BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern

Die Zweitklässlerin Jette kurz vor ihrem Lernentwicklungsgespräch in der Grundschule in Schöllkrippen.

Bildrechte: BR / Barabara Ecke
106
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Zwischenzeugnisse: Was Noten in diesen Zeiten aussagen können

In Bayern bekommen rund eine Million Schülerinnen und Schüler heute ihre Zwischenzeugnisse. In der Coronazeit haben sich die Maßstäbe durch Distanzunterricht und erschwertes Lernen verschoben. Viele Grundschulen setzen deshalb nicht allein auf Noten.

Von
Barbara EckeBarbara EckePatrick ObrusnikPatrick Obrusnik
106
Per Mail sharen

Jette geht in die zweite Klasse der Grundschule in Schöllkrippen in Unterfranken. Vor ihr auf dem Tisch hat sie Kärtchen mit Sonne, Wolken und Fragezeichen. Mit diesen Symbolen soll sie zusammen mit ihrer Lehrerin einschätzen, wie gut sie in Mathe ist, wie es mit dem Lesen klappt und ob sie freundlich mit ihren Mitschülern umgeht. Das sogenannte Lernentwicklungsgespräch ersetzt mittlerweile an vielen bayerischen Grundschulen das benotete Zwischenzeugnis.

Erschwerte Unterrichtsbedingungen durch die Pandemie

Diese Noten-Alternative kommt den Forderungen von Eltern und dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) nach einem Umdenken bezüglich des notenorientierten Prinzips an Schulen entgegen. Gerade in Pandemiezeiten mit Distanzunterricht, schlechter Internetverbindung, verpasstem Stoff durch Quarantänezeiten und stundenlangem Maskentragen im Klassenraum kann es schwer fallen, in der Schule Leistung zu bringen und gute Noten zu schreiben.

Lernentwicklungsgespräch statt Zwischenzeugnis

An den Grundschulen in Bayern gibt es schon seit dem Schuljahr 2014/2015 die Möglichkeit, die Zwischenzeugnisse in den Jahrgangsstufen eins bis drei durch sogenannte Lernentwicklungsgespräche zu ersetzen. Statt Zeugnisnoten bekommen Schülerinnen und Schüler eine Beurteilung in einem gemeinsamen Gespräch. Das Kind schätzt seine Leistung mit Hilfe eines Bewertungsbogens zuerst selbst ein. Dann folgt ein 30-minütiges Gespräch zwischen Lehrkraft und Kind. Stärken werden herausgestellt, ein Lernziel formuliert.

Weniger Entwicklungsgespräche wegen Corona

Solche Lernentwicklungsgespräche kamen in den vergangenen Jahren in Bayern sehr gut an in den Grundschulen: Rund 90 Prozent der mehr als 2.400 Schulen haben laut Kultusministerium Lernentwicklungsgespräche durchgeführt. Im Schuljahr 2020/2021 seien es aber nur noch 42 Prozent gewesen. Das sei auf die Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie zurückzuführen, die die Planung und Durchführung der Gespräche vielerorts erschwert habe, heißt es auf BR24-Anfrage.

An der Grundschule in Schöllkrippen führen Lehrer und Kinder gemeinsam sogenannte Lernentwicklungsgespräche.

Bildrechte: BR / Barbara Ecke

Keiner will ganz auf Noten verzichten

Aber auf Schulnoten ganz verzichten, das wollen offenbar auch in Coronazeiten weder Schüler noch Eltern an der Grundschule im unterfränkischen Schöllkrippen. In einer nicht repräsentativen Umfrage unter den Eltern dort herrschte Einigkeit: Die Lernentwicklungsgespräche zeigen detaillierter, wo die Kinder in den einzelnen Fächern gut mitkommen oder Probleme haben und warum. Noten seien aber wichtig, vor allem wenn es auf die vierte Klasse zugehe. Hier entscheidet sich, ob das Kind auf das Gymnasium geht oder nicht. Auch die Kinder würden irgendwann richtige Noten einfordern, um sich auch mit anderen vergleichen zu können.

Schulleiterin: "Noten sind nie objektiv"

"Ganz ohne Noten kommen wir nicht aus", sagt auch die Schulleiterin der Grundschule Schöllkrippen, Julia Schuck. Sie ist Verfechterin der Lernentwicklungsgespräche, gerade jetzt in den Pandemiezeiten. Sie gibt zu bedenken: "Noten waren noch nie objektiv und jetzt noch weniger." Bei einigen Kindern habe Homeschooling gut geklappt, weil die Eltern zu Hause waren und helfen konnten. Bei anderen Kindern habe es diese Möglichkeit nicht gegeben.

Expertin fordert Konzept auch für weiterführende Schulen

Barbara Drechsel, Professorin für Psychologie in Schule und Unterricht von der Universität in Bamberg hält Noten generell für schwierig, zumal sie nur eine Momentaufnahme seien. "Die Begeisterung von Eltern für dieses System kommt auch daher, weil ich schnelle, vermeintlich zuverlässige Wasserstandsmeldungen bekomme." Durch dieses kurz gefasste Prinzip gehe aber auch viel Information verloren. Ein Lernentwicklungsgespräch könne das wieder an Bord holen und zeige beispielsweise auch, wie eine Leistung zustande komme. Barbara Drechsel plädiert deswegen dafür, auch in weiterführenden Schulen zumindest ergänzend zu den Noten Lernentwicklungsgespräche durchzuführen.

Schon vor dem Zeugnis werden Eltern über Versetzungsgefährdung informiert

Jedenfalls tragen in den weiterführenden Schulen die Schülerinnen und Schüler ihre Zwischenzeugnis nicht mehr angstvoll nach Hause, meint Petra Meißner, die Leiterin der Staatlichen Schulberatungsstelle in Unterfranken. Früher hätten immer wieder Jugendliche und Eltern am Zwischenzeugnistag bei Petra Meißner und ihrem Team angerufen und Hilfe ersucht. In den letzten Jahren seien es nur einige wenige gewesen, so Meißner: "Ich hatte letztes Jahr nur einen Anruf. (…). Der morgige Freitag wird ein ganz normaler Arbeitstag für uns", betont die Schulpsychologin. Angst wegen schlechter Noten gebe es zwar immer noch, doch viele Schulen auch in Unterfranken informierten die Eltern mittlerweile frühzeitig über eine mögliche Versetzungsgefährdung. Damit sei der Druck am Zwischenzeugnistag praktisch weg, so Meißner.

"Hier ist Bayern": Der neue BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

Abendschau

Schlagwörter