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Zu viele Touristen? Der neue Stadt-Land-Konflikt | BR24

© BR/Georg Bayerle

In den vergangenen Wochen ist die Stimmung vor allem im Raum Miesbach und Schliersee hochgekocht. Auslöser war die Diskussion um Überfüllung und ein Ausflugsverbot, das dann auch für knapp zwei Wochen verhängt wurde.

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Zu viele Touristen? Der neue Stadt-Land-Konflikt

In den vergangenen Wochen ist die Stimmung vor allem im Raum Miesbach und Schliersee hochgekocht. Auslöser war die Diskussion um Überfüllung und ein Ausflugsverbot, das dann auch für knapp zwei Wochen verhängt wurde.

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Von
  • Georg Bayerle

Szenen wie auf einem Wimmelbild gab es am Spitzingsee und dann ist die Stimmung hochgekocht: "Als Einheimischer ist, was ich momentan erlebe, ein absoluter Graus", sagt ein Schlierseer Skitourengeher, der beobachtet, wie Skifahrer, Rodler, Winterwanderer kreuz und quer über die Skipiste laufen. Ein doppelt besetzter Rodel fährt eine etwas unbeholfene Skifahrerin über den Haufen. Gerade im Lockdown suchen viele ein paar Sonnenstunden am Berg. Wenn es dann eng wird am Berg, kippt die Stimmung schnell - wie auch unsere Reportage über das schon seit geraumer Zeit akute Thema zeigt:

Münchner fühlen sich zu Unrecht angegriffen

"Also wir werden regelmäßig ungut angesprochen, dass wir doch in München bleiben sollen und dass man die Autobahn sperren sollte für die Münchner", berichtet eine Winterwanderin. Schon im Sommer hatte es etwa am Walchensee ähnliche Zusammenstöße von Einheimischen und "Stoderern" (Städtern) gegeben. Viele der gescholtenen Münchner halten dagegen: "Ich bin unten am Parkplatz auch angemotzt worden, weil ich mit einem Münchner Kennzeichen daherfahre und die vielen Kilometer auf mich nehme. Aber viele Miesbacher, Weilheimer und Rosenheimer pendeln ja jeden Tag nach München."

Fahrtströme in beide Richtungen

Ein Blick auf die Zahlen: Rund 300.000 Menschen pendeln täglich in den Großraum München ein. Das macht rund 65 Millionen Fahrten im Jahr. Umgekehrt unternehmen die Münchner rund 13 Millionen Tagesausflüge ins südliche Alpenvorland. Das zeigt wie groß die Aufgaben für die Verkehrspolitik, den Klimaschutz und die traditionellen Lebensverhältnisse in der Stadt wie auf dem Land sind.

Von der aufgeheizten Lage wurde der für Tourismus zuständige Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger überrascht: "Wie in allen Bereichen sehen wir, dass uns Corona am linken Fuß erwischt und überrollt hat. Die früher im Flugzeug und auswärts sich vergnügt hätten, machen jetzt Urlaub zuhause."

Doch die Probleme durch den Freizeitboom in die Natur hatten sich schon seit Jahren angebahnt. Der Lockdown hat sie nur zum Ausbruch gebracht. Dabei steht der in Bayern verfassungsrechtlich garantierte "Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur" nicht in Frage. Und die Landbevölkerung lebt umgekehrt vom Arbeits- und Einkaufsraum München oder nutzt in der Freizeit Kultur- und Sportveranstaltungen.

Der Stadt-Land-Konflikt beginnt im 19. Jahrhundert

Der Zusammenprall der beiden Welten hat eine lange Vorgeschichte. Im 19. Jahrhundert entdeckt die wachsende Stadtbevölkerung das Land als Freizeitraum, während die Landbewohner "ihre" Lebensumwelt als Wirtschafts- und Lebensraum betrachten. Während ein städtischer Ballungsraum immer weiter in die Umgebung ausgreift und die Lebensverhältnisse auf dem Land verändert, kämpft die traditionelle Landbevölkerung um ihre Identität.

Eine Lösung sieht der Bamberger Kulturgeograph Werner Bätzing nur in einer gesunden Distanz zum städtischen Raum, um so eigene Traditionen und Strukturen zu erhalten, Handwerksbetriebe, regionale Wirtschaftskreisläufe oder die kleinstrukturierte, alpine Landwirtschaft. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Öffentliche Nahverkehr, der gut zur Steuerung und Verteilung der Besucher beitragen könnte. Während sich typische Konfrontationspunkte an Orten befinden, die leicht mit dem Auto erreichbar sind. Und es würde die Blechlawine reduzieren, die einer der größten Konfliktpunkte ist.

Wie geht es weiter?

Während nun Landrat und Bürgermeister im Kreis Miesbach schweigen, bemüht sich der Tourismuschef der Alpenregion Tegernsee-Schliersee, Harald Gmeiner, um Ausgleich: "Also von Krieg ist keine Rede. Das war so eine richtige Kommunikations- jetzt sag ich nicht - Panne. Also grundsätzlich sind die Münchner bei uns alle herzlich willkommen. Das muss man schon mal klar und deutlich sagen. Und wir versuchen da auch, das wieder ins richtige Licht zu bekommen."

Dazu müssen angestaute Probleme gelöst werden: Es geht um den seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten verschlafenen Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs und darum, Besucher vor allem an Spitzentagen besser zu lenken und zu verteilen. Jetzt starten erste Modellprojekte zur digitalen Besucherlenkung. Es ist höchste Zeit, denn der Trend raus in die Bergnatur, wird sich fortsetzen.

Mehr zum Thema heute Abend auch in Kontrovers um 21:15 Uhr im BR-Fernsehen und in der Kontrovers Story auf dem BR24-YouTube-Kanal oder in der BR-Mediathek.

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