0

Einmalige Inklusive Sozialgenossenschaft "Wir“ in Regensburg

Es ist ein einmaliges Projekt auf einem ehemaligen Kasernengelände in Regensburg: Behinderte und Nichtbehinderte Menschen leben gemeinsam in einer Wohnanlage auf einem rund 4000 Quadratmeter großen Areal zusammen.

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 07.12.2017

Es ist genau das, was die UN Behindertenrechts-Konvention seit 2006 fordert, nämlich die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen in der Gesellschaft. Was aber in der Praxis oft doch nicht geschafft wird: Chancengleichheit und mehr Bewusstsein für Menschen mit Handicap.

"Wir" in Regensburg

Wir steht dabei für Wohnen – Inklusiv – Regensburg. Aber auch für das "Wir" Gefühl. Außerdem ermöglicht das genossenschaftliche Modell noch eine weitere Chance: bezahlbarer Wohnraum in Bayern. Hier bleiben die Mieten stabil – ein Leben lang.

Diagnose: Angelman-Syndrom

Annette Fischer ist die große Antreiberin und Initiatorin des Projekts.

Annette Fischer ist die große Antreiberin und Initiatorin des Projekts. Als 1993 ihr Sohn Jakob auf die Welt kam, hatte er eine genetische Veränderung auf Chromosom 15. Die Diagnose: Angelman-Syndrom, benannt nach dem englischen Arzt, der die geistige Behinderung als erster entdeckte. 800 Menschen weltweit sind betroffen. Sie lachen oft, auch unvermittelt, sprechen aber wenig und zeigen autistische Züge.

Seither macht sich Annette Fischer, die ihren Beruf als Juristin aufgeben musste, Gedanken, wie ihr Sohn in Zukunft einmal leben wird, wenn sie ihn nicht mehr betreuen kann. Die letzten Jahre wohnte er in einer stationären Einrichtung mit anderen geistig Behinderten und kam am Wochenende nach Hause. Doch jetzt in der neuen Wohnanlage blüht er richtig auf. Unter Tags arbeitet er in der Wäscherei der Lebenshilfe, Abends kommt er nach Hause und kocht in der großen Wohnküche gemeinsam mit zwölf anderen geistig Behinderten, betreut von Pflegern der Lebenshilfe.

Der 24-jährige hat in der WG sein eigenes Zimmer. Seine Eltern wohnen gleich um die Ecke. Im September sind sie eingezogen, doch die Kisten sind noch nicht ausgepackt.

Unterstützung vom Freistaat

Jakob in der Wohngemeinschaft

Denn Annette Fischer hat noch viel für die Wohngenossenschaft zu erledigen. Seit Planungsbeginn 2012 hält sie das Projekt in Atem. Die Stadt Regensburg musste überzeugt werden, das Grundstück herzugeben. Der Freistaat Bayern unterstütze die Sozialgenossenschaft mit einem Zuschuß von 30.000 Euro. Davon konnte ein Architekt einen Entwurf machen und die Homepage professionell gestaltet werden. Eine von 47 Wohnungen ist noch frei.

Das Modell funktioniert so: Zuerst zeichnet man Anteile an der Genossenschaft, mindestens 5.000 Euro. Dann zahlt man noch einmal Anteile je nach Größe der Wohnung. Das sind 700 Euro pro Quadratmeter für Sozialwohnungen, sowie 900 Euro für "normale" Wohnungen und 1.200 Euro für Dachterrassenwohnungen. Um Familien mit Kindern zu unterstützen und auch eine "gute" Mischung der Bewohner zu gewährleisten, erhalten Familien für jedes Kind unter zwölf Jahren 100 Euro Nachlaß. Das macht dann bei einer Familie mit drei Kindern für eine normale 100 Quadratmeter Wohnung 600 Euro aus, bzw. 60.000 Euro Einlage. Die Warmmiete beträgt dann ca. 1.000 Euro im Monat. Langfristig bleibt der Mietpreis bei etwa neun Euro im Monat, also weit unter dem Durchschnitt für Regensburg. 

Genossenschaften gibt es schon seit 150 Jahren

Anfangs waren es Landwirte und Handwerker, die sich zusammenschloßen. Seit einer Gesetzesnovelle 2006 öffnet sich das Spektrum auch für Genossenschaften im kulturellen und sozialen Bereich.

Attraktiv sind die Genossenschaften, weil vor allem in Zeiten turbokapitalistischer Verschärfungen wie etwa auf dem Wohnungsmarkt und politischer Verwerfungen in Richtung Rechts das Zusammengehörigkeitsgefühl unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen stärken und den Menschen das Gefühl geben, selbst zur Lösung von Problemen beitragen zu können.

Unterstützung vom Sozialministerium

Modernes Enegierkonzept in der Regesnburger Sozialgenossenschaft "Wir".

Das bayerische Sozialministerium fördert Sozialgenossenschaften. Mit Tipps zur Gründung und Geld. Sozialministerin Emilia Müller lobt das Projekt: Es zeige vor allem die Eigeninitiave der Bürger und ermögliche so ein Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Ziel ist es, in allen sieben Regierungsbezirken Sozialgenossenschaften zu etablieren. Bislang gibt es in Bayern noch zu wenig. Gerade mal zehn. Sie helfen Senioren, Demenzkranken oder arbeitslosen Frauen.

Auch Ärztegenossenschaften wurden ins Leben gerufen, die so dem Ärztemangel auf dem Land entgegenwirken. Ideale wie Gemeinschaftsgeist und regionales Bewusstsein gewinnen in Zeiten der Globalisierung an neuem Stellenwert, das Prinzip der Selbsthilfe ist wieder gefragt.


0

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Inge u. Gorm, Samstag, 09.Dezember, 18:26 Uhr

1.

Viele Glyckwynche. Herrlich sieht es aus und schøn, das Ihr bald zum Ende seid
Gryss von Inge und Gorm