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Ein Jahr in Haft Bundesregierung bemüht sich um Freilassung von Deniz Yücel

Seit genau einem Jahr sitzt der deutsche Journalist Denis Yücel in einem türkischen Gefängnis. Eine Anklage gegen ihn gibt es nicht. Die Bundesregierung scheint ihm nicht helfen zu können. Der Fall Denis Yücel ist zum Symbol für den Zustand der deutsch-türkischen Beziehungen geworden.

Von: Janina Lückoff

Stand: 14.02.2018

Demonstrant mit dem Schriftzug Free Deniz bei einer ähnlichen Demonstration in Hamburg | Bild: picture-alliance/dpa

Steffen Seibert braucht lang, bis ihm eine Antwort einfällt. Mehrere Sekunden vergehen, sein Blick schweift durch den Raum der Bundespressekonferenz, er atmet tief ein. Dann, nach einer Ewigkeit für einen Regierungssprecher, sagt er: "Ich habe für die Bundesregierung keine Motivsuche anzustellen."

Die Frage war: Worauf führt es die Bundesregierung zurück, dass Deniz Yücel nun ein Jahr in türkischer Haft sitzt – ohne dass bislang Anklage erhoben wurde? Steffen Seibert hat also keine Antwort.

Hilflose Bundesregierung

Die Bundesregierung wirkt hilflos in dieser Angelegenheit. "Wir haben uns vom ersten Tag an bemüht, Deniz Yücel freizubekommen", sagt Steffen Seibert noch. Und die Bundesregierung habe sich auch bemüht, ihn, so gut es ging, konsularisch zu betreuen. Das sei nicht ganz einfach, fügt Seibert hinzu, da der Journalist neben der deutschen auch die türkische Staatsangehörigkeit habe. Steffen Seibert will nun, scheinbar um die Sprachlosigkeit auszugleichen, ganz deutlich machen:

"Wir haben uns mit allen unseren Mittel, politisch wie diplomatisch, beständig regelmäßig und hartnäckig dafür eingesetzt und wir werden das auch weiterhin tun. Und jetzt warten wir die Entwicklung ab."

Regierungssprecher Steffen Seibert

Mesale Tolu kritisiert Bundesregierung

Abwarten. Aus Sicht von Mesale Tolu hat die Bundesregierung das schon viel zu lange getan. Auch Mesale Tolu ist Journalistin und deutsche Staatsbürgerin, auch sie war in der Türkei in Haft, zeitweise zusammen mit ihrem kleinen Sohn. Sie kritisierte die Bundesregierung im Morgenmagazin von ARD und ZDF:

"Die Bundesregierung muss einfach klare Worte benennen. Sie muss sich klar ausdrücken. Ich denke, diese bilateralen Gespräche, diese milden Töne, bringen einfach nichts. Das sehen wir ja. Wenn es was gebracht hätte, dann wäre jetzt nicht ein Jahr vergangen."

Mesale Tolu, Journalistin

Regierungssprecher Seibert antwortet Mesale Tolu so:

"In der Sache hat die deutsche Bundesregierung, die Kanzlerin, der Außenminister, immer klar gesprochen. Öffentlich wie auch hinter verschlossenen Türen in den vielen Gesprächen, die es gab. Die türkische Seite kennt unsere klare Haltung."

Regierungssprecher Steffen Seibert

Bundesregierung: "Vorwürfe gegen Yücel sind abwegig"

In der Tat haben die Bundesregierung und der Bundespräsident die "klare Haltung" immer wieder zum Ausdruck gebracht: Als "bitter und enttäuschend" bezeichnete Bundeskanzlerin Merkel die Entscheidung eines türkischen Gerichts, Deniz Yücel wegen Terrorverdachts in Untersuchungshaft zu nehmen. Die Vorwürfe seien abwegig, hieß es später aus Berlin.

Außenminister Gabriel kündigte eine härtere Gangart in der deutschen Türkei-Politik an. Nachdem auch der Menschenrechtler Peter Steudtner inhaftiert wurde, sprach Gabriel davon, der türkische Präsident Erdogan halte die Deutschen als "Geiseln". Bundespräsident Steinmeier nennt die Inhaftierung Yücels ohne Anklage einen "Skandal".

Gabriel bemüht sich um Annäherung

Mittlerweile sind die Töne wieder sanfter geworden: Gabriel bemühte sich, gemeinsam mit seinem türkischen Kollegen Cavusoglu, das deutsch-türkische Verhältnis wieder zu verbessern – auch durch gegenseitige Besuche in den Heimatstädten Antalya und Goslar. Heute teilte Gabriel mit, er habe in den letzten Tagen und Wochen "intensive Gespräche" mit Cavusoglu geführt und darum gebeten, dass das Verfahren von Deniz Yücel beschleunigt werde. Er sei "relativ optimistisch", dass es bald eine Gerichtsentscheidung geben werde, so Gabriel.

