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Vom Säen und Ernten Bei Saatgutzüchtern zu Besuch

"Im Märzen der Bauer…" So beginnt das bekannte Kinder- und Volkslied. Und was macht er im März? "Er pflüget den Boden, er egget und sät." Heutzutage wird nicht mehr nur im März gesät, der Mais kommt erst ab Ende April aufs Feld, das Wintergetreide wird im Spätsommer ausgesät. Doch eines ist geblieben: aus einem Samenkorn wird eine Pflanze. Hier kommen die Pflanzenzüchter ins Spiel, die mit allerlei High-Tech die Supersorten für Bayern von morgen suchen - die auch im Klimawandel bestehen.

Von: Tobias Chmura, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 15.03.2018

Seit über hundert Jahren werden in der Saatzucht-Firma Josef Breun in Herzogenaurach, einem mittelständischen Familienunternehmen, neue Getreidesorten gezüchtet. Drei bis fünf Jahre dauert es, bis bei der Saatzucht Breun zum Beispiel eine neue Gerstensorte entwickelt ist. Auch wenn es bei der Unternehmensgründung 1906 noch keine beheizten Gewächshäuser gab, zumindest der Anfang für die Entwicklung einer neuen Gersten-Sorte ist ähnlich geblieben:

"Dazu säen wir Elternlinien aus, die für uns schöne Eigenschaften haben, also mit Brauqualität und Ertrag und Resistenzen. Daraus versuchen wir neue Sorten zu kreieren. Das geschieht dadurch, dass wir die Elternlinien miteinander verkreuzen, was eine sehr große Handarbeit ist. Man muss tatsächlich mit einer Pinzette die Ähre öffnen und die Staubbeutel entfernen und dann von einer anderen Ähre, der Vaterlinie, die Staubbeutel holen und die wirklich händisch bestäuben, dass dann daraus kleine Kreuzungskörner entstehen können!"

Franziska Wespel, Agrarbiologin der Saatzucht-Firma Josef Breun in Herzogenaurach

Zuchtkriterien: guter Ertrag, robust und stressfest

In der Züchtung geht es auch darum, neue Eigenschaften möglichst schnell in eine Pflanze hineinzubringen. Bei der Herzogenauracher Saatzuchtfirma bedeutet das, die besten neuen Zuchtpflanzen, die bereits einmal auf dem Acker gestanden sind, im Winter nach Neuseeland zu verschicken, um dort noch mal eine komplette Saison zu stehen. So haben die Züchter die Möglichkeit von zwei vollen Ernten innerhalb eines Jahres und können dadurch auch zwei volle Selektionsschritte durchführen.

Selektiert werden die neuen Kreuzungen zum einen auf einen möglichst guten Ertrag hin. Wichtig ist aber auch, dass eine Sorte wenig oder gar nicht anfällig ist - etwa gegen eine Pilzkrankheit. Darüber hinaus werden Pflanzen gesucht, die gut mit dem sogenannten abiotischen Stress klarkommen, also beispielsweise trotz sehr wenig Regens oder großer Hitze gut wachsen.

BayKlimaFit - Fit für den Klimawandel

Eva Bauer, Biologin am Lehrstuhl für Pflanzenzüchtung der TU München in Freising

Am Prinzip der Pflanzenkreuzung hat sich seit der Entdeckung der Vererbungsregeln durch Gregor Mendel im 19. Jahrhundert im Grunde nichts geändert. Doch die Züchtung heute hat kaum noch etwas mit den Methoden der ersten Saatgutzüchter zu tun. "BayKlimaFit" heißt ein Projektverbund, an dem mehrere Unis und Forschungseinrichtungen in Bayern beteiligt sind. Der Lehrstuhl für Pflanzenzüchtung der TU München in Freising ist beteiligt an diesem Projekt, das das Problem angehen soll. Auf dem dazugehörigen Flyer wird der Klimawandel als "eine der größten Herausforderungen der Menschheit" beschrieben, "als globales Phänomen mit regionalen Auswirkungen auch für Bayern". In Bayern ist die Temperatur schon um 1,5 Grad gestiegen - das ist deutlich mehr als im globalen Durchschnitt.

"Man weiß seit einigen Jahren, dass die Auswirkungen des Klimawandels tatsächlich bemerkbar sind, dass das nicht nur Prognosen sind, sondern wir das tatsächlich erfahren. BayKlimaFit hat das Ziel, Kulturpflanzen robuster gegen die Folgen des Klimawandels zu machen und damit letztlich eine nachhaltige und umweltschonende Produktion zu sichern."

Eva Bauer, Biologin am Lehrstuhl für Pflanzenzüchtung der TU München in Freising

Für "BayKlimaFit" versuchen Wissenschaftler, zum Beispiel Mais toleranter gegenüber Kälte zu machen. Auf den ersten Blick ein Widerspruch, schließlich sorgt der Klimawandel ja für eine Erwärmung. Doch es geht darum, den Mais früher aussäen zu können und dafür muss er besser mit Kälte und Spätfrösten im April klarkommen. Gar nicht so leicht, schließlich ist der Mais eigentlich eine tropische Pflanze. In wenigen Wochen werden Eva Bauer und ihr Team wieder auf mehreren tausend Parzellen je 20 Maiskörner aussäen, um die Erkenntnisse aus dem Labor zu überprüfen und auf der Suche nach dem kältetoleranten Mais ein weiteres Stück voran zu kommen.

Pflanzenzucht - aufwändig und teuer

All das zeigt, wie aufwändig die Zucht neuer Getreidesorten ist und auch wie teuer die Züchtung ist.

"Wir rechnen ungefähr, dass die Züchtung einer [Weizen-]Sorte eine Million Euro kostet."

Ludwig Ramgraber, Saatgutzüchter

Für Weizensaatgut müssen die Bauern geschätzt zwischen 70 und gut 100 Euro pro Hektar zahlen. Daran verdienen aber auch der Landhandel und die Vermehrer, also jene Landwirte, die das neue Saatgut unter strengen Auflagen anbauen, um es zu vermehren. Für das Zuchtunternehmen selbst bleibt eine Lizenzgebühr von 16 bis 17 Euro pro Hektar.

Linktipps

Braugerstenzüchtung
Schema einer Neuzüchtung am Beispiel Getreide
Internet: www.braugerstengemeinschaft.de

Saatzucht Breun
Internet: www.breun.de

BAYKLIMAFIT
Projektverbund - Strategien zur Anpassung von Kulturpflanzen an den Klimawandel
Internet: www.bayklimafit.de

Forschung in der Pflanzenzüchtung
TU München, Lehrstuhl für Pflanzenzüchtung
Internet: www.plantbreeding.wzw.tum.de

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung
Internet: www.lfl.bayern.de

pflanzenforschung.de
Initiative des Forschungsprogramms "Pflanzenbiotechnologie der Zukunft - PLANT 2030"
Internet: www.pflanzenforschung.de

Prüfung, Zulassung und Sortenschutz von Pflanzensorten
Bundessortenamt (BSA)
Internet: www.bundessortenamt.de

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