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Debatte im Landtag Bienen und Neonicotinoide: Wie gefährlich sind Insektengifte für Bestäuber?

Der bayerische Landtag diskutiert über Insektenvernichtungsmittel, die sogenannten Neonics. Sie stehen im Verdacht, für das weltweite Insektensterben mitverantwortlich zu sein - und sie sollen für Bienen 5000mal giftiger sein als das Insektizid DDT. Wie wirken diese Gifte und wie gefährlich sind sie für Bienen und andere Bestäuber?

Von: Eva Huber

Stand: 31.01.2018

Neonicotinoide  | Bild: BR

2008 zeigte sich, wie gefährlich Insektenvernichtungsmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide sein können. Imker im baden-württembergischen Rheintal waren in Aufruhr: Ihre Bienen starben massenhaft. Ganze Völker wurden ausgelöscht. Die traurige Bilanz: Mehr als 11.500 Völker waren betroffen.

Was war schuld am Bienensterben?

Nach kurzer Zeit war der Grund gefunden: Mais-Saatgut war mit dem Insektenvernichtungsmittel Poncho Pro ummantelt worden. Beim Ausbringen des Saatguts entstand eine Staubwolke aus Insektengift, die sich überall in der Landschaft verteilte. In Poncho Pro steckt der Wirkstoff Clothianidin. Er gehört zur Gruppe der Neonikotinoide, kurz Neonics.

So wirken Neonics

Die Neonics sind ein Nervengift und sollen gezielt gegen Fressfeinde von Kulturpflanzen wirken, zum Beispiel gegen den Kartoffelkäfer oder den Drahtwurm. Die Gifte werden gespritzt oder das Saatgut wird bereits damit ummantelt, also "gebeizt".

Besonders eine Eigenschaft hat die Neonics erfolgreich gemacht – und ist gleichzeitig problematisch für die Natur: Die Neonics sind wasserlöslich. Sie bleiben nicht wie andere Insektizide auf der Oberfläche der Blätter, sondern verteilen sich in der ganzen Pflanze: von der Wurzel, über die Blätter bis in die Blüten. Wenn Insekten an der Pflanze saugen oder nagen, nehmen sie das Gift auf und sterben.

Das ist ein Vorteil für die Landwirte. Denn, wenn sie das Saatgut mit den Neonics beizen, sind die jungen, empfindlichen Pflänzchen für mehrere Wochen gut geschützt.

Neonics bauen sich nur langsam ab

Doch gerade durch ihre Eigenschaft, wasserlöslich zu sein, könnten sich die Neonics auch leicht in der Natur verteilen. Außerdem bauen sich diese Stoffe nur langsam im Boden ab. Je nach Acker kann es laut dem englischen Forscher Dave Goulson zwischen 200 und 1000 Tage dauern, bis die Hälfte des Wirkstoffs zerfallen ist.

Die Alzheimer-Biene

Die Neonics wurden auch immer wieder in Pollen und im Nektar gefunden. Ihre Wirkung auf Bienen wurde in den letzten Jahren besonders umfangreich untersucht. In Berlin forscht der Neurologe Randolf Menzel dazu, wie sich Neonics auf das Gehirn der Bienen auswirken. Auch wenn die Dosis zu gering ist, um die Bienen zu töten, gibt es trotzdem Effekte, die das gesamte Volk schwächen können:

"Sie ist so zusagend eine Alzheimerbiene, sie kann sich nicht mehr gut erinnern. Sie nimmt nicht mehr am sozialen Kontakt teil. Sie kann nicht von anderen Bienen lernen, im Tanz, wo es was Gutes zu holen gibt. Sie kann auch nicht mehr gut navigieren und ist in ihren gesamten kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. So wie das bei Alzheimerpatienten auch auftritt."

Prof. Dr. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Bei Feldversuchen fanden die  Bienen teilweise nicht zurück zum Bienenstock. Andere Studien belegen, dass die Neonics auch die Fortpflanzung von Bienen und Hummeln beeinträchtigen.

Gefahr für Wildbienen, Hummel und andere Insekten

Doch mehr als um die Honigbiene macht sich Randolf Menzel Sorgen um Wildbienen und andere Einzelgänger-Insekten. Um die Honigbiene kümmern sich die Imker, sagt er. Aber was ist mit Hummeln oder Mauerbienen?

"Von den Wildbienen weiß man, dass in den letzten 20 Jahren die Zahl der Arten sehr stark zurückgegangen sind und das besonders aus einer Studie in England hervorgegangen ist, dass das unmittelbar zusammenhängt mit dem Einsatz der Pestizide. Dort, wo die Pestizide in den Feldern eingesetzt werden, dort gibt es weniger Wildbienen-Arten."

Prof. Dr. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Diskutiert wird über drei Wirkstoffe

Nach dem Bienensterben in Baden-Württemberg hat Deutschland die Zulassung für Poncho Pro zurückgezogen. In der EU ging eine Diskussion um die Neonics los. Nicht alle Wirkstoffe aus dieser Gruppe gelten als gleich gefährlich für Bienen, Wildbienen und andere Insekten. Als sehr bienengefährlich werden Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam eingestuft. Deren Anwendung wurde 2013 stark eingeschränkt. Andere Wirkstoffe wie Thiacloprid gelten als weniger bienengefährlich und werden regelmäßig in Deutschland gespritzt, zum Beispiel im Obstanbau oder beim Raps. Immer noch gehören die Neonicotinoide zu den meistverkauften Insektiziden weltweit.

Was plant die EU?

Die jetzige Diskussion in der EU befasst sich nur mit den drei als besonders bienengefährlich eingestuften Wirkstoffen. Im Raum steht sie komplett für den Gebrauch im Freiland zu verbieten. Frankreich hat das im Alleingang zum 1. September 2018 bereits beschlossen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) arbeitet an einer Bewertung dieser Neonics und wird sie voraussichtlich Ende Februar oder Anfang März veröffentlichen. Danach wollen die Mitgliedstaaten über ein Verbot entscheiden.


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