BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Zweite Corona-Welle: Intensivpersonal schlägt Alarm | BR24

© BR
Bildrechte: BR

Die zweite Corona-Welle ist im vollen Gange. Wir haben ExpertInnen und intensivmedizinisches Personal zur aktuellen Situation auf den Intensivstationen der Krankenhäuser befragt.

101
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Zweite Corona-Welle: Intensivpersonal schlägt Alarm

Rund 3.700 Covid-Patienten liegen aktuell auf deutschen Intensivstationen, weit mehr als während der ersten Corona-Welle. Noch soll es genug Intensivbetten geben. Mediziner und Pflegekräfte warnen aber davor, sich auf die gemeldete Zahl zu verlassen.

101
Per Mail sharen
Von
  • Christiane Hawranek
  • Claudia Gürkov

Das medizinische Personal auf den Intensivstationen blickt besorgt auf die nach wie vor hohen Corona-Infektionszahlen. Denn bis zu fünf Prozent der Menschen, die sich mit Corona anstecken, werden nach etwa zehn Tagen zu Intensivpatienten.

Rund 3.700 Covid-Patienten liegen aktuell auf deutschen Intensivstationen. Das sind deutlich mehr als zur ersten Welle der Corona-Pandemie im Frühjahr. In mehr als 20 Interviews und Hintergrundgesprächen mit BR Recherche zeigen sich Intensivpflege-Fachkräfte und IntensivmedizinerInnen daher besorgt.

"Die Zahl der Intensivbetten spiegelt uns eine falsche Sicherheit vor. Betten pflegen keine Menschen." / "In meinem Haus müssen wir Intensivbetten sperren, wir haben zu wenig Personal, um sie zu fahren." Anonymisierte Zitate aus Gesprächen mit Intensivpersonal

"Keine Trendwende in Sicht"

In einigen Krankenhäusern sind die Intensivstationen schon jetzt zeitweise voll. Auf Anfrage des BR schreibt etwa das oberfränkische Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz, die Lage sei "angespannt". Und weiter: "Wir fahren im Moment auf Sicht". Auch das Krankenhaus Aichach in Schwaben sieht den kommenden Wochen "mit gewisser Sorge entgegen, weil keine Trendwende in Sicht ist und zunehmend Risikopatienten betroffen sind". Das Klinikum Neumarkt in der Oberpfalz rechnet bis ins späte Frühjahr mit konstant vielen Patienten, deshalb müsse man die Kräfte "wie für einen Langstreckenlauf aufteilen".

Am Universitätsklinikum Würzburg spricht man von einer "außerordentlichen Belastung für das Personal". Man betreibe die Intensivstationen, indem man aus anderen Bereichen Pflegepersonal abzieht, qualifiziert, schult- in einer Hauruck-Aktion, sagt Prof. Dr. Patrick Meybohm, Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Würzburg. "Und damit reißt man dann in anderen Bereichen Löcher. Das Tischtuch ist klein und wenn man an einer Ecke zieht, dann fehlt es woanders."

Aktuell können sich gerade große Krankenhäuser noch damit behelfen, bei vollbelegten Intensivstationen die Patienten innerhalb des Hauses zu verlegen, zur Not in OP-Säle oder Aufwachräume.

Drohende Konkurrenz zwischen Covid- und anderen Intensivpatienten

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, warnt: Es dürfe nicht dazu kommen, dass Notfälle wegen überlasteter Corona-Stationen abgewiesen werden müssten. Deshalb sollten die Krankenhäuser planbare Eingriffe verschieben.

Allerdings gibt Prof. Patrick Meybohm von der Uniklinik Würzburg zu bedenken: Verschieben sei nicht immer möglich, etwa bei Krebspatienten oder Herzkranken. "Die OPs, die man tatsächlich verschieben könnte, wie Schönheits-OPs oder künstliche Kniegelenke, die bringen uns in der Intensivmedizin gar nichts, denn diese Patienten sind alle so gesund, die kommen sowieso nicht auf die Intensivstation."

Personalmangel nicht das einzige Problem

Intensivpflegekräfte nennen in Hintergrundgesprächen weitere Probleme: Covid-Intensivpatienten binden nach Angaben der Mediziner und Pflegefachkräfte so viel Personal, dass nur etwa ein Drittel der Intensivbetten "bepflegt" werden könne. Tatsächlich müsse sich meist eine Pflegefachkraft um einen Covid-Intensivpatienten kümmern.

Experten, die seit Jahren auf den Fachkraftmangel im Intensivbereich hinweisen, bekräftigen die Rechercheergebnisse: Martina Hasseler, Professorin an der Ostfalia Hochschule, erklärt im BR-Interview, in Deutschland denke man nie in arbeitsfähigen Systemen.

Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung fordert, die Zählweise im Intensivregister neu aufzustellen: Bisher sei die Abfrage zu theoretisch orientiert. Man müsse stattdessen ganz praktisch wissen, ob das konkrete Personal im jeweiligen Krankenhaus mit komplexen Beatmungsfällen umgehen könne.

Das intensivmedizinische Personal kritisiert außerdem, dass das Intensivregister der DIVI, das freie Intensivbetten auflistet, etwa das Vorhandensein von Dialysegeräten nicht erfasst. Gerade kleinere Krankenhäuser hätten oft keine oder nur wenige Möglichkeiten zur künstlichen Blutwäsche. Dabei brauche jeder dritte Corona-Intensivpatient dieses Nierenersatzverfahren.

"Die Zahl der Betten stimmt nicht." / "Da wurden Kapazitäten gemeldet, die der Phantasie entsprungen sind. Die sind beim Rettungsdienst abgemeldet, bei der DIVI aber verfügbare Betten." / "Neulich lag einer zwei Tage im Aufwachraum und in unserem Meldesystem stand aber, dass Intensivbetten frei wären." Anonymisierte Zitate aus Gesprächen mit intensivmedizinischem Personal

DIVI kündigt Nachbesserungen an

Die DIVI bestätigt die Berichte des intensivmedizinischen Personals. Im BR-Interview räumt ihr Sprecher, Professor Christian Karagiannidis, ein, es gebe einzelne Kliniken, in denen unter anderem Geschäftsführer vorgäben, dass eine höhere Bettenzahl gemeldet werden solle, als tatsächlich vorhanden sei.

Die DIVI will das Intensivregister nun nachbessern: In den kommenden Wochen will man die Krankenhäuser bitten, ihre Dialysegeräte zu melden, vor allem aber will man künftig abfragen, wie viele Covid-Intensivpatienten ein Krankenhaus tatsächlich versorgen kann. "Je genauer alle melden, desto besser ist es für die Steuerung des Gesundheitswesens in Deutschland", sagt Prof. Karagiannidis. "Wir haben eine große gesellschaftliche Aufgabe in dieser Pandemie. Und je besser wir das machen und je ehrlicher wir dabei sind, desto eher kommen wir auch unseren gesamtgesellschaftlichen Aufgaben nach."

© BR
Bildrechte: BR

Heute meldete das RKI für Deutschland 13554 Neuinfektionen, etwas weniger als in der Vorwoche. Auf den Intensivstationen aber ist von Entspannung keine Spur: In Bayern werden die Intensivbetten knapper.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!