Spiele auf deutschem Boden sollten die Erinnerung an die ersten verblassen lassen. Ungefähr so, wie die neuen olympischen Sportstätten vergessen machen sollten, wo sie errichtet wurden: auf dem Oberwiesenfeld, einer einst öden Schotterebene, die lange als Truppenübungsgelände diente, dann als Militärflughafen, nach 1945 als Schuttplatz für die Trümmer des Bombenkriegs.

    Die Vision: Friedliche, heitere Weltspiele statt der martialischen Propagandashow des NS-Staates. Das Design dazu: Schwebende Zeltdächer des Architekten Frei Otto inmitten sanft geschwungener Hügel statt NS-Kolossalbauten aus Granit und (nebenbei: bayerischem) Sedimentgestein.

    ... und ein schwarzer Tag für die Bundesrepublik

    Am 5. September 1972 überfällt das arabische Terrorkommando "Schwarzer September" das Olympiadorf. Die Offenheit wird zum Verhängnis: Statt bewaffneter Wachen stehen nur hilflose Helfer in Hellblau an den Eingängen, echte Absperrungen gibt es nicht. Ungehindert dringen acht Terroristen ins Quartier der israelischen Mannschaft ein. Die Geiselnehmer erschießen zwei der Sportler, fordern die Freilassung in Israel inhaftierter Palästinenser. Was danach passiert, geht als "erschütterndes Dokument deutscher Unfähigkeit" (Bundeskanzler Willy Brandt) in die Geschichte ein.

    Zwei Befreiungsaktionen scheitern. Ein bis heute umstrittenes Hilfsangebot der israelischen Regierung lehnen die deutschen Behörden ab. Nach Ablauf mehrerer Ultimaten werden Terroristen und Geiseln zum Flughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Einen dritten improvisierten Befreiungversuch bricht die aus Freiwilligen zusammengestellte Einsatzgruppe ab. Es kommt zum Blutbad. Die Aufaddierung von Mängeln in der Vorbereitung, der Ignoranz gegenüber Warnhinweisen und Szenarien, konfuser Kommunikation und der fatalen Warnung der Terroristen durch unkoordinierte Fernsehbilder, dazu maximal unglückliche Umstände führen zum Worst Case: Neun weitere Israelis, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist sterben.

    "The games must go on!"

    Die Welt trauert, München weint am 6. September. Am 7.September entscheidet Avery Brundage, dass die Spiele fortgesetzt werden. Brundage ist IOC-Präsident, ein 84-jähriger Amerikaner, der 1935 als Sportfunktionär einen US-Boykott der Berliner Spiele verhindert hatte und danach von einer Diskriminierung jüdischer Athleten nichts bemerkt haben wollte.

    Alles macht weiter: Die Spiele. Der Alltag. Der Terror. Das Nachspiel der Tragödie wirft weitere, bis heute unbeantwortete Fragen auf. Am 29. Oktober wird eine Lufthansa-Maschine nach Zagreb entführt, um die überlebenden Terroristen freizupressen. Bis heute sind Vorwürfe nicht widerlegt, die Bundesregierung hätte die Entführung eingefädelt, mindestens geduldet, was der Polizeioffizier Ulrich Wegener im Dokumentarfilm "Ein Tag im September" (1999) bestätigt. Zwei der drei Attentäter werde später vom israelischen Geheimdienst ausgeschaltet. Die ganze Wahrheit über die Kommunikation zwischen deutschen und israelischen Verantwortlichen, zwischen BND, Mossad und den Sicherheitsbehörden steht weiter aus. Immerhin: Die Bundesregierung gründet als Reaktion auf das Desaster das Spezialeinsatzkommando GSG 9.

    "Es war, wie es war": Erinnerungen und Verdrängungen

    Die große Erzählung der Olympischen Spiele bleibt ein dissonanter Chor. Vielen, die live oder am Fernseher dabei waren, steht vor allem die Erinnerung an "heitere Spiele" unterm Fernsehturm vor Augen - Sommertage mit Mark Spitz und Heide Rosendahl, Willy Brandt und Dackel Waldi. Die Polizei-Strategen - allen voran Bayerns Innenminister Bruno Merk und Polizeichef Manfred Schreiber - bleiben im Amt und einsilbig: "Die Polizei war auf nahkampfmäßige Einsätze nicht eingerichtet", sagte Merk viel später im BR-nachtClub. "Es war, wie es war", befand Schreiber. Die Zeugen des Terrors aber, die beteiligten Polizisten und die Vermittler, die überlebenden israelischen Olympioniken und die Angehörigen der Getöteten müssen mit ihrer ganz anderen Sicht der Dinge, ihrem Trauma weiterleben.

