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Zu hohe Abrechnungen bei der Leichenschau | BR24

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Wenn ein Mensch stirbt, muss ein Arzt den natürlichen Tod feststellen. Doch die Leichenschau ist schlecht bezahlt. Das kann zum Problem werden: Schaut der Arzt nicht genau hin, bleiben Gewaltverbrechen unentdeckt.

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Zu hohe Abrechnungen bei der Leichenschau

Gegen rund 100 Ärzte aus dem Raum Karlsruhe ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Sie sollen zu hohe Gebühren für die Leichenschau verrechnet haben. Auch bei der Staatsanwaltschaft München sind Anzeigen eingegangen.

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Nach dem Ableben eines Menschen muss ein Arzt den Totenschein ausstellen. Er tut das durch eine Leichenschau. Für die Leistung erhält er einen festgelegten Betrag nach der Gebührenordnung für Ärzte, GOÄ.

Falsche Abrechnungen für die Leichenschau

Über die Abrechnung der Leichenschau ist eine Diskussion entbrannt. Ärzte vor allem in Baden-Württemberg sollen zu viel für die Ausstellung eines Totenscheins von den Hinterbliebenen verlangt haben.

Anlass war die Anzeige einer Privatperson im Dezember 2016. Die Staatsanwaltschaft in Karlsruhe stieß auf immer mehr Fälle und weitete die Ermittlungen aus. Sie soll nach Angaben des SWR die Leichenschau-Abrechnungen von rund 100 Medizinern überprüfen.

In Extremfällen sind nach Angaben der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas schon 200 bis 300 Euro für die Leichenschau verlangt worden. Von Ähnlichen Fällen berichtet auch der Bestatterverband Bayern. Die Leichenschau-Abrechnung eines Arztes wird über die Bestatter abgewickelt., diese geben die Rechnung an Hinterbliebene weiter.

Auch Staatsanwaltschaft München liegen Anzeigen vor

Auch bei der Staatsanwaltschaft in München sind erste Anzeigen eingegangen, bestätigt eine Sprecherin dem Bayerischen Rundfunk.

"Wir haben hier einzelne Strafanzeigen von Privatpersonen zu diesem Thema erhalten, die Abrechnungen nach der GOÄ betreffen. Ein größeres Verfahren wie in Karlsruhe haben wir zu diesem Thema nicht." Anne Leiding, Oberstaatsanwältin, Staatsanwaltschaft München

Ärzte klagen über zu geringe Honorierung

Aus Sicht der Ärzte wird die Leichenschau zu niedrig honoriert. Die Bundesärztekammer forderte eine Abrechnung in Höhe von 170 Euro. Für die Untersuchung eines Toten inklusive Todesfeststellung und Ausstellen des Totenscheins können derzeit maximal 51 Euro abgerechnet werden. Hinzu kommt die Erstattung der Fahrtkosten. Im Durchschnitt erhält der Arzt damit zwischen 65 und 75 Euro.

Hat der Verstorbene keine Angehörigen und gibt eine Behörde, zum Beispiel die Polizei, die Leichenschau in Auftrag, darf der Arzt nur 14,57 Euro verrechnen.

Von der Politik vertröstet

Die Bundesregierung erkennt die Forderungen der Ärzteverbände grundsätzlich an, vertröstet sie aber auf die nächste Novelle der Gebührenordnung. Doch das reicht den Medizinern nicht, ihnen wäre es am liebsten, wenn die Leichenschau künftig nicht mehr nach Gebührenordnung abgerechnet werden müsste.

"Gerade die Bayerische Landesärztekammer hat schon vermehrt Initiativen gestartet ans Ministerium, dass doch die Leichenschau bitte aus der Ärztlichen Gebührenordnung herausgenommen werden würde, denn die ärztliche Gebührenordnung ist eine Gebührenordnung für lebende Menschen. Es gibt ja auch Beispiele: In der Hansestadt Bremen werden Leichenschauen im Stadtgebiet aus dem Stadtsäckel mit einem festen Satz vom 120 Euro bezahlt und da gibt es überhaupt keine Diskussion und keine Probleme." Hans-Erich Singer, Bayerischer Hausärzteverband

War es Mord? Besondere Verantwortung der Ärzte

Die falschen Abrechnungen der Ärzte sind das eine, dafür werden die Betreffenden zur Rechenschaft gezogen. Die viel wichtigere Frage ist, darf die Leichenschau nur eine schlecht vergütete Formalie sein? Oder muss auch die Honorierung die besondere Verantwortung des Arztes widerspiegeln?

Laut bayerischem Bestattungsgesetz ist es absolut notwendig zu wissen, ob der Mensch eines natürlichen Todes gestorben ist oder durch Mord, Unfall oder Selbstmord. Für den hinzugezogenen Arzt heißt das, er muss die Leiche in jedem Fall entkleiden, genau untersuchen – auch in Körperöffnungen und an behaarten Stellen. Das ist seine Pflicht.

Und das für weniger als 80 Euro. Dazu kommt: Gesetzlich ist jeder Arzt unabhängig von seiner Fachrichtung verpflichtet, eine Leichenschau durchzuführen. Eine Fortbildung dafür gibt es aber nicht.

Kritik: Tötungsdelikte bleiben unentdeckt

Da verwundert es nicht, dass eine Studie der Universität Münster ergab, dass jeder zweite Mord in Deutschland unentdeckt bleibt. Handlungsbedarf sieht auch die Gewerkschaft der Polizei. Dort hat sich der Fachausschuss Kriminalpolizei mit dem Thema beschäftigt.

"Es ist halt so, dass mit Sicherheit einige ungeklärte Tötungsdelikte einfach nicht in der Statistik erscheinen, weil man von einem natürlichen Tod ausgeht infolge der Leichenschau durch den Arzt." Peter Schall, Gewerkschaft der Polizei

Alle sind sich einig: Die Feststellung des natürlichen Todes - wie im Bestattungsgesetz heißt - muss verbessert werden, finanziell, professionell und politisch. Es geht auch darum sicherzustellen, dass gewaltsame Tode nicht unentdeckt bleiben.