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EKD-Ratsvorsitzender im BR-Interview Bedford-Strohm warnt: "Europa verliert seine Seele"

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm beklagt einen menschenverachtenden Grundton in der Asyldebatte. Es bestehe die Gefahr, dass die Empathie in der Diskussion verloren ginge, sagte er im BR-Interview. An die EU-Staaten appellierte er, im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge aufzunehmen.

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 13.07.2018

Nach einer wochenlangen Diskussion um Asyl und Flucht konstatiert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland einen bespiellosen Verfall der Sprache und Sitten. Heinrich Bedford Strohm fordert eine verbale Abrüstung in der Asyldebatte. "Es sind doch Menschen, über die wir reden", sagt er im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

"Auch die Menschen, die abgeschoben werden, sind Menschen, geschaffen nach dem Bilde Gottes, die haben eine Menschenwürde, die niemand verletzen darf. Deswegen zeigen die schlimmen Fälle, die uns jetzt erreichen, dass wir nicht nur Zahlen sehen."

Heinrich Bedford-Strohm

"Empathie darf nicht auswandern"

Die "schlimmen Fälle" - gestern kam die Nachricht aus Kabul, dass sich ein aus Hamburg abgeschobener Asylbewerber das Leben genommen hat. Einen Tag nachdem es Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) für bemerkenswert gehalten hatte, dass ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag 69 Asylbewerber nach Afghanistan zurückgeschickt wurden.

Bedford-Strohm mahnte, Empathie dürfe nicht "auswandern" aus den öffentlichen und politischen Diskussionen. Man dürfe nicht zu einer Situation kommen, in der nicht die Rettung von Menschenleben im Vordergrund stehe, sondern die möglichst hohe Zahl von Abschiebungen. "Das darf nicht sein", sagte der evangelische Landesbischof.

Dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder künftig auf das Wort "Asyltourismus" verzichten will, dafür ist Bedford-Strohm "dankbar". Söder hatte am Mittwoch im Landtag nach anhaltender Kritik an seiner Wortwahl versprochen, das Wort nicht mehr zu verwenden.

Gesprächsbedarf nach Kreuzerlass

Heute morgen trafen sich der bayerische Landesbischof und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz, zu einem informellen Meinungsaustausch mit Söder und anderen CSU Politikern. Nach der Diskussion um den Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung gibt es Gesprächsbedarf.

"Das Kreuz an der Wand bedeutet eine Selbstverpflichtung. Und deswegen heißt es, dass auch in die konkreten politischen Diskussionen die für alle Menschen auf der Welt geltende Nächstenliebe einfließen muss. Und deswegen gibt es eine Verbindung zwischen der Kreuzdebatte und den aktuellen Debatten um die Flüchtlingspolitik."

Heinrich Bedford-Strohm

Hilfsorganisationen nicht kriminalisieren

Mit Sorge betrachtet die Evangelische Kirche auch die Situation im Mittelmeer. Italien und Malta schotten sich ab. Private Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot retten, werden kriminalisiert, als Gehilfen der Schlepperbanden. Bedford-Strohm findet es "skandalös, dass nicht die moralisch diskreditiert werden, die über Leichen gehen, sondern dass sich die rechtfertigen müssen, die Menschen retten".

"Die Staaten der Europäischen Union müssen sich verpflichten, im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge aufzunehmen", fordert Heinrich Bedford-Strohm. Wenn Politik einkalkuliere, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann drohe Europa seine Seele zu verlieren.


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Kommentare

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Ralf Henske, Freitag, 20.Juli, 09:26 Uhr

51.

Wenn es zufällig 69 Straftäter gewesen wären, die auch noch zufällig auf Seehofers 69. Geburtstag abgeschoben wurden, dann wäre es halt zufällig passiert. Wenn aber sich jetzt heraus stellt, das nur 19 Straftäter waren und 50 so gut wie integrierte, dann ist bis 69 aufgefüllt worden, um Horst Seehofer ein ausgefallenes Geburtstags-Geschenk zu machen. Nur ist die Frage, wer hatte nur so ausfallene Gedanken? Ein Parteifreund aus der christlichen Union, oder vielleicht die Chefin der christlich geführten Regierung, oder das Geburtstagskind selber? Wie tief muß man als christlicher Vertreter einer christlich geführten Bundesregierung nur sinken, wenn dieser christliche Vertreter im Trump-Style sich über 69 abgeschobene Afghanen als Geburtstagsgeschenk genau so freut, wie über eine Torte mit 69 Kerzen? Wenn in Deutschland die christlichen Werte so representiert werden, dann ist es nicht mein Land.