    Rekordverdächtige Langsamkeit

    Spitzer kann und will nicht vergessen, was geschehen ist. Doch sie kämpft als Sprecherin der Hinterbliebenen gegen das Vergessen und Verdrängen, mit der Langsamkeit der Behörden. Erst 30 Jahre nach dem Massaker, erzählt Spitzer, bekamen 25 nahe Angehörige der ermordeten Sportler eine Entschädigung in Höhe von drei Millionen Euro.

    "Eine Million zahlte Bayern, eine Million die Stadt München und eine Million die Bundesrepublik Deutschland. Wir mussten von dem Geld die Gerichtskosten zahlen."Ankie Spitzer

    Ein weiteres Jahrzehnt vergeht, bis 2012 die Bundesakten zu den Vorgängen auf Weisung der Bundeskanzlerin freigegeben werden.

    Gedenktafel, Mahnmal und Dokumentationszentrum

    Auch das Gedenken kommt spät in die Gänge. Lange erinnert nur eine schlichte steinerne Tafel der Israelitischen Kultusgemeinde vorm Haus Connollystraße 31 an die ermordeten Sportler. An den Jahrestagen des Attentats finden hier Gedenkfeiern für die Hinterbliebenen statt.

    Seit 1995 steht am Verbindungsweg vom Olympiastadion zum Olympiadorf ein Granitbalken des Bildhauers Fritz Koenig mit den Namen der Toten. Eine weit bekanntere Skulptur des Landshuters, "The Sphere", stand seit den 1970er-Jahren am Word Trade Center und blieb nach dem arabischen Terroranschlag des 9. September beinahe unbeschädigt.

    Nach einer Ausstellung zu den Olympischen Spielen im Bayerischen Statsarchiv 2010 wächst die Überzeugung, dass die Geschehnisse in einer richtigen Gedenkstätte nachvollziehbar gemacht werden sollen. Verschoben wird das Projekt weiterhin - jetzt im Raum. 

    Von Hügel zu Hügel

    Erste Planungen aus dem Jahr 2014 sehen als Standort den früheren Pressebereich auf dem Connollyhügel vor - ein Landschaftsdenkmal, das im Winter als Schlittenhügel genutzt wird. Nach ersten Anwohnerprotesten wird der "Studentenhügel" am Bungalowdorf verplant; der Gegenwind nimmt zu. Die Besucher der Gedenkstätte, sagen deren Kritiker, könnten den Studenten direkt in die Schlafzimmer schauen. Ein Workshop im April 2015 endet im Eklat. 

    "Geheimplan Gedenkstätte"

    Nach Antisemitismusvorwürfen gegen die Anwohner werfen diese dem verantwortlichen Kultusminister Ludwig Spaenle schlechtes Planungsmanagement vor. Wieder werden Unterschriften gesammelt. Der Münchner Merkur schreibt im Sommer über den "Geheimplan Gedenkstätte", weder das Architekturbüro noch noch das Kultusministerium wollten sich zum Fortgang des Projekts äußern. Am Ende gibt es mit dem Lindenhain doch noch einen weitgehend akzeptierten Standort - und einen durchaus beeindruckenden Enwurf, der trotz Verzögerungen auf der Baustelle pünktlich zum 45. Jahrestag des Terrorakts fertig wird. Das Konzept der Architekten Brückner & Brückner (Tirschenreuth, Würzburg) sieht vor, die Gedenkstätte im Inneren des Hügels anzulegen. Eine multimediale Dokumentation soll die Lebensgeschichte der zwölf Toten zeigen, auf einer elf Meter breiten Medienwand werden Filme der Ereignisse gezeigt. Der zweieinhalb Meter hohe Spalt, durch den man ins Innere gelangt, gibt der Gedächtnistätte den symbolträchtigen Titel: "Einschnitt". 

    Trauern auf eigene Kosten

    Die Kette zweifelhafter (Nicht-)Entscheidungen allerdings, die 1972 ihren Anfang genommen hat, reißt auch jetzt noch nicht ab. Shaul Ladany, einer der wenigen Überlebenden der israelischen Delegation, der zuvor schon das KZ Bergen-Belsen überstanden hatte, wird erst auf Nachhaken beim Kultusministerium über den Festakt informiert: Er könne teilnehmen, Kosten für Flug und Unterkunft müsse er aber selbst tragen. Nach einem entsprechenden Bericht des BR kündigte ein Sprecher Spaenles an, eine Übernahme der Flugkosten in Erwägung zu ziehen.