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Gänsemanagement in Bayern: Zwischen Artenschutz und Kotproblemen | BR24

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In knapp vier Wochen ist Frühlingsbeginn. Spätestens dann werden die Badeseen in Bayern wieder von Sonnenanbetern belagert. Eine Idylle, wären da nicht die lästigen Rückstände der Wildgänse. Die in den Griff zu bekommen ist aber gar nicht so einfach.

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Gänsemanagement in Bayern: Zwischen Artenschutz und Kotproblemen

In knapp vier Wochen ist Frühlingsbeginn. Spätestens dann werden die Badeseen in Bayern wieder von Sonnenanbetern belagert. Eine Idylle, wären da nicht die lästigen Rückstände der Wildgänse. Die in den Griff zu bekommen ist aber gar nicht so einfach.

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Graugänse gab es in Bayern schon immer, als Wintergäste aus Russland und dem Balkan. Brütende Graugänse kennt man hierzulande erst seit den 1950er-Jahren. Sie stammen vermutlich von den Tieren des Biologen Konrad Lorenz ab. Der siedelte nämlich bei Andechs in Oberbayern neben einem Institut für Verhaltensforschung auch eine Schar halbzahmer Graugänse an.

Von dort entflogene Gänse gründeten im Englischen Garten in München und an anderen bayerischen Gewässern neue Bestände. Wissenschaftler vermuten, dass sich zu den Lorenz’schen Abkömmlingen im Lauf der Zeit auch Wildgänse aus Tschechien und Österreich gesellt haben. Auch die Kanadagans und die Nilgans sind in Bayern heimisch geworden. Beide Arten wurden ursprünglich als Ziergeflügel gehalten, haben sich aber immer wieder aus Gärten und Parks in die Freiheit abgesetzt.

Hübsche Schädlinge der Landwirtschaft

Wildgänse sind hübsch anzusehen und, schon wegen der plüschigen Gössel - so nennt man die Gänseküken, perfekte Sympathieträger. Wo die großen Wasservögel aber aus sehr vielen Schnäbeln schnattern, kann es zu Konflikten mit dem Menschen kommen:

Wenn die Tiere im Winter auf den Feldern das zartgrüne Wintergetreide verputzen oder im Frühjahr den Mais. Oder, was ganz kritisch ist, wenn das Objekt der Begierde Sonderkulturen sind. Gemüse wie gelbe Rüben und Salat stehen bei Gänsen hoch im Kurs. Im Gegensatz zum Getreide werden die Pflanzen nicht abgeweidet, sondern komplett aus dem Boden gezogen.

Für den Gemüsebauern bedeutet so ein unerwünschter Gänsebesuch einen Totalverlust mit einem Schaden, der schnell mal ein paar Tausend Euro beträgt, sagt Landschaftsökologe und Gänsemanager Dr. Christian Wagner von der Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising.

Kotproblem auch hier ein Thema

Gänse weiden auch gern auf Grünland, vor allem dann, wenn das Gras jung und saftig ist. Weil Gras wenig Nährstoffe enthält, müssen die Vögel eine ganze Menge davon fressen. Je nach Anzahl der Gänse verschwindet bis zu einem Drittel des ersten Schnitts im Gänsemagen. Und ein Großteil von dem, was vorne als Grüngut reingeht, kommt hinten als Problemstoff wieder raus. Nämlich gut ein Kilo Kot pro Gans und Tag.

Wo viele Gänse geweidet haben ist das Gras hinterher so verdreckt, dass das Vieh das Grünzeug nicht mehr fressen mag. Außerdem stehen die Fäkalkeime im Gänsekot in Verdacht, bei Kühen Fehlgeburten auszulösen. Gänsekotprobleme gibt es zum Beispiel im Landkreis Cham. Zum Leidwesen der Landwirte finden Wildgänse das Teichgebiet um den Rötelseeweiher und die Wiesen in den Auebereichen von Regen und Cham sehr attraktiv.

Laut Konrad Petzendorfer vom Chamer Amt für Landwirtschaft hätten betroffene Landwirte auf einer einzigen Wiese schon bis zu dreihundert Gänse gezählt. Wieviel Kot da zusammen kommt, kann man sich ausrechnen. Ein paar Jahre lang konnten geschädigte Landwirte im Rahmen eines Projektes Ausgleichszahlungen beantragen. 2018 ist das Projekt allerdings ausgelaufen und seitdem gibt’s auch keine Entschädigung mehr.

Störende Gäste bei Badestränden

Auch im touristischen Bereich machen Wildgänse Ärger. Das appetitliche Grün der Liegewiesen um die bayerischen Seen scheint Gänse geradezu magisch anzuziehen. Ob am Altmühlsee in Mittelfranken, am Tegernsee, am Ammersee oder am Karlsfelder See bei Dachau – während der Badesaison häufen sich in vielen Gemeinden die Beschwerden über Wildgänse.