Demske , Freitag, 13.Juli, 08:54 Uhr

50. Christentum und Realismus schließen einander nicht aus

Die Menschen, die nach Afghanistan abgeschoben werden, sind alles Straftäter und islamistische Gefährter. Wir können froh sein, wenn diese Leute abgeschoben werden! Die Sicherheit der einheimischen Bevölkerung muss im Zweifel vorgehen. Natürlich müssen die Menschen, die mit ihren Booten im Mittelmeer kentern, gerettet werden. Aber das heißt nicht, dass sich daraus dann ein Bleiberecht für Wirtschaftsflüchtlinge in Europa (und damit in den meisten Fällen am Ende Deutschland) ergibt. Man sollte die Menschen ordentlich versorgen und zurück nach Afrika bringen. Die Kirchenführung könnte übrigens beim Thema Nächstenliebe (auch für die hiesige Bevölkerung) auch noch einiges mehr tun. Geld genug ist vorhanden. Viele Pfarrer vor Ort -ob nun katholisch oder evangelisch- haben weit realistischere Meinungen als die abgehobenen Eliten in der Kirchenführung.

Gisela Hacker, Freitag, 13.Juli, 08:34 Uhr

49. BR - Interview Bedford-Strohm

Endlich! Nur wenn viele Amtsträger, egal ob kirchlich oder politisch, die bisher zu dieser unsäglichen Entwicklung geschwiegen haben sich nun laut äußern, kann noch eine Wende herbeigeführt werden. Manch ein ebenso denkender Mensch wagt es dann, sich ebenfalls diesem unsäglichen Verfall der Menschenrechte entgegenzustellen. Wie Bonhoeffer schon sagte: Dem Rad in die Speichen fallen.

Thea, Freitag, 13.Juli, 07:21 Uhr

48.

Finden wir den Weg der Mitte, einen goldene Mittelweg. Wie kann dieser mittlere Weg gestaltet werden? Die Reaktionen, die auf die Asyldebatte zu lesen und zu hören sind, verdeutlichen diesen Bedarf des Ausgleichs. Das Aufbegehren der Einheimischen gegenüber der aktuellen Asylpolitik muss anerkannt und gewürdigt werden, anstatt jenes zu dämonisieren. Die Seele (Europas), wie es Herr Bedford-Strohm bezeichnet, ist immer vorhanden, sie kann nicht verloren gehen. Denn wir sprechen doch von Leben und nicht von einer Maschine. Das Maschinenzeitalter in Europa hat wohl das Denken mancher Menschen nachhaltig geprägt. Von diesen Konditionen sollten wir uns lösen.
Das Wie ist entscheidend, wie wir miteinander umgehen. Auch in der aktuellen Auseinandersetzung Asyl. Grenzen sind sinnvoll. Manche meinen, das Aufheben von jeglichen Grenzen löse alle Probleme, jedoch schafft erst dies Probleme. Nach dem Motto, alles ist möglich, übersehen wir das Maßlose im Denken, Anspruchshaltung und Verblendung.

Linus, Freitag, 13.Juli, 00:00 Uhr

47. Die Seele der Kirche

Vielleicht sollte die Kirche mal einen Teil ihres Riesenvermögens in Sozialwohnungen investieren. Und sie sollte Arbeitsplätze für Benachteiligte schaffen. Ach ja, Selbstmord begehen auch viele Deutsche und Europäer aufgrund von prekären Situationen. Dazu kein Wort des Bedauerns. Aber bei einem abgeschobenen mehrfachen Straftäter, der schon kurz nach der Einreise kriminell wurde, gibt es Mitgefühl von Bedford Strohm.