Das klingt fast wortgleich wie das, was der türkische Ministerpräsident Yildirim den ARD-Tagesthemen sagte: Er hoffe, dass Deniz Yücel rasch freikomme, sagte Yildirim und fügte laut Übersetzung wörtlich hinzu: "

"Ich bin der Meinung, dass es in kurzer Zeit eine Entwicklung geben wird."

Binali Yildirim, Ministerpräsident Türkei

Entscheidung schon morgen?

Morgen wird Yildirim zu einem Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel in Berlin erwartet. Regierungssprecher Seibert wollte den Inhalten des Gesprächs nicht vorgreifen. Aber natürlich werde es auch um Denis Yücel gehen, sagte er. Der "Fall Yücel" habe, wie auch die Lage der anderen fünf deutschen Staatsbürger, "die aus uns nicht nachvollziehbaren Gründen in der Türkei inhaftiert sind", für die Bundesregierung nach wie vor einen hohen Stellenwert.


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Walter, Donnerstag, 15.Februar, 03:38 Uhr

7. Mesale Tolu kritisiert Bundesregierung

Für mich ist das staatspolitischer Terror und das Risiko besteht wie seinerzeit mit RAF oder Bewegung 2. Juni, dass sich unser Staat erpressen lässt.
Meines Erachtens ist das eine fatale Entwicklung, Kontrahenten gewähren zu lassen. Aber viel Handlungsspielraum gibt es nicht.

Mesale Tolu verwechselt Ursache und Wirkung. Was sollte die Bundesregierung anderes machen als reden? Welche anderen Optionen hätte sie?
Von Macho-Gehabe lässt sich der Erdogan am wenigsten beeindrucken, das sollte doch allen klar sein.

Klar denkende Leserin , Donnerstag, 15.Februar, 00:24 Uhr

6. Wer die Rüstungexporte an die Türkei behindert, der verlängert die Haft von Deni

Wer die Rüstungsexporte an die Türkei behindert (Grüne, Linke und SPD) der verlängert die Haft von Deniz Yücel. In seitlich schlecht gepanzerten Leopard Panzern aus deutscher Produktion sterben in Syrien türkische Soldaten. Die Panzern nachbessern und danach Deniz Yücel auf einem deutschen Flughäfen mit Blumen begrüßen. Das ist die Lösung.

  • Antwort von Sich wiederholende sie unter geistreichen Pseudos, Donnerstag, 15.Februar, 07:03 Uhr

    Ist ja gut. Die Inhalte werden auch nicht besser, wenn man nur minimal seine Pseudos wechselt, aber immer gleichartig schreibt. Seitlicher Schutz und Erdel ist besänftigt, wir haben es kapiert.

  • Antwort von BR24-Leserin, Donnerstag, 15.Februar, 08:30 Uhr

    Die Deutschen haben an Erdogan Murx-Panzer ausgeliefert und jetzt lehnen sie frecherweise die Nachbesserung der berechtigten Reklamation ab. Die Grünen und Die Linken sind eindeutig daran schuld, dass der Tegimekritiker schon ein Jahr im Knast sitzen muß. Seine Gefängniszelle ist schon bald gelb von seinen Zigaretten.

Kluge sie , Mittwoch, 14.Februar, 23:11 Uhr

5. Deniz Yücel kommt schnell frei, wenn

Deniz Yücel kommt schnell frei, wenn die deutsche Rüstungsfirma die türkischen Panzer modernisiert, damit diese Panzer auch von den Seiten besser gepanzert sind.
Die ständigen Berichte über ihn in deutschen Medien interessieren Erdogan nicht, er braucht nur beschußfeste Panzer für Syrien.

Angelika , Mittwoch, 14.Februar, 22:36 Uhr

4. Bei uns dreht sich alles nur um Deniz Yücel. Und die anderen Häftlinge egal?

Ist Deniz Yücel der einzige in der Türkei wegen Kleinigkeit eingesperrte Häftling?

Cosi , Mittwoch, 14.Februar, 22:08 Uhr

3. Freiheit für Dein! !!

Free Deniz!
Geh heim alter Mann und träume weiter vom Osmanische Reich.

Und Aufwiedersehen Erdogan!
Die Türkei gehört nicht zu Europa Gott sei dank!
Europa ist gelebte Demokratie. ...davon ist die Türkei Lichtjahre entfernt!
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind für die Türkei Fremdwörter! In Europa und Deutschland wird dies gelebt.