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Zwischenbilanz: Eine Woche "click & collect" in Bayern | BR24

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Warenabholung in der Buchhandlung in Dillingen

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    Zwischenbilanz: Eine Woche "click & collect" in Bayern

    Seit gut einer Woche dürfen auch Einzelhändler in Bayern das sogenannte "click & collect"-Verfahren anwenden: Kunden können per Web oder per Telefon bestellte Waren in eigentlich geschlossenen Läden abholen. Eine erste Bilanz fällt ernüchternd aus.

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    Von
    • Mathias Flasskamp

    Bernd Brenner hatte die Woche mit einer gehörigen Portion Hoffnung begonnen. Seit über 40 Jahren betreibt der Familienunternehmer eine Buchhandlung in Dillingen an der Donau. Trotz Lockdown können seine Kunden Bücher, die sie vorher per Mail oder telefonisch bestellt haben, in der Buchhandlung abholen. In dem Abholregal neben der Ladentür stehen auch schon einige Bestellungen: der neue Roman von Charlotte Link oder die Biographie des neuen US-Präsidenten Joe Biden.

    Die Kunden bleiben vor der Tür an einem Tisch stehen, der den Zugang zum Laden blockiert. Bernd Brenner oder eine seiner Mitarbeiterinnen bringen die bestellten Bücher dann zum Eingang. Bezahlt wird kontaktlos. Entweder mit Karte oder anschließend von zu Hause aus per Überweisung. Die meisten Kunden, die an diesem Vormittag vorbeikommen meinen, das hier sei zwar weniger komfortabel als eine kostenlose Lieferung nach Hause - aber ihnen sei es wichtig, die örtlichen Geschäfte gerade jetzt im Lockdown zu unterstützen.

    Viel Aufwand – kaum Gewinn

    Über so viel Solidarität freut sich Bernd Brenner. Weniger jedoch über die wirtschaftliche Bilanz des neuen Angebots. "Click & collect" ist für ihn nach der ersten Woche eher eine Marketingaktion als ein Umsatzbringer.

    Das Ergebnis bleibe weit hinter den Erwartungen zurück, seufzt der Buchhändler: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Kunde hat sich noch nicht an dieses Angebot gewöhnt. Auch dass sie hier mit FFP2-Masken zu uns in den Vorraum kommen müssen, hält manchen vielleicht eher noch ab."

    Kaufhaus macht "drei Prozent vom normalen Umsatz"

    Im oberbayerischen Weilheim hat der Unternehmer Florian Lipp ähnliche Erfahrungen gemacht. Seine Familie betreibt hier seit über 180 Jahren das Kaufhaus Rid. Der Lockdown mitten im Weihnachtsgeschäft war für ihn besonders bitter, denn die Lager sind jetzt voll mit Winterware. Er hat große Werbeplakate drucken lassen, die auf den neuen Abholservice hinweisen.

    Im Hinterhof hat er eine Abholstation eingerichtet. Die Kunden klingeln, dann geht die Tür auf und hinter einer Trennwand aus Plexiglas steht eine Verkäuferin an einer improvisierten mobilen Kassenanlage. Die Ware wird durch einen seitlichen Spalt herausgereicht. Bezahlt wird kontaktlos mit Karte. Puzzles und Wolle zum Selberstricken seien momentan gefragt, berichtet Lipp.

    Allerdings blieben auch bei ihm die Umsätze deutlich hinter den Hoffnungen zurück: "Nach der ersten Woche haben wir jetzt mal hochgerechnet und werden, wie es aussieht, bei etwa drei Prozent vom normalen Januar-Umsatz landen. Das ist natürlich viel zu wenig, um zu Überleben."

    Kritik an der Staatsregierung

    Außerdem kritisiert er den Schlingerkurs der Staatsregierung beim Thema "click & collect". Dass der Service zunächst in Bayern verboten war, dann im Januar doch erlaubt wurde, habe sehr geschadet, denn die Kunden hätten sich nicht auf das Angebot einstellen können, so Lipp.

    In anderen Branchen soll es etwas besser laufen, sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Große Elektronik- und Baumärkte, das seien die Gewinner bei "click & collect": Im Einzelfall seien zwischen zehn und 20 Prozent vom normalen Monatsumsatz durch Abholer möglich. "Bei kleinen Einzelhändlern ist es aber in der Regel deutlich weniger."

    Etwas Kundenkontakt - immerhin

    Für den Buchhändler Bernd Brenner und den Kaufhausbesitzer Florian Lipp fällt die wirtschaftliche Bilanz nach der ersten Woche mit dem Abholservice auf jeden Fall bitter aus. Zu wenig – zu spät.

    Trotzdem wollen sie weiterhin "click & collect" anbieten. Schon allein um irgendwie den Kontakt zu ihren Kunden halten zu können.

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