BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Das Einfamilienhaus-Dilemma | BR24

© MEV/Karl Holzhauser

Neues Einfamilienhaus mit Garage

191
Per Mail sharen

    Das Einfamilienhaus-Dilemma

    Das Einfamilienhaus ist in die Kritik geraten. Der Vorwurf: Es verbraucht zu viel Fläche, Baustoffe und Energie. Im ländlichen Raum in Bayern ist es aber die vorherrschende Wohnform. Doch es gibt attraktive Alternativen.

    191
    Per Mail sharen
    Von
    • Arno Trümper

    Wegen hoher Immobilienpreise und der neuen Möglichkeit zum Homeoffice machen sich aktuell viele Gedanken über einen Umzug von der Stadt aufs Land. Doch von den 3,1 Millionen Wohngebäuden in Bayern sind nur 400.000 Mehrfamilienhäuser, die wenigsten davon befinden sich im ländlichen Raum. Und es werden immer neue Baugebiete ausgewiesen, für immer neue Einfamilienhäuser. Neue Lösungen sind deshalb gefragt.

    Buch am Erlbach, zehn Kilometer östlich von Moosburg, liegt idyllisch in einem kleinen Tal im niederbayerischen Landkreis Landshut, außen herum Äcker und Wald - ein typisches bayrisches Dorf, aber nur auf den ersten Blick.

    Zum Thema Wohnen senden wir heute um 15 Uhr ein BR24live. Gesprächspartner sind Unionsfraktionsvize Ulrich Lange aus Schwaben und Nicole Gohlke von der Linken aus München.

    Dörfer verlieren häufig ihren Charakter

    Bis letztes Jahr war Franz Göbel hier Bürgermeister und machte sich Sorgen um die Zukunft seiner Gemeinde. Sie drohte zum reinen "Schlafdorf" zu werden. Der Einzelhandel machte seine Läden zu, die Menschen fuhren immer häufiger zum Einkaufen nach Landshut und das Dorfleben litt. Göbel musste etwas ändern. Eine seiner Maßnahmen war, etwas gegen die "Gärten mit Einfamilienhaus-Monokultur“ zu unternehmen. Er hatte die Idee des Mehrgenerationenhauses. Nicht alle waren gleich begeistert.

    "Das war eine neue Wohnform bei uns, in Buch am Erlbach und da haben wir schon einiges erklären müssen. Wir mussten den Bürgern das Ziel erklären, dass wir mit dieser Wohnform billiges Wohnung ermöglichen wollen und vor allen Dingen auch Wohnraum schaffen können, für jüngere Leute und Senioren, die noch selber im Leben stehen." Altbürgermeister Franz Göbel

    Denn genau diese Gruppen drohten immer mehr abzuwandern. Die Jungen konnten sich die Einfamilienhäuser noch nicht leisten. Vielen Älteren fiel es schwer, ihre großen Häuser zu unterhalten. Die Menschen hatten so oft keine andere Wahl als wegzuziehen. Dabei wären sie so wichtig, in den Vereinen, fürs Dorfleben, in der Wirtschaft.

    Eine mutige Genossenschaft macht den Anfang

    Martin Okrslar ist Gründer der Maro-Genossenschaft, die das Mehrgenerationenhaus in Buch am Erlbach realisiert hat. Er hat gute Erfahrungen mit solchen Projekten gemacht, obwohl die im ländlichen Raum noch nicht sehr verbreitet sind - weder genossenschaftliches Bauen noch Mehrgenerationenhäuser.

    "Wir sind als Genossenschaft nur am Land tätig. Wir machen nichts in großen Städten. Anfangs wurden wir von den anderen Baugenossenschaften ausgelacht. Die sind alle nur in den Städten. Sie sagten: Das wollen die Leute gar nicht! Aber wir haben festgestellt, dass gerade die generationenübergreifenden Projekte, wo es um gegenseitige Unterstützung geht, in den Dörfern gut angenommen werden." Martin Okrslar, Maro-Genossenschaft

    Junge und Alte treffen sich

    Seit dem Sommer wohnt auch Manfred Friedrich im Mehrgenerationenhaus. Hier hat der rüstige Rentner genau das gefunden, was er suchte.

    "26 Parteien, bunte Mischung, das sind total sympathische Leute, auch wenn man einige eher selten sieht. Spaß macht es mit den Kindern. Meine Jungs sind schon lang aus dem Haus, und das war schon sehr erfrischend und belebend, hier wieder mit den Kindern aus dem Haus Fußball oder Tennis zu spielen." Manfred Friedrich, Bewohner eines Mehrgenerationenhauses

    Obwohl Manfred Friedrich gerade erst aus dem Rheinland hierhergezogen ist, hat er schnell Anschluss ans Dorfleben gefunden. Er freut sich schon auf das Ende des Lockdowns. Dann will er sich in der Umweltgruppe der Gemeinde engagieren.

    Einfamilienhaus und Pkw gehören zusammen

    Marc Michaelis, Professor an der TU München für nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land, sieht ein weiteres Problem in der Ausweisung immer neuer Neubaugebiete für Einfamilienhäuser: Dadurch würden die Dörfer immer größer.

    "Wenn sich die Bebauung zu sehr in die Fläche ausbreitet, werden die Distanzen innerhalb der Bebauung immer größer. Es wird immer unattraktiver zum Beispiel zu Fuß zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Dann steigen alle wieder ins Auto. Und wenn sie erst einmal ins Auto gestiegen sind, dann fahren sie auch zum weiteren Supermarkt, weil da das Angebot größer ist. Das heißt, man muss versuchen, näher an die Ortszentren zu kommen, auch um die Läden dort zu unterhalten und es attraktiv zu machen, diese Infrastruktur zu nutzen." Marc Michaelis, Professor an der TU München

    Auch das gelingt mit dem Mehrgenerationenhaus, weil es Wohnungen hat und so mehr Menschen auf engerem Raum zusammenleben. Bewohner Manfred Friedrich sieht das nicht als Nachteil. Er genießt es, zu Fuß einkaufen zu gehen und im Dorf neue Bekannte und Aufgaben zu finden.

    "Hier kann ich etwas machen und wenn es nicht mehr geht, geht’s nicht mehr…dann machen es andere, weil hier leben ja auch Jüngere." Manfred Friedrich, Bewohner eines Mehrgenerationenhauses

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!