An den Vögeln selbst stört sich kaum einer, an den graugrünen Gänsekothäufchen im Gras oder auf den Steinen am Ufer dagegen schon. So manche gänsegeplagte Gemeinde schickt deshalb während der Sommersaison Kotsammler übers die Badestrände, menschliche, oder motorbetriebene. Oder man versucht, die Gänse mit Hecken, Zäunen und schwimmenden Barrieren von sensiblen Flächen fernzuhalten, wie im Fall der Oberpfälzer Gemeinde Teublitz. Hier zog es Graugansfamilien aus den umliegenden Weihern zum Weiden auf die Liegewiesen des Teublitzer Naturbades. Irgendwann wurden die Beschwerden immer mehr und die Badegäste immer weniger und eine Lösung musste her.

Inzwischen hat man das Gänseproblem mit einem kniehohen Zaun zwischen Weihern und Badesee gut im Griff, sagt Stefanie Walter vom Ordnungsamt Teublitz,. Der Zaun ist für die flugunfähigen Gössel ein unüberwindbares Hindernis und mit den Kindern bleiben automatisch auch die Eltern draußen. Ein paar Gänse tummeln sich trotzdem auf den Liegewiesen, aber ein gewisses Maß an Natur muss man in einem Naturbad halt tolerieren.

Verscheuchen reicht meist nicht aus

Wo aussperren nicht funktioniert, ist Verscheuchen eine Option. Indem auf die Tiere geschossen wird, oder weniger martialisch, durch optische und akustische Reize. Verscheuchen ist bei Gänsen freilich eine knifflige Angelegenheit, weil die Viecher so schlau sind. Einmal am Tag mit dem Auto die Fläche anfahren, kurz aussteigen und ein paar Mal lässig in die Hände klatschen, das kann man sich sparen.

Um sie nachhaltig zu vergraulen muss man die Vögel drei- bis fünfmal am Tag in flagranti erwischen, erklärt Gänsemanager Dr. Christian Wagner von der Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising. Und auch dann ist der Erfolg nicht garantiert. Die Vögel merken nämlich schnell, dass vom Störer keine Gefahr ausgeht und lassen sich dann nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Im Landkreis Cham jedenfalls haben sich die wilden Gänse nicht vergraulen lassen.

Ausgleichsflächen schwer zu finden

Ein großer Knackpunkt beim Vergrämen sind die Ausgleichsflächen. Irgendwo müssen die Tiere ja hin, es braucht also Rückzugsgebiete, wo sie bleiben, fressen und koten können. Wenn in den Flussauen der Mais bis ans Ufer wächst, an den Seen Badetuch neben Badetuch liegt und Familien die Gänschen zwar füttern, aber nicht in Gänsekot treten wollen, sind solche Rückzugsgebiete freilich rar.

Außerdem mundet das stickstoffgedüngte Grün der Intensivwiesen dem Gänsegaumen wesentlich besser, als das trockene Altgras auf Extensivgrünland, oder in Schutzgebieten. Man muss deshalb schon sehr hartnäckig und nachdrücklich vorgehen, um die Tiere vom Gegenteil zu überzeugen. Oder aber man bietet geschmackstechnisch gleichwertige Ablenkungsflächen an, aber auch die sind nicht leicht zu bekommen.

Letzte Möglichkeit: Abschuss

Bleibt noch, die Anzahl der Gänse zu begrenzen. Zum Beispiel mit der Schrotflinte. Alle drei Gänsearten dürfen vom 1. August bis zum 15. Januar regulär bejagt werden. Bei Gänseliebhabern kommt so ein Abschuss allerdings gar nicht gut an. In Nürnberg erhielt der zweite Bürgermeister sogar Morddrohungen, nachdem er zum Halali auf die Gänse am Wöhrder See geblasen hatte. Kritiker der Gänsejagd bemängeln außerdem, dass manche Gänse nur angeschossen würden und dann jahrelang mit schmerzenden Schrotkugeln im Körper lebten.

Dann vielleicht doch lieber Geburtenkontrolle, wie sie im Rahmen eines Forschungsprojektes praktiziert wird. Der Großteil der Eier in einem Nest wird mit einer feinen Kanüle angestochen, so dass der Embryo stirbt. Zwei Eier bleiben unbehandelt, damit das Elternpaar immer noch eine Familie gründen kann.

Klingt gut und funktioniert auch, allerdings nur wenn bekannt ist, wo die Gelege sind. Und natürlich hat auch die Geburtenkontrolle ihre Kritiker. Weil die Jungvogelsterblichkeit extrem hoch ist, würde in den meisten Fällen nur einer der beiden Gössel überleben, heißt es. Und dieses Einzelkind hätte mangels Geschwisternetzwerk später kaum Chancen einen Brutplatz zu ergattern und sich fortzupflanzen.

Die EINE Lösung gibt es nicht

Eine Lösung, die alle glücklich macht, scheint nicht in Sicht. Gänsemanager Christian Wagner jedenfalls rät bei Konflikten zwischen Mensch und Gans, immer mehrere Maßnahmen miteinander zu verbinden. Es geht nicht darum, die Wildgänse wieder auszurotten, sondern Konflikte zu minimieren und Schäden zu begrenzen. Wenn das funktionieren soll, werden Mensch und Gans gewisse Einschränkungen hinnehmen müssen.